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Bild: Keystone

Jubeltag inmitten des Chaos

Wie Robbie Williams den kleinen FC Wil zum Cupsieg gegen GC führte

12. April 2004: Mitten im Chaos, das ukrainische Investoren angerichtet haben, feiert der FC Wil den grössten Erfolg seiner Geschichte. Nach einem 1:2-Rückstand gewinnen die Ostschweizer den Cupfinal gegen GC mit 3:2.

12.04.14, 07:00

Auf der einen Seite die Zürcher Grasshoppers, der Rekordmeister und Rekordcupsieger. Auf der anderen Seite das kleine Wil, ein Niemand im Schweizer Fussball. Die Ausgangslage vor dem Cupfinal 2004 war sonnenklar: alles andere als ein GC-Triumph wäre eine faustdicke Überraschung.

Die Ostschweizer machten zwar nach ihrem Aufstieg in die Super League 2002 von sich reden, schlugen beispielsweise den «grossen Bruder» FC St. Gallen im Kantonsderby mit dem Eishockey-Resultat von 11:3. Doch wenige Tage nach jenem Sieg platzte im November 2002 die Bombe: Präsident Andreas Hafen stahl seinem Arbeitgeber UBS 51 Millionen Franken.

Andreas Hafen, Praesident des FC Wil, aufgenommen am 30. Maerz 2002 beim Spiel gegen den FC Thun auf dem Sportplatz Bergholz Wil. Der in Amriswil, TG, wohnhafte Praesident des Fussball-Nationalliga-Klubs FC Wil, Andreas Hafen, sitzt seit Freitag, 15. November 2002 in Untersuchungshaft. Er wird verdaechtigt, als Mitarbeiter der UBS St. Gallen Vermoegensdelikte in Millionenhoehe begangen zu haben, wie am Freitag bekannt wurde. Das Untersuchungsrichteramt des Kantons Thurgau hat eine Untersuchung angeordnet. Es fanden mehrere Hausdurchsuchungen statt, wobei diverse Dokumente sichergestellt wurden. Die Auswertungen sind nach Polizeiangaben im Gange. (KEYSTONE/MARIO GACCIOLI) *** Local Caption *** Hafen01

Der dubiose Präsident: Andreas Hafen. Bild: Keystone

Vom Regen in die Traufe: Nach Hafen kommt Belanow

Einen grossen Teil des Geldes, rund elf Millionen Franken, steckte Hafen in den FC Wil. Kritische Stimmen nach der Herkunft der Millionen liess er stets verstummen, indem er auf Investoren verwies, die absolut anonym bleiben wollen. Wer zu sehr nachbohre, gefährde weitere Investitionen in den Klub. Weil dies niemand wollte, liess man Hafen gewähren.

Wenigstens sportlich lief es auch nach dem Auffliegen rund. Dank des vergleichsweise teuren, «zusammengestohlenen» Kaders schaffte Wil es locker, in der Super League zu bleiben. Einige Monate später geriet der Ostschweizer Kleinklub indes vom Regen in die Traufe. Der Ukrainer Igor Belanow stieg ein, Europas Fussballer des Jahres 1986. Mit Gefolgsleuten übernahm er im Sommer 2003 den Verein und wechselte beinahe die ganze Trainercrew aus. Als Wil den Cupfinal-Rasen in Basel betrat, war Belanow aber bereits wieder Geschichte.

Igor Belanov, links, von der Investorengruppe zusammen mit dem Praesidenten des FC Wil, Roger Bigger, rechts, aufgenommen am Donnerstag, 17. Juli 2003, anlaesslich einer Medienorientierung im Stadion Bergholz in Wil. Der ehemalige

Der dubiose Investor: Igor Belanow. Bild: Keystone

Captain Fabinho der Wiler Held

Kaum hat der Cupfinal begonnen, führt der Aussenseiter auch schon. Der Brasilianer Rogerio trifft in der 5. Minute. Doch GC wendet die Partie rasch, nach 19 Minuten und Toren von Richard Nuñez und Ricardo Cabanas steht es 2:1 für die Hoppers. Zur Pause steht es aber 2:2, weil Pascal Castillo den Wiler Felix Mordeku am Leibchen zurückhält und Fabinho den fälligen Penalty verwertet. Ausgerechnet Fabinho, der in den Wochen vor dem Endspiel verletzt war und kaum trainieren konnte.

Auf dem Weg ins Endspiel kam es zum Halbfinal zwischen GC und dem FC Zürich. Dabei verspielte der FCZ eine 5:2-Führung nach 83 Minuten noch. Neun Jahre später erinnerten sich Protagonisten in der NZZ daran. Video: Youtube/ZwoelfMagazin

Weil Hitzkopf Mihai Tararache kurz vor dem Halbzeitpfiff mit Gelb-Rot vom Platz fliegt, bestreitet GC den Rest der Partie mit einem Mann weniger. Und Wil nutzt die Gunst der Stunde, wie es später der «Tages-Anzeiger» formulierte. Als Aleksandar Mitreski in der 78. Minute im Strafraum ein Handspiel begeht, ist Fabinho zur Stelle, um erneut aus elf Metern zu treffen: 3:2 – Wil ist Cupsieger!

