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Das «Internet der Dinge» kommt – und so sieht es aus

An der Elektronikmesse CES wurden internetfähige Geräte präsentiert, die unseren Alltag erobern sollen. Als kritischer Geist fragt man sich natürlich: Braucht es diese Produkte tatsächlich? Und sind sie überhaupt realisierbar?

Publiziert: 13.01.18, 13:36 Aktualisiert: 15.02.18, 16:00
Patrick Züst / Schweiz am Wochenende

Clever duschen - die Zukunft? Bild: AP/AP

Im Zuhause der Zukunft sind alle Haushaltsgeräte mit dem Internet verbunden und untereinander vernetzt. «Smart Home» nennt sich die Vision, welche seit Jahrzehnten zu Gedankenexperimenten anregt, wie unser Leben bald aussehen könnte. Von einer Dusche, die per Handy gesteuert wird, war schon die Rede; von einem Kissen, das automatisch die Rollläden schliesst und das Licht löscht, wenn man sich ins Bett legt; von einer Toilette, die spült, wenn man es ihr sagt.

Augenschein an der CES

Video: watson

Als kritischer Geist fragt man sich natürlich: Braucht es diese Produkte tatsächlich? Und sind sie überhaupt realisierbar? Die erste Frage lässt sich noch nicht beantworten, die zweite schon. Denn in Las Vegas wurden diese Woche internetfähige Duschen, Kissen und WCs vorgestellt, die genau mit den erwähnten Funktionen unser Leben vereinfachen wollen. Das ist aber erst der Anfang, denn die CES (Consumer Electronics Show), die wichtigste Elektronikmesse der Welt, hatte noch mehr zu bieten.

Einmal pro Jahr trifft sich fast die komplette Technologie-Branche in Las Vegas. Start-ups präsentieren dort während einer Woche ihre Produkte, und Grosskonzerne sprechen über ihre Geschäftsstrategie. Dazu gibt es Konzerte, Drohnen-Flugshows und Roboter, die im Stripclub an der Stange tanzen.

Es ist ein Schlaraffenland für Tech-Aficionados. Die CES lockt damit jedes Jahr weit über 100'000 Besucher nach Vegas, welche sich über die neusten digitalen Trends informieren wollen. Häufig zeigt die Konferenz nämlich bereits Anfang Januar deutlich, welche Technologien uns bis Jahresende beschäftigen werden. Selten war das Fazit eindeutiger als dieses Jahr.

Diese Fernseher stehen bald in unseren Wohnzimmern

Diesen aufrollbaren Bildschirm zeigt LG noch als Zukunftsprojekt. Grundsätzlich aber könnte mit der Produktion begonnen werden. Nur wären derartige Fernseher derzeit noch sehr teuer.
Samsung SUHD-Fernseher: Erzeugt mit Quantum Dots Milliarden brillanter Farben.
Auch die Rückseite des neuen Samsung KS9500 kann sich sehen lassen. Alle Kabel werden dezent durch Kabelkanäle nach unten geführt.
Die von Samsung Smarthub genannte Benutzeroberfläche wurde sanft überarbeitet, soll jetzt schnelleren Zugriff auf häufig genutzte Videoquellen ermöglichen.
Alle Samsung-Fernseher des Baujahres 2016 verfügen über sogenannte IoT-Funktionen, können also Geräte ansteuern, die zum Internet der Dinge gehören. Hier beispielsweise eine Überwachungskamera.
Über Dienste wie PS Now und Gamefly kann man auf den neuen Samsung-Fernsehern Spiele wie «Assassin's Creed III» oder «Batman: Arkham Origins» ohne PC oder Spielkonsole spielen.
So könnte ein neuer Samsung-TV auch bald aussehen. Bisher dachte man, derart dünne Fernseher wären mit LED-Technik nicht möglich.
Passend zu den neuen UHD-Fernsehern will Samsung bald auch diesen Ultra HD Blu-ray-Player auf den Markt bringen. Vorerst aber nur in den USA.
Sonys neues Topmodell heisst Bravia XD93. Der Fernseher mit Android-TV-Betriebssystem hat ein Display mit 4K-Auflösung und beherrscht die HDR-Technik.
LG sucht sein Heil in der Oberklasse, bietet edle Haushaltsgeräte und Fernseher unter der Bezeichnung Signature an. So wie dieses Modell E6, dessen Display nur 2,57 Millimeter dünn ist, der aber dank einer fetten Soundbar trotzdem einen guten Sound bieten soll.
Als Option will LG für seine Signature-TVs die Möglichkeit anbieten, das Rückglas des Bildschirms mit Bildern wie dieser Rose zu versehen.
In der zweiten Jahreshälfte soll dieser riesige 98-Zoll-Fernseher von LG mit 8K-Auflösung auf den Markt kommen.
Der chinesische Hersteller TCL will bei seinen Oberklassemodellen den Sound durch Verwendung von Harman-Kardon-Lautsprechern verbessern.
Philips hat keine grossen CES-News zu bieten, wirbt umso mehr für seine TV-Geräte mit Ambilux-Beleuchtung, die hinter dem Fernseher in den Farben des gerade laufenden Fernsehbilds aufleuchtet, einer Weiterentwicklung der hauseigenen Ambilight-Technik.

