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Nicht nur für Heuschrecken sieht es in der Schweiz düster aus. archivbild: shutterstock

Interview

«Es ist alarmierend» – Insektensterben in der Schweiz ist viel schlimmer als angenommen

Der Insektenschwund hat dramatische Auswirkungen. Das ganze natürliche Gleichgewicht gerät durcheinander. Das bekommt auch der Mensch zu spüren.



Eine am Mittwoch veröffentlichte Studie zeigt erstmals das ganze Ausmass des Insektenschwunds für Deutschland und die Schweiz auf. Die Erkenntnisse sind alarmierend: In den vergangenen zehn Jahren wurde ein Rückgang der Artenvielfalt von 30 Prozent festgestellt.

Markus Fischer von der Uni Bern war an der Forschung beteiligt und hat uns die Studienerkenntnisse erläutert. Er sagt, warum die Studie so bahnbrechend ist, was die Ursachen für den Schwund sind und was jetzt zu tun ist.

Herr Fischer, inwiefern hat die am Mittwoch veröffentlichte Studie neue Erkenntnisse geliefert?
Markus Fischer: Bisher wurden jeweils nur einzelne Insektenarten untersucht. Nun wurden erstmals 2700 Arten für die Studie berücksichtigt. Das ist viel breiter als alles, was man bisher betrachtet hat. Wir haben nicht nur die Biomasse gemessen, wie das bisher oft gemacht wurde, und haben deswegen herausgefunden, dass in den vergangenen zehn Jahren die Artenvielfalt um ein Drittel zurückgegangen ist.

Bisher hatte man zudem immer gedacht, dass der Wald ein sicherer Hafen ist. Das ist aber nicht so. Der Rückgang wurde auch dort festgestellt. Doch das ist noch nicht alles: Erstmals wurden mit der Studie auch Erkenntnisse zu den Ursachen gewonnen.

Zu den Ursachen kommen wir später. Die Untersuchungen wurden in Deutschland durchgeführt. Kann man die Ergebnisse auch auf die Schweiz anwenden?
Das Forschungsteam sammelte auf fast 300 Flächen Informationen zu über einer Million Insekten. Die gewählten Regionen in Thüringen, Brandenburg und Baden-Württemberg entsprechen dem Schweizer Mittelland, dem Hügelland und dem Jura. Das ist sehr gut vergleichbar, ich erwarte in der Schweiz dasselbe Muster.

Zur Person

Markus Fischer ist Professor an der Uni Bern, leitet die Abteilung für Pflanzenökologie und ist Direktor des Botanischen Gartens. Als Teil eines internationalen Forschungsteams hat er den Rückgang des Insektenschwundes untersucht. Die Resultate wurden am Mittwoch, 30. Oktober 2019, veröffentlicht.

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bild: unibe.ch

Bei welchen Arten ist ein besonders grosser Rückgang feststellbar?
Auch hier wurden interessante Beobachtungen gemacht. Denn es ist keine spezielle Artengruppe besonders betroffen. Der Rückgang erfolgt bei allen Insektengruppen: Schmetterlinge, Heuschrecken, Springschwänze, Bienen – alles Mögliche.

Also auch die Bestäuberinsekten ...
Ja, die sind auch betroffen. Aber wir dürfen nicht vergessen: Der Mensch hat auch eine Menge anderen Nutzen von Insekten. Nicht nur die Bestäubung.

Zum Beispiel?
Etwa die Zersetzung von organischem Material. Oder die natürliche Kontrolle von Schadorganismen. Organismen, die der Landwirtschaft Schaden anrichten, werden normalerweise biologisch kontrolliert durch ihre Kollegen, durch andere Insekten. Der Insektenrückgang ist für die Ökosystemleistung, also jene Dienstleistung, die der Mensch von der Natur bezieht, sehr schlecht. Und noch etwas ...

«Das zeigt, dass die Massnahmen, die man bisher getroffen hat, keine Wirkung gezeigt haben.»

Ja?
Eine weitere wichtige Erkenntnis ist für mich auch, dass bei jenen Arten, die sowieso schon bedroht sind, der Rückgang besonders dramatisch ist.

Wie aus der Studie hervorgeht, hat die Gesamtmasse der Insekten in Graslandschaften um 67 Prozent und in Wäldern um 40 Prozent abgenommen. Das klingt dramatisch ...
Ja, das ist so. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass es sich hier nur um zehn Jahre handelt. Die intensive Landwirtschaft, die das verursacht, gibt es ja auch nicht erst seit zehn Jahren, sondern schon viel länger. Wir haben mit der Studie bereits auf einem niedrigen Niveau begonnen und trotzdem ist
der Rückgang in den vergangenen zehn Jahren so drastisch weitergegangen. Das ist wirklich alarmierend. Das zeigt, dass die Massnahmen, die man bisher getroffen hat, keine Wirkung gezeigt haben. Das ist ganz klar ein Aufruf, dass man jetzt dringend etwas unternehmen muss, wenn man die biologische Vielfalt erhalten will.

Sie sprechen die Ursachen an. Was wurde da herausgefunden?
Je mehr Äcker sich um die untersuchten Flächen befanden, desto grösser war der Rückgang. Das ist ein ganz deutlicher Hinweis darauf, dass die landwirtschaftliche Praxis mit Pestizid, Dünger und mechanischer Bodenbearbeitung die Ursache des Insektenschwundes ist.

