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Heroin-Hölle Schweiz: Vor 25 Jahren fand das Grauen ein Ende

Publiziert: 11.05.17, 10:04 Aktualisiert: 11.05.17, 10:37

Chronologie der Schweizer Drogenpolitik 

In dieser Bildstrecke zeigen wir die Meilensteine der Schweizer Drogenpolitik, vom Opium-Verbot 1924 bis heute. Bild: Ein «Drugstore», in dem es «Duftkissen» gab, 1998 in der Stadt Zürich. KEYSTONE / MICHELE LIMINA
1924: Das erste schweizerische Betäubungsmittelgesetz (BetmG) verbietet Opium und Kokain. Bild: Afghanischer Schlafmohn mit Milchsaft, aus dem Opium gewonnen wird. AP / ABDUL KHALIQ
1951: In der Schweiz wird das Verbot psychoaktiver Substanzen auf Cannabis ausgedehnt, der Eigenkonsum bleibt indes legal. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
1960er-Jahre: Mit der Hippie- und der Studentenbewegung wird der Konsum von illegalen Drogen zum Symbol für die Auflehnung gegen das Establishment. KEYSTONE / STR
1971: In den USA erklärt der damalige US-Präsident Richard Nixon den «War on Drugs». Die negativen Auswirkungen sind bis heute auch in der Schweiz spürbar. AP NY / HWG
1972: Die Stadt Zürich vermeldet den ersten offiziellen Drogentoten. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
1975: Eine BetmG-Revision verbietet den Konsum von Cannabis. Jedoch kann bei Eigenkonsum von kleinen Mengen auf Strafverfolgung verzichtet werden. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
Ab Ende 1970er-Jahre: In mehreren Schweizer Städten entstehen offene Drogenszenen, so in Zürich (Niederdorf, Platzspitz, Letten) und in Bern (Kleine Schanze). (Bild: Platzspitz 1990). KEYSTONE / ANONYMOUS
1990er-Jahre: In der Schweiz kommt Techno auf. Aus einer ursprünglich kleinen Szene wird eine Massenbewegung. Langsam hält die Party-Droge Ecstasy Einzug. Die Polizei reagiert mit vermehrten Kontrollen. KEYSTONE / MARIUS BORN
Seit 1991: Der Bundesrat verfolgt die so genannte Vier-Säulen-Strategie von Prävention, Therapie, Schadensverminderung und Repression als Mittelweg zwischen völliger Bekämpfung und Freigabe. Bild: Ex-Drogenabhängige im Arbeitstraining. KEYSTONE / CHRISTOPH RUCKSTUHL
1992: Der wegen der Verelendung in der offenen Drogenszene in Verruf geratene Platzspitz-Park wird noch im Winter von den Zürcher Behörden geschlossen. Die Szene weicht auf den nahegelegenen Bahnhof Letten aus. KEYSTONE / STR
Mai 1992: Der Bundesrat bewilligt die ärztlich kontrollierte Heroin-Abgabe an 250 Schwerstabhängige. Bis 1996 werden bei über 1000 Abhängigen Versuche mit der ärztlich kontrollierten Abgabe von Heroin, Morphin und Methadon durchgeführt. KEYSTONE / STR
1997: Die von rechtsbürgerlichen Kreisen lancierte Volksinitiative «Jugend ohne Drogen», die eine repressive Drogenpolitik fordert, wird an der Urne mit 71 Prozent Nein verworfen. Im Pro-Komitee: der Ex-Skirennfahrer Pirmin Zurbriggen (links). KEYSTONE / EDI ENGELER
1998: Die Volksinitiative «Droleg – Für eine vernünftige Drogenpolitik», die auf Drogenlegalisierung abzielt, wird mit 73 Prozent Nein verworfen. KEYSTONE / MICHELE LIMINA
1999: Der von rechtsbürgerlichen Kreisen bekämpfte Bundesbeschluss über die ärztliche Verschreibung von Heroin wird an der Urne mit 54,3 Prozent Ja akzeptiert. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
