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Die Grippe-Saison rückt in der Schweiz näher. Auf der südlichen Halbkugel fiel sie praktisch aus. Wie wird es bei uns? bild: shutterstock

Grippe-Saison auf Südhalbkugel praktisch inexistent: Das sind die Folgen für die Schweiz

Auf der Südhalbkugel neigt sich die Grippe-Saison dem Ende entgegen. Wobei: Vielerorts fiel sie praktisch aus. Das hat Vorteile, aber nicht nur. Was wir aus dieser Tatsache lernen sollten.

Publiziert: 11.09.20, 18:12 Aktualisiert: 15.09.20, 07:31

Der Winter der südlichen Hemisphäre ist praktisch vorbei. Länder wie Australien, Südafrika oder Argentinien steuern dem Sommer entgegen.

Mit dem Ende des Winters endet auch die Grippe-Saison auf der Südhalbkugel. Allerdings muss man eher sagen: Es gab in vielen Ländern dieses Jahr gar keine Grippe-Saison.

Solche Bilder gab es auf der südlichen Halbkugel in diesem Winter kaum. bild: shutterstock

Australien verzeichnete gemäss der WHO beispielsweise im Juli 93 Fälle, 2019 waren es 70'000. Im August wurden 107 Influenza-Infektionen registriert, ein Jahr davor noch 61'000. Kein Wunder sagt Ian Barr, Direktor des WHO-Zentrums für Referenz- und Forschungsarbeiten zur Grippe in Melbourne gegenüber CTV News: «Hier gibt es derzeit praktisch keine Grippe, das war schon seit Ende März so.»

Der «Economist» stellte die Grippe-Saisons in ausgewählten Ländern der südlichen Halbkugel mit Daten der WHO zusammen. Schauen wir uns das an:

Entwicklung der Grippe-Saisons in ausgewählten Ländern der südlichen Hemisphäre:

Die Daten stammen von der WHO. screenshot: theeconomist.com

Die Gründe für den milden Verlauf der Grippe-Saison liegt auf der Hand: Im März wurden überall Lockdowns verfügt, der internationale Flugverkehr brach total zusammen. Das hatte zwei Folgen: Die Grippeviren wurden nicht von der nördlichen in die südliche Halbkugel gebracht und durch die Social-Distancing-Massnahmen hatte das Virus auch in den Ländern selbst mehr Mühe, um sich zu verbreiten.

Sinnbildlich für viele Flughäfen und den Flugverkehr: die Passagierentwicklung am Flughafen Zürich. Hier gibt es die animierte Version. bild: watson

Das hört sich alles ziemlich gut an. Ist doch die Grippe weltweit jährlich immer wieder für viele Todesopfer verantwortlich. Doch jetzt kommt die kalte Jahreszeit und damit die Grippe-Saison zurück in die nördliche Hemisphäre. Was bedeutet das für die Schweiz?

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Weniger Grippeviren bedeutet weniger Forschung

Die Grippeviren verschwinden nicht aus der Welt, auch wenn die Zahlen extrem niedrig sind. Da der Tourismus mit Ländern der südlichen Hemisphäre noch immer praktisch nicht existiert, dürften auch viel weniger Leute das Virus nach Europa und in die Schweiz bringen.

Social Distancing und Masken nützen auch im Kampf gegen die Grippe. bild: shutterstock

Die Social-Distancing-Massnahmen und teilweise Maskenpflicht bei uns hilft ebenfalls, das Grippevirus im Zaum zu halten. Werden die Massnahmen allerdings bis im Dezember gelockert, wird sich das Grippevirus wieder einfacher ausbreiten können.

Immunität schwindet

Ein weiterer Aspekt ist dieser: Wenn sich aktuell wenige Menschen mit dem Grippevirus infizieren, sind in der folgenden Saison weniger Menschen (teil-)immun. Damit hat das Grippevirus dann eine höhere Chance auf eine grosse Verbreitung und ein schwieriges Grippejahr ist wahrscheinlicher.

Seit 2014 erlebten wir im Jahr 2015 und 2017 hohe Übersterblichkeits-Perioden aufgrund schwerer Grippewellen. Wie wird das dieses Jahr? Und wie in der Saison darauf? bild: watson

Was zudem noch nicht klar ist, ist: Was geschieht, wenn sich jemand mit dem Grippe- und dem Corona-Virus gleichzeitig infiziert? Grundsätzlich sei es weniger wahrscheinlich, dass man zwei Viren gleichzeitig aufschnappt. «Aber je mehr Viren man im Körper hat, desto schlechter fürs Immunsystem», so Barr.

Auch wenn noch vieles unklar ist. Der Rat aus Australien von Ian Barr ist daher klar: «Bereitet euch vor. Man weiss es längst: Wenn das Influenza-Virus erstmal in einer gewissen Häufigkeit zirkuliert, ist es schwierig, es zu stoppen. Eine Impfung ist daher die beste Methode.»

