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Der Lebensraum der Äsche wird in der Schweiz immer kleiner. Bild: SFV SCHWEIZERISCHER FISCHEREI VE

«Die Nahrungsgrundlage aller Wasserlebewesen steht auf dem Spiel»

Die Pestizid-Grenzwerte werden in der Schweiz nicht gelockert. Für den Geschäftsführer des Schweizerischen Fischerei-Verbands müssen jedoch weitere Schritte eingeleitet werden, um das Fischsterben zu verhindern.

Publiziert: 18.02.20, 15:00 Aktualisiert: 28.05.20, 13:26

Aufatmen beim Schweizerischen Fischerei-Verband. Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat am Dienstagmorgen beschlossen, dass die Pestizid-Grenzwerte im Wasser nicht gelockert werden. Ab dem 1. April gilt ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm Pestizid pro Liter in Gewässern, aus denen Trinkwasser entnommen wird. Ihre Vorgängerin im UVEK, Doris Leuthard, hatte die Grenzwerte noch erhöhen wollen.

Philipp Sicher, Geschäftsführer des Schweizerischen Fischerei-Verbands, nimmt den Entscheid mit Erleichterung zur Kenntnis, stellt aber gleichzeitig weitere Forderungen an die Politik.

Herr Sicher, sind Sie mit dem Entscheid von Frau Sommaruga zufrieden?
Philipp Sicher: Es ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Sie zieht die völlig unverständlichen Pläne ihrer Vorgängerin endlich zurück. Doris Leuthard ist viel zu stark auf die Wünsche der Agrar-Lobby eingegangen. Der Entscheid von Bundesrätin Sommaruga ist eine Umkehr in die richtige Richtung.

Doris Leuthard: Die ehemalige Vorsteherin des UVEK wollte die Grenzwerte für Pestizide lockern. Bild: KEYSTONE

Für zwölf Pestizide gelten ab dem 1. April strengere Grenzwerte. Darunter ist auch das Unkrautvertilgungsmittel Glyphosat, welches mutmasslich krebserregend ist. War Glyphosat tatsächlich messbar in unseren Gewässern?
Ja sicher. In den Gewässern, aus denen unser Trinkwasser entnommen wird, wurde eine Glyphosat-Konzentration gemessen, die den Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter um das 50- bis 60-Fache übersteigt.

«Da reicht die heutige Gesetzgebung nie und nimmer aus.»

Reicht die neue Amtsordnung, um die Fische vor Pestiziden zu schützen?
Nein. Wie das Wasserforschungsinstitut der ETH, das Eawag, vergangenen Herbst erstmals nachweisen konnte, werden unsere Gewässer durch hochkonzentrierte toxische Stoffe verunreinigt, die bisher nicht gemessen werden konnten. Erstmals konnte die Konzentration von Pyrethroid- und Organophosphat-Insektiziden nachgewiesen werden, welche von der Landwirtschaft zur Bekämpfung von Schädlingen eingesetzt werden. Etwa im Kartoffel- oder Rapsanbau.

Philipp Sicher, Geschäftsführer des Schweizerischen Fischerei-Verbands. bild: zvg

Wie gefährlich sind diese hochtoxischen Pestizide?
Sehr gefährlich. Das Eawag geht davon aus, dass diese Pestizide für wirbellose Kleinorganismen schlimmer sind als alle anderen gemessenen Pflanzenschutzmittel zusammen. Sterben die Insekten, fehlt den Fischen und anderen Wasserlebewesen die Nahrungsgrundlage. Auch dort braucht es dringend Grenzwerte, da reicht die heutige Gesetzgebung nie und nimmer aus.

Ist der Fischbestand in der Schweiz rückläufig?
Das ist regional sehr unterschiedlich. In den alpinen Gebieten geht es. Im Mittelland hat der Bestand in den vergangenen 20 Jahren hingegen massiv abgenommen.

Gibt es Fische, die besonders betroffen sind?
Ja, bei den sogenannten Edelfischen, wie der Bachforelle oder der Äsche, ist der Rückgang besonders alarmierend. Das stellt die Fischer vor massive Probleme, da es sich um beliebte Speisefische handelt. Zudem sind sie Zeigerarten, sie sind also Indikatoren dafür, wie es dem Ökosystem insgesamt geht.

Kann man den Rückgang quantifizieren?
Gemäss Fangstatistik des Bundes ging der Bestand der Bachforelle zwischen 2004 und 2017 um 40 Prozent zurück. Bei der Äsche sogar um 70 Prozent.

Die Fangzahlen der Forelle sind in der Schweiz stark rückläufig. grafik: bafu

Und das liegt alleine am Pestizideinsatz der Landwirtschaft?
Nein, da spielen verschiedene Faktoren mit.