2001: Der Bundesrat schlägt eine Revision des BetmG vor, die den Cannabiskonsum straffrei machen soll. KEYSTONE / ANDREE-NOELLE POT
2002: Der UNO-Drogenbericht warnt vor einer Legalisierung von Cannabis. KEYSTONE / OLIVIER MAIRE
2001–2004: Parlamentarische Beratung der BetmG-Revision. Diese scheitert im Juni 2004 an der zweimaligen Eintretens-Verweigerung des Nationalrats. Bild: Polo Hofer setzte sich vergeblich für die Cannabis-Legalisierung ein. KEYSTONE / MONIKA FLUECKIGER
2006: Die Stadtzürcher Jugendberatung Streetwork eröffnet ein Drogeninformationszentrum, wo man Substanzen anonym und gratis auf ihre Gefährlichkeit hin testen lassen kann. Ziel ist es, die Konsumenten über die Wirkung und Risiken von Partydrogen zu informieren. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
2006–2008: Eine neue Vorlage zur BetmG-Revision, die die Cannabis-Konsumfrage ausklammert, wird vom Parlament beraten und 2008 angenommen. In der Drogenpolitik werden die vier Säulen Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression verankert, ebenso die Heroin-Verschreibung an Schwerstsüchtige. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
Das Kiffen bleibt in der Schweiz verboten. Drogenhanf darf aber für medizinische und wissenschaftliche Zwecke verwendet werden. Rechtskonservative Kreise ergreifen gegen das Gesetz das Referendum. Getty Images Europe / Sean Gallup
2008: Das Schweizer Stimmvolk entscheidet über die BetmG-Revision und die «Hanf-Initiative» eines überparteilichen Komitees, die Straffreiheit für den Cannabis/Hanf-Konsum verlangt. Die BetmG-Revision wird angenommen, die Hanf-Initiative erneut verworfen. Kiffen bleibt illegal. KEYSTONE / FABRICE COFFRINI
2008–2015: Das Bundesamt für Gesundheit sieht seit der Abstimmung von 2008 die Viersäulen-Politik und die heroingestützte Behandlung bestätigt. Bild: Spritzenabgabe in Biel. KEYSTONE / STEFAN MEYER
Erfolge dieser Politik sind laut Experten des Bundes: ein erheblicher Rückgang der Drogentodesfälle und der Beschaffungskriminalität, die Verbesserung der Gesundheit der Abhängigen und das Verschwinden der offenen Drogenszenen. Bild: «Fixerstube» in Zürich. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Die Legalisierung von verbotenen psychoaktiven Substanzen wird in der Schweiz weiterhin kontrovers diskutiert. Bild: «Arena»-Sendung 1997 zum Thema «Haschisch-Freigabe?» KEYSTONE / STR
Die grösste Partei des Landes, die SVP, steht der Legalisierung weicher Drogen seit Jahren offiziell ablehnend gegenüber. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
2016: Mehrere Schweizer Städte – darunter Zürich, Bern, Genf und Basel – haben Projekte für eine regulierte Abgabe von Cannabis aufgegleist. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
Juni 2016: Der bürgerlich dominierte Regierungsrat des Kantons Zürich trifft eine folgenschwere Entscheidung: Bei der dezentralen Drogenhilfe sollen mehrere Millionen Franken gespart werden. (Quelle: zeit.de) KEYSTONE / WALTER BIERI
Dass die legale Droge Alkohol weitaus mehr Schaden anrichtet als Cannabis und so genannt harte Drogen, ist längst erwiesen – pro Jahr sterben laut Bund um die 1600 Menschen. Der Pro-Kopf-Konsum hat in den letzten 16 Jahren um einen Liter reinen Alkohol abgenommen (aktuell: 8.1 l pro Jahr). KEYSTONE / GAETAN BALLY