Das Duell der Tech-Giganten

Aus der Zukunftsvision wird Realität. An der diesjährigen CES dominierten Geräte, welche lange ohne Elektronik auskamen, jetzt aber plötzlich mit dem Internet verbunden werden. Unter anderem wurden Duschen und Badewannen vorgestellt, die man mit dem Smartphone starten und auf die gewünschte Temperatur vorwärmen kann, während man selber noch im Bett liegt.

Im Bad angekommen, analysieren intelligente Spiegel das Gesicht, führen Statistik über Hautunreinheiten und geben Tipps zur besseren Pflege. Das erwähnte internetfähige WC kann nicht nur automatisch spülen, sondern auch auf Befehl Musik abspielen, den Sitz vorwärmen oder als Bidet funktionieren.

Spezielle Sensoren im Garten haben per Internet Zugriff auf den Wetterbericht und geben bei Bedarf den Pflanzen Wasser. Ausserdem haben gleich mehrere Firmen neue Reisekoffer vorgestellt, die eine Kamera eingebaut haben und dem Reisenden am Flughafen automatisch hinterherfahren.

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Geräten, die neu zum sagenumwobenen «Internet der Dinge» gehören. So skurril die Produkte sein mögen, sie sind Teil eines Kampfes zwischen zwei Tech-Giganten, bei dem es nicht nur um lustige Gadgets geht, sondern um Milliarden Dollar, vielleicht sogar um die Vormachtstellung in einer neuen Tech-Ära.

Samsung erfindet den Fernseher neu

So sieht ein TV mit Micro-LEDs in der Realität aus. Das erste Modell, «The Wall», hat eine Diagonale von 146 Zoll. Künftig sollen mit der Modultechnik aber auch andere Bildschirmformen möglich werden.
So demonstriert Samsung auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas den Unterschied zwischen herkömmlichen LEDs und Micro-LEDS: Hier sind die LEDs zu sehen, wie sie bisher verwendet werden. Das nächste Bild verdeutlicht, wie anders die Oberfläche mit den neuen Micro-LEDs aussieht.
Diese Kachel ist aus den neuen Micro-LEDs aufgebaut. Auf den ersten Blick ist das deutlich feinere Muster zu erkennen.
Samsung zeigt sein Herz für Spieler. Neue TV-Modelle sollen eine angeschlossene Spielkonsole automatisch erkennen und in einen speziellen Spielmodus umschalten.
Um die Fähigkeiten der neuen Bildaufbereitung durch künstliche Intelligenz (KI) zu zeigen, wurde der neue 8K-TV mit einem älteren Modell verglichen. Der Unterschied in der PR-Demonstration war deutlich: Das neue Gerät ist schärfer, kontrastreicher und heller als das alte. Allerdings wurden auch speziell für diesen Vorführungszweck optimierte Videos vorgeführt und ein drei Jahre altes Modell zum Vergleich herangezogen. Fair war das nicht.
Mit vielen Vergleichsbildern wurde demonstriert, um wie viel besser die Bildaufbereitung per KI ist. Wie die KI konkret funktionieren soll, konnte aber niemand schlüssig erklären.
Mit Bixby soll bei Samsung nun auch ein digitaler Assistent auf dem Fernseher arbeiten. Amazons Alexa und Googles Assistant erteilte der Konzern eine Absage.
Nebenbei wurde auch dieses Gerät gezeigt: ein extrem breiter, gebogener Bildschirm, speziell für Computerspieler. Gegen Ende der Präsentation wurde darauf auch heftig gezockt.
Mit diesem digitalen Flipboard will Samsung künftig auch in Klassenzimmern und Konferenzräumen präsent sein.

Müsste man nämlich all die neuen internetfähigen Produkte mit individuellen Smartphone-Apps bedienen, wäre das unendlich komplex. Die Tech-Konzerne Amazon und Google haben deshalb jeweils einen digitalen Assistenten entwickelt, der den Überblick über die Geräte behält und sich per Sprachsteuerung bedienen lässt.

Samsung hat eine ähnliche Lösung auf dem Markt, welche aber noch weniger weit entwickelt ist als diejenige der Konkurrenz. Diese digitalen Persönlichkeiten steuerte man anfangs über separate Lautsprecherboxen, unterdessen werden sie in die einzelnen Geräte integriert. So kann man den Kühlschrank beispielsweise direkt fragen, ob man alle Zutaten für eine Lasagne hat, oder dem Geschirrspüler sagen, er solle den Waschgang starten.

Je stärker sich solche sprachgesteuerten Geräte verbreiten, desto wichtiger wird es sein, welcher digitale Assistent darin verbaut ist. Amazon hat mit Alexa den Pioniervorteil und dominiert das Duell derzeit mit fast 70 Prozent Marktanteil. Google entwickelte mit dem «Assistant» jedoch das bessere Produkt und investiert momentan viel Geld, um den Startrückstand wettzumachen.

