Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Sean Simpson, left, head coach of Switzerland's national ice hockey team, gestures next to Switzerland's players Benjamin Pluess, 2nd left, Reto Suri, 2nd right, and Andres Ambuehl, right, during the 2014 IIHF Ice Hockey World Championships preliminary round game Latvia vs Switzerland, at the Minsk Arena, in Minsk, Belarus, Tuesday, May 20, 2014. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Bild: KEYSTONE

Tränen lügen nicht

Nationaltrainer Sean Simpsons starker letzter Auftritt war auch eine Komödie 

Sean Simpson kämpfte bei seinem Abschied als Schweizer Nationaltrainer mit den Tränen. Wir werden ihm noch nachtrauern.

21.05.14, 07:32 21.05.14, 13:35

Vom grossen Universalgelehrten Buonarroti Michelangelo stammt die Weisheit: «Diejenigen, die gehen, fühlen nicht den Schmerz des Abschieds. Der Zurückgebliebene leidet». 

Diese Worten gelten für den Abschied von Nationaltrainer Sean Simpson für unser Hockey. Der Kanadier wird jetzt in Russland (als Trainer von Jaroslawl) in den nächsten zwei Jahren Salär-Millionär. Er kann den Abschied verschmerzen. Aber wir werden leiden. 

Ueli Schwarz (l.) und Pius-David Kuonen: Werden auch sie die Ära Simspon vermissen? Bild: freshfocus

Der Schritt vorwärts unter Simpson

Doch kehren wir zurück zum Alltag. Zur Gegenwart. Zum letzten Spiel unseres Nationalteams unter der Führung von Sean Simpson. Die Schweiz gewinnt die letzte WM-Partie gegen Lettland 3:2 und beendet die WM auf dem 10. Schlussrang. Aber das Resultat war für uns ja ohnehin nicht mehr so wichtig. Es geht an diesem späten Dienstagnachmittag um etwas anderes. Den Abschied von Sean Simpson. 

Bild: freshfocus

Der Kanadier hatte am 8. Mai 2010 seinen ersten WM-Auftritt als Nationalcoach und führte die Schweiz zu einem 3:1 gegen Lettland. Nun verabschiedet er sich mit einem 3:2 gegen den gleichen Gegner. Noch vier Spieler von 2010 sind dabei: Mathias Seger, Damien Brunner, Roman Josi und Andres Ambühl. Der fünfte, Kevin Romy, fehlt in dieser letzten Partie wegen einer Gehirnerschütterung. 

Sean Simpson hat während seiner Amtszeit mehr junge Spieler in die Nationalmannschaft eingebaut und an das höchste internationale Niveau herangeführt als jeder seiner Vorgänger. Mit einer taktischen Perestroika hat er eine weitgehend defensive und spielerisch limitierte Mannschaft in ein Spektakelteam verwandelt, das zu höchsten Höhen aufzusteigen vermag (WM-Silber 2013). Aber eben stets auch den Keim des Versagens in sich trägt (viermal die Viertelfinals verpasst). «Ein WM-Final ist mir lieber als sechs Viertelfinals» sagt Sean Simpson dazu. Dagegen ist nichts einzuwenden. 

«Ein WM-Final ist mir lieber als sechs Viertelfinals.»

Sean Simpson

Der letzte Vorhang fällt

Vorgänger Ralph Krueger. Bild: KEYSTONE

Der grosse Moment, auf den alle warteten, ist der allerletzte offizielle Auftritt des Nationaltrainers. Sean Simpsons Vorgänger Ralph Krueger hatte seinen vorzeitigen Abschied vor vier Jahren am Tag nach dem letzten Spiel beim Olympischen Turnier in Vancouver im Schweizer Haus als grosses, dramatisches Schauspiel inszeniert. Sein Auftritt ging den Chronisten so sehr zu Herzen, dass sich einer der langgedienten Reporter spontan erhob und eine Dankesrede hielt. 

Ralph Krueger hatte mit seinem Rücktritt die Hockeywelt überrascht. Denn eigentlich hätte er gemäss Vertrag mit der Schweiz auch noch die WM 2010 bestreiten sollen. Aber er stieg vorzeitig aus und Sean Simpson musste früher als geplant einspringen. 

