Schweiz
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Plakat gegen Zwangsheirat: «Zwangsehe ist kein Schicksal mehr.» bild: gegen-zwangsheirat

Luana ist kein Einzelfall: «In der Schweiz gibt es mindestens 700 Zwangsehen im Jahr – aber die Dunkelziffer ist hoch»

Die Thematik der Zwangsheirat wird politisch und medial immer wieder heiss diskutiert – der Fall von Luana macht das wieder deutlich. Doch die Dunkelziffer der Opfer ist hoch und ihre Betreuung schwierig. Ein Gespräch mit Natalie Trummer von Terre des Femmes Schweiz.

30.07.15, 08:37 31.07.15, 11:21


«Zwangsheirat» ist ein sehr emotionales Thema, das immer wieder die Gemüter erhitzt. Die der Politiker, die der Medien und die der Leser. Eine junge Frau, die gegen ihren Willen mit einem Mann verheiratet wird, wird ihres Rechts auf Selbstbestimmung beraubt. Ein Menschenrecht wird mit Füssen getreten – und oft mit den «traditionellen» kulturellen oder religiösen Praktiken gewisser Migrantengruppen erklärt. 

Doch das Feld ist gross und viele sozialwissenschaftliche Fragen bezüglich Zwangsheiraten sind noch unbeantwortet. Es gibt nur sehr wenig empirisch fundierte Kenntnisse darüber. «Die Thematik stiess auf ein mediales und politisches Echo, bevor überhaupt sozialwissenschaftliche Reflexionen dazu vorlagen» –  heisst es in der von der Universität Neuenburg und vom Bundesamt für Migration 2012 herausgegebenen Studie

Natalie Trummer, die Geschäftsleiterin von Terre des Femmes Schweiz arbeitet täglich mit Frauen zusammen, die einem ehelichen Zwang unterworfen sind. 

Von wie vielen Opfern von Zwangsheirat kann in der Schweiz ausgegangen werden?
Natalie Trummer: Zahlen sind sehr schwierig zu ermitteln, weil das Thema stark tabuisiert und damit auch die Dunkelziffer entsprechend hoch ist. Bisher gibt es nur diese eine Studie der Universität Neuenburg, die sich eingängig mit dem Thema beschäftigt hat. Darin wird von mindestens 700 bekannten Fällen von Zwangsverheiratungen und Zwangsehen im Jahr ausgegangen, aber das ist nur eine Schätzung. 

Wer sind die Betroffenen? 
Zu uns kommen vor allem junge Frauen, die in einem patriarchalen Umfeld aufgewachsen sind. Viele von ihnen sind Anfang 20, also in einem Alter, in dem sie traditionsgemäss heiraten sollten. Das sind aber nicht nur Frauen muslimischer Herkunft, auch im Hinduismus, in christlichen und jüdischen Kreisen gibt es solche Formen von partnerschaftlichem Zwang. 

Darunter fallen dann auch arrangierte Ehen? 
Ja. Allerdings ist eine arrangierte Ehe von einer Zwangsehe zu unterscheiden. Bei einer arrangierten Heirat kann man «nein» sagen. Die Grenze ist natürlich fliessend und hängt auch stark von den Betroffenen ab. Was für eine Person Zwang ist, ist es für eine andere Person nicht. Zu uns kommen Menschen, die sich in irgendeiner Form in ihrer Selbstbestimmung beschnitten fühlen. Das kann der Zwang sein, Kinder kriegen zu müssen, in der bestehenden Ehe zu bleiben oder eben eine gewisse Person zu heiraten. Wir kümmern uns dann um den spezifischen Fall.

Wie sieht die rechtliche Lage in der Schweiz aus?
Am 1. Juli 2013 trat in der Schweiz das Bundesgesetz gegen Zwangsheirat in Kraft, das für Personen, die jemanden zu einer Heirat zwingen, eine Strafe von bis zu fünf Jahren Haft vorsieht. Eine solche Ehe kann dann als ungültig erklärt, also annulliert werden, ohne dass die Betreffenden danach den Zivilstand «geschieden» tragen. Sie sind dann weiterhin «ledig». Das ist eine wichtige Anerkennung des Unrechts und der Menschenrechtsverletzung, die der betroffenen Person angetan worden ist.

Wie sollte man reagieren, wenn der Verdacht auf einen solchen Ehezwang aufkommt? 
Zwangsheirat ist ein Offizialdelikt und muss von Amts wegen verfolgt werden. Aber oftmals ist es schwierig, denn man weiss nicht genau, wie stark die Person kontrolliert wird und ob nicht auch noch Gewalt im Spiel ist. Daher sollte man nicht auf eigene Faust handeln, sondern eine spezialisierte Beratungsstelle kontaktieren. Sie finden auch auf unserer Website Unterstützung oder bei zwangsheirat.ch, die Anlaufstelle von Anu Sivaganesan, mit der wir eng zusammenarbeiten.

Was wird in der Schweiz gegen Zwangsheiraten unternommen und was sollte noch unternommen werden? 
Neben dem neuen Gesetz gibt es ein Bundesprogramm zur Bekämpfung von Zwangsheiraten, dessen Ziel es ist, bundesweit Massnahmen zu ergreifen, um diese Menschenrechtsverletzung zu verhindern und Betroffene zu unterstützen. Aber man müsste die Präventionsarbeit vertiefen, um die Menschen mehr auf das Thema zu sensibilisieren. Oft sind wir auch mit einer Akut-Situation konfrontiert, in der wir dann Krisenintervention betreiben. Aber danach? Es gibt keine «Täterarbeit», keine Auseinandersetzung mit dem Problem innerhalb der Familie der Betroffenen. So hat die Opferbetreuung keine dauerhafte Wirkung. 

