Unvergessen

Beloki liegt auf dem Asphalt, Armstrong muss auf die Wiese ausweichen.
Bild: AFP

14.07.2003: Armstrong rettet sich nach Belokis Horrorsturz querfeldein über ein Wiesenbord

14. Juli 2003: Joseba Beloki und Lance Armstrong jagen in der Abfahrt nach Gap dem ausgerissenen Alexander Winokurow nach. Für den Basken endet der Höllenritt im totalen Fiasko, Tour-Favorit Armstrong kommt mit dem Schrecken davon.

14.07.16, 00:01

Stürze gehören zur Tour de France dazu. Praktisch jeder Radprofi, der die Grande Boucle bestreitet, hat schon einmal Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht. Meistens enden die Crashs mehr oder weniger glimpflich – ein paar Prellungen hier, ein paar Schürfwunden dort. Anders ist das beim verhängnisvollen Sturz von Joseba Beloki bei der Tour de France 2003.

Die 9. Etappe führt am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, über 184,5 Kilometer von Bourg d'Oisans nach Gap. Es ist die zweitletzte Alpen-Etappe, am Tag zuvor stand der legendäre Aufstieg zur Alpe d'Huez auf dem Programm. Dort hat Belokis Landsmann Iban Mayo triumphiert, der vierfache Tour-Sieger Lance Armstrong hat das Gelbe Trikot übernommen.

Joseba Beloki ist Armstrongs härtester Widersacher. Bild: AP

Fatales Rutschen auf heissem Asphalt

Doch die Herausforderer sind am Berg erstmals seit Jahren mindestens ebenbürtig und wittern ihre Chance, Armstrong in Bedrängnis zu bringen. Beloki liegt im Gesamtklassement nur 40 Sekunden hinter dem Tour-Favoriten zurück. Beim letzten Aufstieg rund 10 Kilometer vor dem Ziel greift Alexander Winokurow unwiderstehlich an und setzt sich ab.

In der Abfahrt von der Côte de La Rochette will es ihm Beloki gleichtun. Der Captain des Once-Teams riskiert viel. Zu viel. Bei der rasanten Verfolgungsjagd rutscht der Baske, mit Armstrong am Hinterrad, auf dem durch die Hitze aufgeweichten Asphalt aus und stürzt brutal.

Armstrong kann gerade noch ausweichen, doch die folgende Rechtskurve erwischt er nicht mehr. Querfeldein jagt er über das abgemähte Kornfeld. Nur knapp entgeht er einem Sturz. Unten angekommen trägt er sein Velo über seinen kleinen Graben und schliesst sich wieder der Verfolgergruppe an.

Belokis Sturz und Armstrongs wilder Ritt. YouTube/Joff19

«Das war ein Überlebensreflex von mir. Ich hatte Panik. Es war Glück, dass es bei mir nur ein Cross-Abstecher war.»

Lance Armstrong

Armstrongs wilder Ritt über das Kornfeld. Bild: Getty Images

Der Texaner kann nach dem Sprung auf die Strasse weiterfahren. Bild: Getty Images

«Das war ein Überlebensreflex von mir, über das Feld zu fahren», sagt Armstrong im Ziel. «Wir wollten unbedingt Winokurow einholen. Joseba ist zu schnell in die Kurve gegangen und hat zu stark gebremst. Ich hatte Panik. Es war Glück, dass es bei mir nur ein Cross-Abstecher war. Der Bodenbelag war aufgeweicht und die Abfahrt alles andere als sicher.»

Künstliches Ellbogengelenk und Titanscheibe im Bein

Die unfreiwillige Abkürzung hat für den Texaner keine Konsequenzen. Für Beloki ist die Tour jedoch gelaufen. Er bricht sich den Oberschenkelhals im rechten Bein, das rechte Handgelenk und den rechten Ellenbogen. 

Noch auf der Fahrt ins Spital ruft der Pechvogel seine hochschwangere Frau Gema in der Heimat an, die erschüttert die Bilder am Fernseher miterlebte. «Das wird meine Rundfahrt», hatte der Vorjahreszweite Beloki noch vor dem Start in Paris gesagt. Wie man sich täuschen kann.

Beloki schreit vor Schmerzen. Bild: AP L'EQUIPE POOL

«Der Sturz steckt immer noch in meinem Kopf, er hat tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen»

Joseba Beloki

Armstrong meldet sich noch am Abend telefonisch bei Beloki im Krankenhaus und lässt gute Besserung ausrichten. «Es tut mir so leid für Joseba. Das sind die schlimmen Momente im Radsport», so der Mann in Gelb.

«Welch ein Schmerz», titelt die Sporttageszeitung AS am Morgen danach. Der schlimme Sturz ihres Lieblings versetzt die iberische Halbinsel in einen Schockzustand. «Das Leben ist so ungerecht. Die Tour ist für uns gelaufen», klagt Once-Teamchef Manolo Saiz. Im nächsten Moment denkt Saiz aber schon an die Zukunft: «Sein Vertrag läuft aus. Ich glaube, es ist nun der richtige Augenblick, ihm einen neuen anzubieten.»