Vor 25 Jahren hat sich der Bundesrat für die versuchsweise Heroinabgabe an Schwerstsüchtige ausgesprochen. Die Schweiz übernahm damit eine Pionierrolle in der Drogenpolitik. Für die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss wäre die Entkriminalisierung ein nächster notwendiger Schritt.

Die Bundesratssitzung vom 13. Mai 1992 setzte in der Schweizer Drogenpolitik einen Meilenstein: Der damalige Gesundheitsminister Flavio Cotti verkündete den Entscheid der Landesregierung: Spezialärzte durften demnach höchstens 250 Schwerstabhängigen, verelendeten oder sich prostituierenden Drogenabhängigen versuchsweise auch Heroin abgeben.

«Viele, vielleicht die meisten Patienten, wären ohne diese Behandlung nicht mehr am Leben.»

Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss

Wie schwer der damalige Entscheid der Landesregierung gefallen ist, lässt sich auch daraus lesen, dass sich der Bundesrat zuvor eine einwöchige Denkpause verordnet hatte, sozusagen um noch einmal darüber zu schlafen. Nach dem Grundsatzentscheid dauerte es noch einmal gut zwei Jahre, bis in Zürich die ersten Versuche gestartet wurden.

Ärztlich kontrollierte Heroinabgabe an Schwerstsüchtige fordert die Sozialdemokratische Partei Zürich 5. Bild: KEYSTONE

Kehrtwende des Gesundheitsministers

Noch wenige Monate vor dem historischen Entscheid hatte Cotti die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe kategorisch abgelehnt. Nachdem sich die Mehrheit der Kantone und die grössten Parteien für das Projekt ausgesprochen hatten, habe bei ihm aber ein teilweises Umdenken eingesetzt. Schliesslich seien Vernehmlassungen dazu da, dass sich die Regierung eines Besseren belehren lässt, erklärte Cotti die Kehrtwende.

«Als praktizierender Christ bleibe ich skeptisch», sagte Cotti weiter. Und er verwies darauf, dass oberstes Ziel weiterhin die Abstinenz bleibe und der Drogenkonsum auch weiterhin strafbar sei.

Nur SVP war klar dagegen

Die heroingestützte Behandlung, wie die Heroinabgabe heute genannt wird, löste damals eine heftige Kontroverse aus. So warnte etwa die Parlamentarische Gruppe Drogenpolitik, der rund 50 National- und Ständeräte aus allen bürgerlichen Parteien angehörten, die Schweiz würde mit der Heroinabgabe zum «Platzspitz Europas».

«Die heroingestützte Behandlung hat wesentlichen Anteil an den Erfolgen der Schweizerischen Drogenpolitik.»

Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Einen liberalen Umgang mit dem Heroin hatten nicht etwa nur die SP, die Grünen und der Landesring der Unabhängigen verlangt, sondern auch die FDP und sogar Cottis eigene Partei, die CVP. Nur die SVP hatte sich klar dagegen gesträubt.

Heute gehört Heroinabgabe zum Alltag

Heute gehört die heroingestützte Behandlung in der Schweiz zum Alltag. Davon profitieren können aktuell 1381 Schwerstabhängige in insgesamt 21 Institutionen über die ganze Schweiz verteilt. Das Heroin mit der medizinischen Bezeichnung Diamorphin – es dürfte sich um eine Menge von zwei bis dreihundert Kilogramm pro Jahr handeln – wird unter hohen Sicherheitsauflagen von der Thuner Firma DiaMo Narcotics GmbH vertrieben. Die Kosten pro Patient und Tag belaufen sich für die medizinische und psychosoziale Betreuung auf 45 Franken.

Derzeit erhalten 1381 Schwerstabhängige Heroin. Bild: KEYSTONE

«Die heroingestützte Behandlung hat wesentlichen Anteil an den Erfolgen der Schweizerischen Drogenpolitik», urteilt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) heute. Dies zeige sich nicht nur am markanten Rückgang der drogen- und aidsbedingten Todesfälle, sondern auch an der gestiegenen Lebenserwartung und der verbesserten Gesundheit der Opiatabhängigen.

Rückgang der Beschaffungskriminalität

Zudem habe die Sicherheit profitiert durch den Rückgang der Beschaffungskriminalität und dem Verschwinden der offenen Drogenszenen. Ein wichtiger Effekt sei auch gewesen, dass die «Medikalisierung des Heroinkonsums» wesentlich dazu beigetragen habe, dass der Opiatkonsum ein Looserimage erhalten und dadurch generell an Attraktivität verloren habe.