Spanische Grippe – die Mutter aller Pandemien

25 bis 50 Millionen Menschenleben kostete die Pandemie, die von 1918 bis 1920 auf der ganzen Welt wütete. Nicht mal der Erste Weltkrieg holte sich so viele Opfer. In absoluten Zahlen war die Spanische Grippe in etwa so verheerend wie die Pest von 1348: Der Schwarze Tod riss damals ein Drittel der europäischen Bevölkerung in den Tod. Spanisch nannte man die Grippe, weil die ersten Nachrichten über die Krankheit von dort herkamen. Im Bild: Das Militär-Notfallkrankenhaus im Camp Funston in Kansas 1918, wo das Virus mit hoher Wahrscheinlichkeit erstmals ausbrach. quelle: wikimedia
Im Gegensatz zu kriegsführenden Ländern war die Zensur im neutralen Spanien nicht so strikt, sodass über das Ausmass nicht geschwiegen wurde: Ende Mai 1918 waren im ganzen Land 8 Millionen Menschen infiziert – darunter auch der spanische König Alfons XIII. Allerdings verlief diese erste Welle noch relativ harmlos, sie wies keine merklich höhere Todesrate als eine normale Grippe auf. Hier sehen wir einen Schaffner, der Fahrgästen ohne Schutzmaske die Mitfahrt verweigert, Seattle, 1918. quelle: wikimedia
Erst die zweite Welle im Herbst 1918 riss so viele Menschen in den Tod. In der Schweiz infizierte sich die Hälfte der Bevölkerung, rund 25'000 Menschen starben. Die ersten Schweizer, die sich ansteckten, waren wohl die Frontsoldaten in der Nähe des jurassischen Dorfes Bonfol, an der Grenze zu Frankreich. Sie wurden nach Hause geschickt – und brachten das Virus mit. Es holte sich besonders Männer zwischen 20 und 40 Jahren, wohl weil sie in Militärunterkünften und Bunkern in engerem Kontakt miteinander standen als Frauen. Zu sehen ist hier das Militärnotspital in der Aula eines Schulhauses im Jura. quelle: NEM, Biel via geschichte.redcross.ch
Wer nicht wieder gesund wurde, den konnte der Tod innert Stunden ereilen. Auf der Insel Java pflegte man zu sagen: «Morgens krank, abends tot; abends krank, morgen tot.» Auf den Wangen von Infizierten begannen sich rötliche Flecken zu bilden, dann breiteten sie sich über das ganze Gesicht aus. Die Patienten spuckten Blut, ihre Körper verfärbten sich dunkelblau bis violett und schliesslich erstickten sie. Ihre Lungen – das ergab die Obduktion der Leichen – waren mit Blut vollgelaufen. Die meisten Todesfälle verursachte nicht das Virus selbst, sondern eine zusätzliche bakterielle Lungenentzündung. Und für beides gab es kein Gegenmittel. Im Bild ist das Walter Reed Hospital in Washington, D.C. zu sehen, 1918/1919. quelle: wikimedia
Das Schweizerische Rote Kreuz mobilisierte die Helferinnen und lieferte Krankenbetten an die militärischen und zivilen Notspitäler, die in Schulhäusern und Kindergärten eingerichtet wurden. Im Bild sehen wir ein volles Krankenzimmer in einem umfunktionierten Oltner Schulhaus. Die Bevölkerung wurde ausserdem aufgefordert, Bettdecken und Matratzen zu spenden – und ihre Autos den Ärzten zur Verfügung zu stellen. quelle: Archiv Schweizerisches Rotes Kreuz
Um die weitere Ausbreitung der Pandemie zu verhindern, machte die Schweiz dicht: Schulen, Kirchen und Märkte blieben geschlossen. Tanz-, Theater- und Konzertaufführungen wurden abgesagt. Neben Masken – im Bild zwei besonders modische Exemplare, von zwei Australierinnen getragen – wurden allerlei Wundermittel beworben: Seifen, Mundspülungen und Nasensalben sollten helfen, den Erreger loszuwerden. quelle: national museum of australia
Aber auch Staubsauger sollten die Schweizer schützen – allerdings für satte 750 Franken, wie dieses Inserat vom 13. August 1918 im «Schaffhauser Intelligenzblatt» informiert. quelle: via Schaffhauser Nachrichten
Und fürs gefahrlose Telefonieren gab's den «Telephon-Desinfektor». quelle: Archiv Schweizerisches Rotes Kreuz
In New York wiederum stellte man das Spucken auf der Strasse unter Strafe. Etwa 500 Personen wurden verhaftet, weil sie dagegen verstiessen. quelle: via orderofthegooddeath
In vielen Städten wurde auch das Tragen von Schutzmasken zur Pflicht: Hier zu sehen ein Strassenkehrer in New York, Oktober 1918. quelle: influenzaarchive.org