Mit dem Krankenauto wird der Once-Captain abtransportiert. Bild: AP

Doch der Vertrag wird nicht verlängert und Beloki fährt nie mehr so stark wie vor dem Sturz. Nur um die bösen Geister aus seinem Gedächtnis zu verjagen, tritt er zwei Jahre nach der fatalen Abfahrt von der Côte de La Rochette wieder zur Tour an. Mit einem künstlichen Ellenbogengelenk und einer Titanscheibe mit fünf Schrauben im Bein. 

Beloki wird den Sturz nie vergessen

«Der Sturz steckt immer noch in meinem Kopf, er hat tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen», gesteht Beloki damals ein. «Jeden Tag werde ich mit Kommentaren oder Bildern davon konfrontiert. Ich muss mich davon befreien. Ich will nicht, dass man sich später nur wegen dieses Sturzes an mich erinnert, und nicht wegen meiner drei Podestplätze.»

Ein Schild erinnert heute an die Sturzstelle. Bild: Getty Images Europe

Mehrfach wechselt Beloki in der Folge das Team. Ab 2005 fährt er für das spanische Team Liberty Seguros mit seinem ehemaligen sportlichen Leiter Manolo Saiz. Dieser wird jedoch im Mai 2006 wegen des Kaufs von Dopingmitteln festgenommen. Der Sponsor Liberty springt daraufhin ab, das Team wird geschlossen.

Im Rahmen des Dopingskandals 2006 wird Beloki einen Tag vor dem Start von der Tour de France ausgeschlossen. Danach beendet der Baske seine aktive Karriere. Er bleibt der Mann, den man nur wegen seines Sturzes in Erinnerung behält und nicht wegen seiner drei Podestplätze.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.
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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Rittiner Gomez (1) 14.07.2016 11:20
    Highlight zum glück ist die tour de france mehr, als stürze aus der mottenkiste.
    3 0 Melden
  • maatze 14.07.2016 09:00
    Highlight Dieser Bericht wäre eigentlich zum Löschen, da Armstrong gedopt war.
    8 13 Melden
    • Olaf! 14.07.2016 13:06
      Highlight Öh nein? Ändert nichts dran das der andere gestürzt ist und er einen Abstecher neben die Strasse gemacht hat.
      6 0 Melden
    • blobb 14.07.2016 17:24
      Highlight Ja genau, ohne Doping hätte er dem Sturz niemals ausweichen können.
      3 0 Melden
  • kleiner_Schurke 14.07.2016 07:30
    Highlight Unvergessen ist auch die beispielloses Kaltblütigkeit mit der Armstrong über Jahrzehnte sein Dopingimperium aufgebaut hatte, Leute erpresst, angelogen und zerstört hatte. Ihn überhaupt in irgendeinem Zusammenhang positiv zu erwähnen ist schon falsch. Wahrscheinlich hatte Armstrong Belokis Rad sabotieren lassen oder die Strasse war an dieser Stelle präpariert. Tönt paranoid ich weiss, aber es liegt durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen.
    14 19 Melden
    • Radiochopf 14.07.2016 09:47
      Highlight der skrupelloser Lügner und grösster Doper/Egoist aller Zeiten.. lebt immer noch in Saus und Braus und kann auf Twitter jeden beleidigen/beschimpfen den ihn Doper nennt.. viele seiner ehemaligen Teamkollegen sind bankrott und auch ein Mann wie Greg Lemond musste wegen ihm unten durch.. diese Sturzgeschichte selber hat zwar nichts mit Doping zu tun, aber Armstrong sollte definitiv nicht positiv in Erinnerung bleiben..
      7 4 Melden
  • Gelöschter Benutzer 14.07.2016 07:12
    Highlight Das waren noch Zeiten....Radquer 1987
    Reporter zum Zuschauer:
    Warum kommt ihr schauen?
    :wegen anspruchsvollem fahren im Gelände.



    Ich hatte in der gleichen Zeit wie Lance erfolgreich den Krebs besiegt als lizenzierter MTB Rennfahrer.
    Diese Ära des Strassen Radrennsport war gleichzeitig das Ende dieses Mythen umworbenen Volksfestes TDF.
    Heute nenne ich das dichte Feld im Rennen mit einzelnen schnellen Ausflüglern abschätzig EPO Express. Die TDF ist nicht mehr wertvoll wie ganz früher als man noch eingekehrt war🍺.
    Auch dank Lance. Die TDF in Bern?🙄😢
    3 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.07.2016 13:25
      Highlight An den unsympathischen Blitzliclub:
      Lest doch mal
      Radsport Furios
      Von Manfred Poser
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      Ausschnitt aus dem Buch siehe Foto:
      1 1 Melden

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