Pestizide und Dünger aus der Landwirtschaft belasten das Grundwasser in der Schweiz. Abbauprodukte finden sich vor allem in Fassungen im Ackerbaugebiet des Mittellandes. (Archivbild)

Die bisherigen Verbote greifen nicht: Der Einsatz von Pestizid setzt den Insekten zu. Bild: EPA

Können Sie diesen Zusammenhang erläutern?
Wie genau das funktioniert, muss man jetzt untersuchen. Es kann sein, dass Pestizide aus dem Acker in andere Lebensräume verdriftet werden. Es kann sein, dass die Insekten in den Acker fliegen und dort Schaden nehmen. Es kann auch sein, dass durch die mechanische Bodenbearbeitung Lebensräume der Insekten zerstört werden. Wahrscheinlich ist es eine Mischung von all dem.

In der Schweiz stehen zwei Initiativen vor der Tür, die den Einsatz von Pestiziden einschränken wollen. Hier erfährst du mehr dazu:

Spielt auch der Klimawandel eine Rolle?
Die zehn Jahre waren zu kurz, um da einen Zusammenhang herzustellen. Grundsätzlich ist es so, dass einige Insekten von der Erwärmung profitieren, andere dafür Schaden nehmen. So beobachten wir vermehrt mediterrane Insekten hier in der Schweiz. Aber für den Rückgang der Insekten, den wir jetzt festgestellt haben, ist der Klimawandel eher unerheblich.

«Wir werden einen massiven Artenschwund erleben.»

Welche Folgen hat der Schwund?
Wie vorher erwähnt, gibt es zunehmend Probleme bei der Bestäubung. Auch die natürliche Kontrolle von landwirtschaftlichen Schädlingen funktioniert nicht mehr so gut. Das alles hat auch Auswirkungen aufs Nahrungsnetz.

Das heisst?
Wenn es weniger Insekten hat, dann hat dies auch einen Vogelrückgang zur Folge. Das beobachtet man bereits. Diese Vögel wiederum sind wichtig für die Ausbreitung der Pflanzenarten. Und so weiter und so weiter. Das ganze natürliche Gleichgewicht gerät durcheinander.

Die Amsel ist zwar weit verbreitet, könnte aber durch die Trockenheit im Sommer 2018 und einen Virus Verluste erlitten haben. (Archivbild)

Die Vögel erleben aufgrund des Insektenschwundes ebenfalls einen Rückgang. Bild: KEYSTONE

Welche Folgen hat das für den Menschen?
Es entstehen gesellschaftliche und ökonomische Kosten, die auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Was passiert, wenn zu wenig unternommen wird und es im gleichen Stil weitergeht?
Wir werden einen massiven Artenschwund erleben. Eintönige Löwenzahnwiesen werden die Regel sein, in unseren Gewässern werden viel weniger vielfältige Organismen leben. Dann kommt noch der Klimawandel hinzu, der gewisse Arten besonders unter Druck bringt. Und nicht nur das. Er wird auch die Landnutzung beeinflussen.

Wie?
Wenn es in den Alpen wärmer wird, könnten wir versucht sein zu denken: Super, dann können wir auch hier intensivere Landwirtschaft betreiben. Das wäre natürlich eine katastrophale Folge des Klimawandels. Aber man muss gar nicht so weit in die Zukunft blicken, wir sehen die Folgen des Insektensterbens bereits heute.

«Viel wichtiger ist, dass sich die Gesellschaft nun erhebt und sagt: Das geht einfach nicht, was hier passiert.»

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn Sie in der Umgebung von Bern Erdbeeren pflücken wollen, dann haben Sie zum Teil Felder, auf denen kein einziges Insekt mehr lebt, weil sie gespritzt sind. Der Landwirt stellt dann eine Box mit Bienen aus dem Versand ins Feld, damit die Erdbeeren bestäubt werden. Im Himalaya bestäuben sie die Bäume teilweise sogar schon von Hand.

Was kann ich als Einzelperson unternehmen?
Man trifft jeden Tag unzählige Entscheidungen. Die kann man biodiversitätsfördernd treffen. Etwa Bio-Produkte kaufen. Aber viel wichtiger ist, dass sich die Gesellschaft nun erhebt und sagt: Das geht einfach nicht, was hier passiert.

Den Druck auf die Politik erhöhen also. Was kann sie denn tun? Man muss die landwirtschaftliche Praxis insektenfördernd, beziehungsweise biodiversitätsfördernd machen.

Und wie soll das gehen?
Da gibt es bereits diverse Instrumente. Man kann etwa Subventionen nur verteilen, wenn die Landwirte ökologische Massnahmen ergreifen, die die Insekten schützen. Zudem müssen Pestizide weitestgehend verboten werden. Und auch mit dem Dünger muss sparsamer umgegangen werden. Man könnte das in eine richtige Richtung steuern, aber das ist bis jetzt leider noch nicht passiert.

Hat die Politik dieses Problem verschlafen?
Es fehlt mir die Entschlossenheit. Die Massnahmen gehen zu wenig weit, es werden zu viele Kompromisse gemacht. Man weiss ja schon lange, dass ein Artenrückgang stattfindet. Nicht nur bei den Insekten. Es ist ganz klar, dass die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen momentan nicht angepasst sind.

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