«Gerade was die Nahrungsbasis in Gewässern betrifft, da trägt die Landwirtschaft eine grosse Verantwortung.»

Wie etwa der Klimawandel?
Ja. Mittlerweile erleben wir ja fast jeden Sommer, dass das Wasser im Rhein über 25 Grad steigt. Für die Äsche ist das lebensgefährlich. Wir beobachten deshalb immer regelmässiger ein Massensterben.

Hinzu kommen die Pestizide ...
Genau. Gerade was die Nahrungsbasis in Gewässern betrifft, da trägt die Landwirtschaft eine grosse Verantwortung. Wird durch den Pestizideinsatz das Insektensterben immer schlimmer, so fehlt den Fischen, aber nicht nur ihnen, die Lebensgrundlage.

Welche Folgen hat das fürs Ökosystem?
Die Fische sind ein wichtiger Faktor in der Nahrungskette. Verändert sich ihr Bestand, löst das eine Kettenreaktion aus. Das ganze natürliche Gleichgewicht gerät ins Wanken.

Malen Sie nicht ein bisschen schwarz? In den 50er- und 60er-Jahren waren die Schweizer Gewässer doch viel stärker verunreinigt.
Das muss man differenziert betrachten.
Tatsächlich wurde damals aus der Industrie und aus den Haushalten viel Abwasser in die Gewässer gespült. Das hat man mit den Kläranlagen in den Griff bekommen.

Aber?
Das löst das Problem der Mikroverunreinigung nicht. Kläranlagen können unser Wasser noch nicht ausreichend von Pestiziden, Medikamentenrückständen oder Hormonen wie der Antibabypille reinigen.

«Die Politik ist derzeit viel zu nett mit der Landwirtschaft.»

Was muss passieren?
Es braucht jetzt dringend realistische Grenzwerte für die hochtoxischen Pestizide. Nur durch eine massive Reduktion der Belastung können die für die Fische und auch Krebse wichtigen Insekten und Wasserlebewesen überleben. Die Nahrungsgrundlage der Fische, ja aller Wasserlebewesen, steht auf dem Spiel.

Damit wäre es getan?
Ich bin zuversichtlich, dass uns die Gesundung der Gewässer gelingen kann. Es muss aber genauer hingeschaut werden, ob die Landwirtschaft sich an die Regeln hält. Die Politik ist derzeit viel zu nett mit ihr. Sie gibt zwar viele Empfehlungen, die Einhaltung wird aber zu wenig überprüft. Dabei zeigen die aktuellen Entwicklungen deutlich: Das mit der Freiwilligkeit funktioniert nicht. Und noch etwas ...

Ja?
Wir haben eine besonders grosse Verantwortung. Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Das Gift, welches hier ins Wasser gelangt, wird über weite Teile Europas verteilt. Das sollten wir tunlichst vermeiden.

21 Bilder, die dir vor Augen führen, wie schön die Natur ist

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Gleiche Wolkenformation hier über den Hügeln bei Boulder, Colorado. Bild: imgur
Sørvágsvatn, der grösste Binnensee der Färöer im Süden der Insel Vágar. Bild: imgur
Diese Felsformation ist auf der Westmännerinsel Heimaey (südlich von Island) zu finden. Bild: Wikipedia
Krzywy Las (zu Deutsch: «Krummer Wald») ist ein Waldgebiet in Polen, das rund 400 eigenartig gekrümmte Kiefern beinhaltet. Woher die Krümmungen stammen, ist Gegenstand von Spekulationen. Allerdings war menschliches Eingreifen irgendeiner Art mit grosser Wahrscheinlichkeit ausschlaggebend für die Formung. Bild: imgur
Wieso genau der Lake Hillier in Australien pink ist, ist nicht gänzlich geklärt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Bakterien, die Nährstoffkonzentration und Algen dafür verantwortlich sind. Bild: Wikimedia
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Kein Sternenhimmel, sondern die Waitomo Glow Worm Caves in Neuseeland. Verursacht wird das Leuchten von den Larven der Mückenart Arachnocampa luminosa. Bild: shutterstock
Sie locken mit ihrem lu­mi­nes­zie­renden Körper kleinere Fliegen in ihre klebrigen Fäden, um diese zu fressen. Spannend dabei: Hungrige Larven leuchten heller, als satte Larven. Bild: shutterstock
Darf natürlich nicht fehlen: das «Coeur de Voh» in den Mangroven von Neukaledonien. Bild: flickr

In 100 Jahren könnten alle Insekten verschwunden sein

Video: SRF / Roberto Krone

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