Sean Simpson ist kein Mann solcher Selbstinszenierungen und Schauspiele. Dafür ist er zu ehrlich. Der Abschied wird ein starker, ein grosser Auftritt des Kanadiers. Aufgelockert durch einen folkloristischen Auftritt von Verbands-Vizeboss Pius-David Kuonen. 

Der stillose Abschied

Sean Simpson war ja nach seiner letzten Partie in der Schweiz im Hallenstadion gegen Kanada am Tag vor dem Abflug nach Minsk nicht verabschiedet worden. Nun taucht Kuonen bei dieser Medienkonferenz auf wie ein ungebetener Gast. Begibt sich vorne aufs Podium und weil alle überrascht sind, hindert ihn niemand daran. Er bedankt sich bei Sean Simpson und schüttelt ihm immer und immer wieder die Hand. 

Kuonen beim Handshake. Bild: freshfocus

Ganz offensichtlich ist dieser Auftritt ein Spontanentschied. Denn Pius-David Kuonen kommt mit leeren Händen. Es gibt keine Blumen. Kein Geschenk. Nichts als einen warmen Händedruck. So unwürdig ist noch selten ein Sportheld verabschiedet worden. Deshalb ist dieser letzte Auftritt unseres Nationaltrainers einerseits stark und andererseits eine Komödie. 

Erst nach diesem kuriosen Kuonen-Schauspiel kommt Sean Simpson zu Wort. Gehört die Bühne ihm. Er kämpft am Anfang seiner Erklärung mit den Tränen. Er blickt zuerst zurück auf ein Turnier, bei dem so wenig für die Viertelfinals (1 Punkt) gefehlt hat. Die Reaktion der Spieler auf den verpatzten Start (drei Niederlagen) sei beeindruckend gewesen. Die Schweizer gewannen drei der letzten vier Partien und verloren nur gegen Finnland im Penaltyschiessen. 

Die Mischung stimmte nicht

Der Unterschied zur Silber-WM von 2013 sei die Zusammensetzung des Teams gewesen. Und zwar nicht im Sinne der Qualität. Vielmehr sei es nicht gelungen, die gleiche Mischung aus offensiven und defensiven Spielern zu finden. Alles in allem sei dieses WM-Team etwas zu unerfahren und zu offensiv orientiert gewesen. «Wir kassierten 2013 in den ersten 7 Spielen zehn Tore. Jetzt waren es in 7 Spielen 21.»

Reto Berra musste zu oft ein Gegentor hinnehmen. Bild: Keystone

Dann folgt die Bilanz seiner Amtszeit (4 Jahre, 2 Monate). Sean Simpson sagt, er verdanke dem Schweizer Eishockey alles. «Ich bin in Kanada aufgewachsen. Aber ich bin als Trainer in der Schweiz ausgebildet worden.»

Er dankt dem Verband für die Chance, die man ihm als Nationaltrainer gegeben habe. Er spricht von gemischten Gefühlen. Abschied und Vorfreude auf die neue Herausforderung in Russland. Er wird Trainer bei Jaroslawl in der KHL, behält aber seine Eigentumswohnung in Zug. Er bricht die Brücken nicht ab. Eine Rückkehr in die Schweiz bleibt eine Option. 

Die vier Tipps für den Nachfolger

Glen Halon. Bild: KEYSTONE

Seinem Nachfolger Glen Hanlon gibt er vier Tipps mit auf den Weg. Erstens: Immer für die bestmögliche Nationalmannschaft kämpfen. Zweitens so viele junge Spieler wie möglich ins Nationalteam einbauen. Drittens gute Beziehung zu den Klubs pflegen und viertens den gleichen offensiven Stil weiterzuführen. 

Verbandsdirektor Ueli Schwarz hat immer betont, ein Nationaltrainer müsse unsere Sprachen, unsere Mentalität, unsere Spieler und unser Hockey kennen. Nun kommt mit Glen Hanlon einer, der unsere Landessprachen nicht beherrscht, unsere Mentalität, unsere Spieler und unser Hockey nicht kennt. Deshalb könnte es halt schon sein, dass wir Sean Simpson nachtrauern werden. Scheitert Glen Hanlon, dann wird Ueli Schwarz die Verantwortung übernehmen und sein Büro räumen müssen. 