Wie kommen die Betroffenen zu Terre des Femmes? 
Viel läuft wohl über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir verteilen auch Flyer. Manchmal ruft uns die Polizei oder eine Opferberatungsstelle, die einen solchen Fall hat und nicht recht weiter weiss. Es ist auch schon vorgekommen, dass eine unserer eigenen Mitglieder nicht mehr von den Ferien zurückgekehrt ist, weil sie dort zwangsverheiratet wurde. 

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • everSin 30.07.2015 09:08
    Highlight Wiedermal ein Fall von Religion vs. ECHTE Menschenrechte.
    Wenns den Feministen ein Dorn im Auge ist, darf das Tabuthema plötzlich angepackt werden. Aber wievon sassenach schon bemerkt, es geht ja wieder nur um die Frau in der Opferrolle und nicht wirklich um die Problematik an sich...
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    • Lebovskitofski 30.07.2015 09:34
      Highlight ich glaube everSin meint mit "nur" Frauen in der Opferrolle dass wiedermal nicht erwähnt wird dass auch männer zwangsverheiratet werden.
      In den Zeitungen liest man immer wieder von vergewaltigungen und es sind immer frauen oder kinder. Jedoch werden auch männer vergewaltigt, sexuell missbraucht. Auch männer können in eine Opferrolle treten.
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    • Ms. Song 30.07.2015 09:43
      Highlight everSin sagt nicht, dass er es befürwortet, dass Frauen zwangsverheiratet werden. Ihn/Sie stört es, dass a) nur die Frauen als Opfer anerkannt werden und b) dass die Frauen als Täter nicht erwähnt werden. So verstehe interpretiere ich den Kommentar. Als Gesellschaft müssen wir unsere Geschlechtervorurteile wirklich überdenken. Beispiel? Tötet eine Mutter ihr Kind, war sie verzweifelt und alle haben Mitleid. Tötet ein Vater sein Kind, dann wollte er sich rächen und alle verurteilen ihn aufs schärfste. Dieses Beispiel zeigt deutlich auf, wie sehr dieses Opfer/Täter Denken in uns verwurzelt ist.
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  • Chili5000 30.07.2015 09:02
    Highlight Die Täter sind oft die eigenen Familien die ihre Töchter und! Söhne zu so etwas zwingen oder zumindest grossen Druck aufsetzten. Mein Cousin wurde auch gedrängt eine Frau zu heiraten die er erst ein paar mal gesehen hat. Wenn man sich weigert oder sich aus der Kultur entfernt wird man Ausgegrenzt und als letzte Massnahme wird der Kontakt gänzlich abgebrochen in der Hoffnung das sich die Person ihrem Schicksal ergibt. Ich habe das als Mann erlebt weil ich mich für meine Schweizer Freundin, heute Ehefrau, entschieden habe. Mein Vater hatte über ein Jahr den Kontakt zu mir abgebrochen.
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  • Ms. Song 30.07.2015 08:55
    Highlight Liebe Anna, danke dass Sie über dieses Thema berichten. Darf ich Sie fragen, weshalb man sich bei der Berichterstattung doch sehr auf die Frauen konzentriert? Die Männer werden genau so von ihren Eltern in diese Ehen gezwungen. Sie leiden auch. Nur mit dem Unterschied, dass sie sich der Öffentlichkeit noch weniger öffnen können. Als Mann kann man nicht über seine Gefühle reden. Vor allem in diesen Kulturen. Ich fände es wichtig, wenn man anerkennt, dass auch die Männer Opfer dieser Tradition sind.
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    • Anna Rothenfluh 30.07.2015 09:09
      Highlight Das ist sicher so, Frau Trummer hat mir gesagt, sie hätten auch junge Männer, die zu ihnen kommen, oft auch homosexuelle. Bei ihnen ist es dann, wie du sagst, noch weit schwieriger, weil das ein furchtbar tabuisiertes Thema ist. Mehrheitlich wären es aber Frauen, deshalb hab ich den Fokus auf sie gelegt. Damit wollte ich aber die Sache der Männer keinesfalls totschweigen.
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    • Ms. Song 30.07.2015 09:37
      Highlight @Anna danke für die Antwort. Ich bin etwas sensibel auf das allgemein geförderte Denken, dass Frauen die wehrlosen Opfer und Männer die skrupellosen Täter sind. Bei diesem Thema sind beide Geschlechter Opfer und Täter zugleich.
      @Rhabarber die Gleichberechtigung sollte kein "Spiess umdrehen" sein, sondern die Überwindung von geschlechterbezogenen Benachteiligungen und Rollendenken. Es gibt auch einen Unterschied, ob man sich durch eine männliche Berufsbezeichnung ausgeschlossen fühlt und ob man auf Grund des Geschlechts als Täter oder Opfer abgestempelt wird.
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    • zhgr1989 30.07.2015 10:00
      Highlight @Rhabarber
      Ich denke, sie sollten evt. nicht zu jedem Kommentar, der in irgendeiner Form, Männer als ebenfalls benachteiligte darstellt, kontern. Ist teilweise fast schon gesucht. Alle wissen, dass mehrheitlich Frauen darunter zu leiden haben, jedoch gibt es AUCH Männer mit diesem Schicksal... Gleichberechtigung für alle!
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