Das zeigte sich diese Woche an der CES, wo Google zuvor nie eine grosse Präsenz hatte. Dieses Jahr kaufte sich das Unternehmen die prominentesten Werbeplattformen der Stadt und baute sogar einen eigenen Pavillon.

Die Tech-Giganten kämpfen derzeit um Partner, die ihre Assistenten in neue Produkte integrieren. Denn schliesslich werden sich Nutzer entscheiden müssen, ob sie Alexa oder den Assistant bei sich einziehen lassen wollen – und je mehr Geräte ein Assistent steuern kann, desto nützlicher wird er im Haushalt.

Ein Abo für Computerleistung

Google stellte deshalb an der CES die neuen «Smart Displays» vor, welche dem Assistant eine Möglichkeit geben, nicht nur Audio, sondern auch Video abzuspielen. So kann man sich mit einem Sprachbefehl zum Beispiel einen Film oder den Wetterbericht anzeigen lassen. Dass dieses Konzept vielversprechend ist, hat Amazon bereits bewiesen: Im vergangenen Juni lancierte der Online-Händler mit dem «Echo Show» ein sehr ähnliches Produkt.

Tesla-CEO tüftelt am Hirn 2.0

Video: watson

Der Kampf der Rivalen Google und Amazon prägte auch die neu vorgestellten Fernseher, die ebenfalls mit digitalen Assistenten ausgestattet wurden. Dazu stellte LG einen Bildschirm vor, der sich aufrollen lässt, während ein neuer Fernseher von Samsung mit seinen 3.7 Metern Bildschirmdurchmesser die ganze Wand füllt.

Ein spannender Trend zeigt sich auch bei den Computern, wo gleich mehrere Hersteller ein Abonnement für Rechnerleistung präsentierten. Dabei werden Programme nicht mehr auf dem eigenen Gerät ausgeführt, sondern in die Cloud ausgelagert, also über das Internet an externe Rechner mit mehr Leistung übermittelt. So können beispielsweise moderne Games selbst auf billigen Laptops ausgeführt werden. In eine ähnliche Richtung geht der neue Laptop von Razer: Er besteht nur aus Bildschirm und Tastatur – die gesamte Computerleistung bezieht er von einem Smartphone, das in den Laptop eingelegt wird.

Daneben wurden wie fast jedes Jahr Konzeptmodelle für selbstfahrende Autos vorgestellt, Prototypen für Roboter, neue AR-Brillen (Augmented Reality), Drohnen und eigentlich alles, was sich der Tech-Visionär erdenken kann. Manche dieser Dinge werden wohl tatsächlich die Welt verändern. Viele andere werden jedoch keine Käufer finden oder gar nie auf den Markt kommen. Bei einigen der skurrilen Produkte an der CES ist das aber nicht so schlimm. 

Die «Airdog»-Drohne im Test

Die Entwicklung des Quadcopters «Airdog» wurde per Kickstarter finanziert, mehr als 1,3 Millionen Dollar kamen dabei zusammen. Spiegel Online
Abflugbereit: Die Prototypen bestehen aus Bauteilen, die im Lasersinterverfahren, wie beim 3D-Druck, hergestellt wurden. Spiegel Online
Sehr beweglich: Die Kamerahalterung ist extrem flexibel aufgebaut, so dass die Kamera aus fast jedem Winkel in fast jede Richtung filmen kann. Spiegel Online
Es muss nicht immer GoPro sein: Welche Kamera der Drohnenbesitzer anbaut, ist ihm selbst berlassen. So kann statt einer GoPro auch eine Sony zum Einsatz kommen. Spiegel Online
Laderampe: Diese grosse Öffnung dient nur dem Zweck, den Stromspeicher aufzunehmen. Spiegel Online
Akku: Mit einer Ladung soll die Airdog rund 15 Minuten fliegen können. Da scheint es sinnvoll, gleich ein paar Zusatzakkus zu bestellen. Spiegel Online
Kleinmachen: Für den Transport können die Motorausleger der Drohne eingefaltet werden. So passt sie auch in einen Rucksack. Spiegel Online
Steuergerät: Der simple Eindruck täuscht, neben dem Display und ein paar Tasten stecken hier auch diverse Sensoren, die Bewegungsdaten des Nutzers auswerten. Spiegel Online
Eine manuelle Fernsteuerung ist nicht mehr nötig, die Airdog regelt ihren Flug weitgehend automatisch. Das Band, dass an der Drohne hängt, war eine Auflage der Messegesellschaft und sollte dazu dienen, sicheren Kontakt zum Boden herzustellen. Spiegel Online

Stadt der Zukunft

Die Stadt der Zukunft? «Wohnen 500 Hipster nebeneinander, bringen sich 300 gegenseitig um»

Stadt der Zukunft: «Luxus-Wolkenkratzer führen zu sozialer Säuberung»

Detroit oder: Muss zuerst alles kaputt gehen, bis etwas Neues entsteht?

Der moderne Umweltschützer lebt in der Stadt

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