Am Schluss fasst Sean seine 20-jährige Trainer-Karriere in der Schweiz in einem Satz zusammen. «Vom Juniorentrainer in Lyss in den WM-Final. Ist doch nicht so schlecht, oder?» Dem ist nichts beizufügen.

Die Bilanz der Ära Simpson 

Amtsantritt: 1. April 2010. Ende der Amtszeit: 31. Mai 2014. 
2010 WM Mannheim. 5. Schlussrang. Viertelfinale gegen Deutschland verloren (0:1). Bis dahin nach den 4. Plätzen von 1992 und 1998 das zweitbeste WM-Resultat seit 1953. 2011 WM Kosice. 9. Schlussrang. Das Viertelfinale verpasst. 2012 WM Helsinki. 11. Schlussrang. Das Viertelfinale verpasst. 2013 WM. WM-Silber. Erste Medaille seit 1953. Bestes WM-Resultat seit 1935, 2014 Olympische Spiele. 9. Schlussrang. Achtelfinale verloren (0:1 Lettland). 2014 WM Minsk. 10. Schlussrang. Das Viertelfinale verpasst. 42 Spiele bei Titelturnieren (38 WM, 4 Olympia) und 23 davon gewonnen. Insgesamt 112 Länderspiele, 65 Siege.



Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

Abonniere unseren Daily Newsletter

4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Italian Stallion 23.05.2014 20:32
    Highlight Ich sage seit Jahren, Leute wie Schwarz, die wenig Verantwortung zeigen, auch nicht wirklich verstehen, was 'Arbeiten' bedeutet, und sich dafür fürstlich bezahlen lassen, müssen Vorgesetzte haben, die genau gleich funktionieren. Anders ist es nicht zu erklären, dass er nicht hochkant entlassen wird. Die Verabschiedung von Simpson ist nur das letzte Ereignis unter vielen Fehltritten der Verbandsoberen. Solange die Vereine, vorallem SCB und ZSC, den Ton angeben, sind halt Leute wie Kuonen und Schwarz bestens geeignet für den Job. KZ hat sich im obigen Bericht verhältnismässig zurückhaltend geäussert. Liegt das am Alter oder am Network-Bonus der Journis?
    1 0 Melden
  • Staal 21.05.2014 15:53
    Highlight Der ( Berner ) Verband eine einzige Katastrophe. Schwarz und Co total überfordert! Nicht nur bei der Wahl des Naticoaches.


    Wenn auch nicht alles Top war unter Simpson, besser als alles andere unter Schönschwätzer Krueger
    3 0 Melden
  • manolo 21.05.2014 08:50
    Highlight einmal mehr eine unwürdige und niveaulose aktion der unfähigen verbandsoberen!
    weg mit diesem Gesindel!
    7 0 Melden
  • rüfi 21.05.2014 08:35
    Highlight Unwürdig wie man mit Sean umgegangen ist...unwürdig wie man man Ihn respektslos verabschiedete......mein Gott die Führung ist so was von lächerlich.
    Alles Gute Sean.....und ich hoffe für ihn die flugzeuge sind sicherer geworden
    8 0 Melden

3 Tore in 4 Minuten – wie die Schweiz in den WM-Halbfinal stürmte

Das Eishockey-Nationalteam steht an der WM in Dänemark in den Halbfinals. Die Schweizer besiegten Finnland nach einem 0:1-Rückstand bis zur 30. Minute mit 3:2. Im Halbfinal trifft die Schweiz am Samstag auf Kanada.

In magischen 235 Sekunden wurde das Fundament für den historischen Sieg gelegt. Gegen Finnland hatte die Schweiz an Weltmeisterschaften seit 1972 nie mehr gewonnen. In den 46 Jahren seither gab es bloss an den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary einen glückhaften 2:1-Sieg über die Suomi.

Mit Glück und Fortune hatte der Schweizer Sieg in Herning wenig zu tun. Die Schweizer rissen im zweiten Abschnitt die Initiative vehement an sich und wurden für ihre mutige Spielweise mit drei Toren …

Artikel lesen