Der Wiler Fabio De Souza jubelt nach seinem Tor zur 2:3 Fuehrung seiner Mannschaft, im Fussball Cupfinal zwischen dem Grasshopper-Club Zuerich und dem FC Wil am Ostermontag, 12. April 2004 im St. Jakob-Park in Basel. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Torschütze Fabinho bejubelt seinen Treffer zum 3:2. Bild: Keystone

Motivator Lehmann und sein Video

Als «geistigen Vater des Erfolgs» bezeichnete Defensivspieler Patrick Winkler den Co-Trainer Stephan Lehmann. In den Wirren um Belanow und Co. war er, eigentlich bloss Goalietrainer in Wil, plötzlich zur wichtigsten Bezugsperson der Spieler im ganzen Trainerstaff geworden; wichtiger als der offizielle Trainer Joachim Müller.

Vor dem Final motivierte Lehmann seine Spieler mit einem speziellen Video. Grussbotschaften von Familienmitgliedern der Akteure mischte er mit Musik von Robbie Williams. Der britische Sänger beschrieb im Video auch, wie er sich auf ein Konzert mit 125'000 Zuschauern vorbereitet. «So wollte ich den Spielern die Angst oder den Respekt nehmen», verriet Lehmann nach dem Triumph, denn die wenigsten Wiler Spieler wussten, was sie in einem Cupfinal erwartet.

Ein strahlender Daniel Lopar, links, und Philippe Montandon, rechts, tragen den  Cup der Cupsieger mit anderen Spielern des FC Wil durch die Menschenmenge, aufgenommen am Empfang am Montag, 12. April 2004 auf dem Hofplatz in Wil.  (KEYSTONE/Regina Kuehne)

Daniel Lopar und Philippe Montandon präsentieren in Wil beim Empfang der Mannschaft stolz den Pokal. Bild: Keystone

Goalie Daniel Lopar zum Beispiel war erst knapp 19-jährig – fünf Jahre vor dem Cupfinal stand er noch bei den C-Junioren des FC Romanshorn im Kasten. «Wir haben von der ersten Minute an uns geglaubt», sagte Lopar und Davide Callà ergänzte: «Das Video war ausschlaggebend.»

Die Wiler Cupfinal-Mannschaft

Daniel Lopar; Stefan Blunschi, Patrick Winkler, Philippe Montandon, Massimo Rizzo (38. Stephan Balmer); Michel Renggli, Davide Callà, Fabinho, Kristian Nushi; Rogerio (91. Nenad Savic), Felix Mordeku.

In der richtigen Nische angekommen

Nach dem Triumph folgte ein rauschendes Fest in der Wiler Altstadt. Der Höhepunkt der Klubgeschichte war zugleich der Abschied von der grossen Schweizer Fussballwelt. Wenige Wochen später war der Abstieg des FC Wil in die Challenge League besiegelt. Im UEFA-Cup scheiterte der Cupsieger in der ersten Qualifikationsrunde an Banska Bystrica aus der Slowakei.

2012 durfte der FC Wil vermelden, dass er schuldenfrei ist – rund ein Jahrzehnt nach den Zeiten von Hafen und Belanow. Längst waren die Ostschweizer da ein sportlich erfolgreicher Challenge-Ligist, der Jahr für Jahr Talente ausbildet und sie in die Super League weiterreicht.

Die jüngste Geschichte erinnert an Sisyphos aus der griechischen Mythologie – nur dass es dem Wiler Trainer und Sportchef Axel Thoma egal ist, immer wieder von Neuem beginnen zu müssen. «Wenn man kein Geld als Lösung hat, muss man innovativ werden», sagt Thoma zur Klubphilosophie, sich immer wieder neu zu erfinden. Solange sie in Wil «innovativ» nicht so definieren, wie es einst Hafen tat, ist das Modell für die zweithöchste Schweizer Liga vorbildlich.

Eine riesige Menschenmenge erwartet die Mannschaft des FC Wil auf dem Hofplatz in Wil am Montag, 12. April 2004. (KEYSTONE/Regina Kuehne)

So viele Menschen wie wohl noch nie warten nach dem Cupsieg auf die Spieler des FC Wil. Die NZZ aus der Stadt des Cupfinal-Verlierers GC spöttelt: «In der kleinen Stadt im Fürstenland ist man aus biografischem Zufall Fan des FC; die Leidenschaft scheint selten frei gewählt oder geerbt.» Bild: Keystone



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