Das Schweizer Militär berief zahlreiche zusätzliche Krankenschwestern ein, die dann im zivilen Bereich fehlten. So war man auf Freiwillige angewiesen. Den behandelnden Ärzten war es in dieser verzweifelten Situation vollkommen gleichgültig, wer bei der Pflege half, «wenn es überhaupt nur ein Mensch sei». Hier zu sehen sind Krankenschwestern der Pflegeschule La Source, die mit einer militärischen Verdienstmedaille ausgezeichnet wurden, November 1919. quelle: Archiv Stiftung La Source, Lausanne
Bis heute gilt die Spanische Grippe als eine der schlimmsten Pandemien der Weltgeschichte. Ihr fielen auch zahlreiche prominente Personen zum Opfer, so zum Beispiel Frederick Trump, der Grossvater des amerikanischen Präsidenten. quelle: wikimedia
Da keine wirkungsvollen Heilmittel zur Verfügung standen, versuchten die Ärzte wenigstens das Fieber samt Schüttelfrost, die starken Kopf- und Gliederschmerzen, den Husten und die Atemnot der Patienten zu lindern. In schweren Fällen griffen sie auf Opium, Morphium, Heroin oder Kokain zurück. Viel mehr konnten sie nicht tun. Sie wussten zwar, dass Viren existierten, hatten aber wegen deren Winzigkeit noch nie welche gesehen – es gab noch keine Elektronenmikroskope und das genetische Material von Viren war noch nicht entdeckt worden. Im Bild: das Notspital Münchhalden in Zürich, 1918. quelle: Archiv Schweizerisches Rotes Kreuz
Heute wissen die Forscher jedoch nicht nur, wie man ein Virus isoliert, sondern sie können auch seine genetische Sequenz analysieren und so einen Impfstoff entwickeln. Genau dies geschieht aktuell im Falle des Coronavirus. Doch nicht nur in den viel besseren Heil-Möglichkeiten unterscheidet sich die heutige Pandemie von der damals wütenden Spanischen Grippe. quelle: wikimedia
Die massiv höhere Sterberate lag 1918 bei mindestens 2,5 Prozent. Zudem war die Spanische Grippe besonders gefährlich für Menschen zwischen 20 und 40 Jahren (99 % der Opfer waren unter 65). Um die Eigenart dieser Krankheit zu erklären, geht eine Theorie davon aus, dass Jahrzehnte zuvor eine weniger tödliche Version des Spanischen-Grippe-Virus grassiert habe, die sich wie eine gewöhnliche Grippe verbreitete. Dadurch hätten die 1918 lebenden älteren Menschen bereits Antikörper entwickelt und seien so partiell immun gewesen. quelle: wikimedia
Eine andere Vermutung ist, dass die Spanische Grippe das besonders bei jungen Leuten starke Immunsystem überreagieren liess, sodass sich ihre Abwehrkräfte gegen den eigenen Körper richteten und unter anderem das Lungengewebe zerstört wurde. Nachgewiesen werden konnte dies an Menschenaffen mit dem nachkonstruierten Virus von 1918. quelle: via pinterest
Das Coronavirus dagegen tötet vor allem ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, während Kinder und junge Leute kaum gefährdet scheinen. Verdachtsfälle mit leichten Symptomen können heute sofort getestet und bei einem positiven Befund in Quarantäne geschickt werden, während dazu 1918 keinerlei Möglichkeit bestand. quelle: influenzaarchive
Auch die Kontakte einer infizierten Person konnten nicht zurückverfolgt werden, die Spanische Grippe schien ganze Städte auf einmal heimzusuchen. Hinzu kam die mangelnde Schutzausrüstung für das Gesundheitspersonal. Von den 742 Krankenschwestern des Schweizerischen Roten Kreuzes, die sich in den Kampf gegen das Virus begaben, starben 69. quelle: pinterest
Eine von Gordon Brewster in der «Irish Weekly Independent» erschienene Karikatur, 1918. quelle: orderofthegooddeath
Der zweiten Infektions-Welle fielen damals so viele Menschen in so kurzer Zeit zum Opfer, dass es in Europa und den USA zu Engpässen bei der Sargproduktion kam. Weil sich die Toten in den Leichenkammern stauten, wurden viele von ihnen schliesslich in anonymen Massengräbern beigesetzt. Im Bild ist die Beerdigung von Grippeopfern im kanadischen Labrador zu sehen. quelle: wikimedia

Bestimmt hast auch DU einen dieser kranken Typen im Büro

Video: watson / Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

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