Methadon-Abgabe 1992 in Zürich. Bild: KEYSTONE

Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss, heute Präsidentin der Weltkommission für Drogenpolitik, wertet die Einführung der heroingestützten Behandlung im Rückblick ebenfalls als Erfolg. Sie setzte in den 90er Jahren den Grundsatzentscheid ihrer Vorgänger in die Tat um.

Viele Süchtige wären nicht mehr am Leben

Im Nachhinein habe sich die Heroin unterstützte Therapie als medizinisch anerkannte Antwort erwiesen, die nicht nur den gesundheitlichen Zustand verbessert, sondern auch eine soziale Integration ermöglicht habe. «Und viele, vielleicht die meisten Patienten, wären ohne diese Behandlung nicht mehr am Leben», sagte sie auf Anfrage.

Die Rolle der Schweiz als Pionierin sei weltweit anerkannt. Dies zeige sich auch darin, dass andere Länder die heroingestützte Behandlung ebenfalls in ihr Spektrum von möglichen Behandlungen von Drogenabhängigen aufgenommen hätten.

Ex-Bundesrätin plädiert für Entkriminalisierung

Die Schweiz habe generell eine Pionierrolle gespielt in der Entwicklung von innovativen Gesundheitsmassnahmen in der Drogenpolitik. Unter dem Sammelbegriff der Schadensminderung finde man beispielsweise das zur Verfügung stellen von sauberem Injektionsmaterial, die Analyse von Substanzen oder die sogenannten Fixerstübli. Dank ihnen sei die Aids- und Hepatitis-Übertragung weitgehend unter Kontrolle gekommen.

Kein Pionier sei die Schweiz hingegen, was die Entkriminalisierung des Drogenkonsums angehe und die Regulierung des Marktes durch den Staat, wie man dies von anderen gefährlichen Substanzen wie Alkohol oder Tabak her kenne. «In meinen Augen ist das eine Notwendigkeit», sagt Dreifuss. (whr/sda)

10 Promis, von denen du nie gedacht hättest, dass sie gekifft haben

George Washington hat auf seiner Farm in Mount Vernon hauptsächlich Hanf angebaut. Seinen Tagebuch-Einträgen zufolge züchtete er die Pflanzen gezielt daraufhin, ihre Potenz zu steigern. NY PUBLIC LIB. PICTURE COLLECTIO / GILBERT STUART
Königin Victoria von England wurde zum Konsum quasi gezwungen: Ihr Leibarzt Russell Reynolds verschrieb ihr eine Tinktur mit Cannabis, um ihre schweren Menstruationsbeschwerden zu lindern. (Bild: Royal Collection)
Finanzjongleur George Soros hat Gras geraucht und mochte es. «Aber ich gewöhnte es mir nicht an und habe es schon viele Jahre nicht mehr geschmeckt.» EPA / ALEXANDER NEMENOV
Über Bill Gates hiess es, Marihuana sei bei Drogen «seine pharmazeutische Wahl». AP / ADAM NADEL
Medienzar Ted Turner hat laut Nachrichtensprecherin Gwen Scott gerne mal im Büro einen durchgezogen. AP/AP / David Goldman
Ex-Präsident George W. Bush sagte zum Thema: «Ich werde keine Marihuana-Fragen beantworten. Wisst ihr warum? Ich will nicht, dass ein kleines Kind tut, was ich getan habe.» AP / DAVID J. PHILLIP
Rush Limbaugh, erzkonservativer US-Radiomoderator, bekundete, er hätte seine vielen Sendungen ohne medizinisches Marihuana nie durchgestanden. AP / Chris Carlson
New Yorks Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg ganz offen: «Du kannst einen darauf lassen, dass ich es getan habe. Und ich hab's genossen.» AP / CHAD RACHMAN
Republikanerin Sarah Palin gab zu: «Ich kann nicht auf Bill Clinton machen und sagen, ich hätte nie inhaliert.» AP Juneau Empire / BRIAN WALLACE
US-Aussenminister John Kerry beantwortete die Frage, ob er Marihuana geraucht habe, schlicht und ergreifend mit «Ja». EPA / ERIK S. LESSER

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