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Damals wie heute ein bevorzugtes Motiv: Das Matterhorn. 

Vertraut und doch ganz anders – so sah die Schweiz vor hundert Jahren aus

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelang es erstmals, kolorierte Fotografien in grossen Stückzahlen zu drucken. Die Schweizer Tourismusindustrie hat sich dies zunutze gemacht.

Publiziert: 31.03.17, 10:50
franz ermel

Es sind Zeugnisse einer anderen Zeit. Bilder in milchig-verfremdeten Farben, die uns die Schweiz der Belle Époque zeigen, eine Schweiz, die wir kennen und doch nicht kennen.

Man macht Bekanntes aus – Städte, Berge, Seen. Und doch wirken die Sujets mitunter eigenartig entrückt, arrangiert, fast wie gemalt.

Die Bilder heissen Photochrome und hatten ihre Blütezeit zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg (mehr dazu später).

Zürich, Utoquai mit Quaibrücke und Stadthausquai.

Interlaken, mit Jungfrau. Bild:

Bern, untere Stadt mit Nydeggbrücke.

Blick auf den Silsersee im Oberengadin.

Rhonegletscher mit Furkapassstrasse. Die Gletscherzunge hat sich inzwischen weit hinauf zurückgezogen.

Propagandabilder der Tourismusindustrie

Die Inszenierung der Bilder ist Programm. Dass sie wie Gemälde wirken, ist kein Zufall. Was wir vor uns haben, sind Propagandabilder einer sich entwickelnden Tourismusindustrie, eine heile Welt in fahlen Farben. Die Schweiz präsentiert sich als Land der Berge, Seen und Städte, von Bahnen und Schiffen erschlossen, mit Hotels und einer touristischen Infrastruktur selbst in den abgelegensten Gegenden.

Jungfraubahn mit Eiger und Mönch.

Maloja, Hotel Kursaal.

Furka, Hotel und Post.

Lugano, Funiculare auf den San Salvatore.

Aletschgletscher mit distinguiert gekleideten Touristen.

Solis-Viadukt auf der Albulabahnstrecke.

Die Erfindung der Postkarten-Schweiz

Möglich machte diese Art Bilder das sogenannte Photochrom-Verfahren. Der Zürcher Lithograf Hans Jakob Schmid (1856-1924) hatte die Technik in den 1880er Jahren für Orell Füssli resp. deren Tochter Photoglob marktreif entwickelt.

Dabei werden von Schwarzweiss-Fotografien mehrere Duplikate erstellt, die als Vorlagen für den Steindruck in bis zu 14 Farben verwendet werden.

Beatenberg mit Eiger, Mönch und Jungfrau.

Pilatus, Blick auf Vierwaldstättersee, Bürgenstock und Rigi.

Schwarzsee mit Matterhorn.

Bern, Altstadt.

Davos mit Seehorn.

Das Photochrom-Verfahren blieb bis zum Ersten Weltkrieg die bevorzugte Methode, um Farbbilder in hoher Qualität und grosser Stückzahl herzustellen. Und Photoglob blieb das führende Unternehmen in dieser Technik und versah ihre Farbbilder gut sichtbar mit dem Zusatz «P.Z.» für «Photochrom Zürich».

Auf den Photochromen wurde die touristische Schweiz in allen möglichen Facetten gezeigt:

Städte

Lausanne.

Bern. Das Münster hat noch keine Spitze. Diese wurde erst zwischen 1889 und 1893 aufgesetzt. 

Bern, mit Aare und Bundespalast.

Zürich. Der Üetliberg im Hintergrund sieht noch ziemlich nackt aus.

Zürich, mit Opernhaus und Utoquai.

Luzern, mit dem alten Bahnhof und dem Pilatus. Einmal bei Tag ...

... und einmal bei Nacht.

Schaffhausen, Rheinfall, bengalisch beleuchtet.

Berge

Eiger, Mönch (von der Wengernalp aus) ...

... und Jungfrau (von der Kleinen Scheidegg aus).

Monte Rosa.

Titlis.

Piz Bernina, von der Diavolezza aus.

Und immer wieder ... das Matterhorn.

Gletscher

Rhonegletscher.

Gletsch mit Blick auf den Rhonegletscher und die Furkapassstrasse.

Morteratschgletscher.

Fornogletscher.

Pässe

Oberalppass.

Theodulpass.

Berninapass, Hospiz.

Gemmi, Hotel Schwarenbach mit Altels und Rinderhorn.

Wassen an der Gotthardstrecke, mit Eisenbahn und Kehrtunneln.

Gewässer

Klöntalersee.

Silvaplaner- und Silsersee.

Innfall am St.Moritzersee.

Riffelsee mit Monte Rosa.

Findelenbachfall bei Zermatt.

Ach ja, wenn wir schon bei schönen, alten Bildern sind: History Porn!

Eine Frau schlägt einen Neonazi mit ihrer Handtasche in Schweden, 1985. Die Frau ist eine Überlebende eines Konzentrationslagers. bild: theodysseyonline
Komako Kimura, a prominent Japanese suffragist at a march in New York. October 23, 1917 23. Oktober 1917: Über 25'000 Frauen marschieren die Fifth Avenue entlang, um ihr Wahlrecht zu fordern. 65 Jahre kämpfen sie schon dafür, und es sollte noch fünf Jahre dauern, bis ihr Anliegen Realität wird. Die «New York Times» schrieb in ihrem Artikel, dass wählende Frauen sich selbst und der Gesellschaft Schaden zufügen würden, und dass die Suffragetten nach dem Erhalt des Stimmrechts alle anderen Rechte einfordern wollen würden. Aber wer wolle um Himmels Willen Polizistinnen, Matrosinnen und Soldatinnen! Man stelle sich das Chaos vor! bild: wikipedia
Afghani medical students (1962)icture taken in 1962 at the Faculty of Medicine in Kabul of two Afghan medicine students listening to their professor (at right) as they examine a plaster cast showing a part of a human body. bild: theodysseyonline
18. Paratroop nurse for the World Health Organization jumps and is about to open her parachute. –1960s bild: u.s. national library of medicine
Eine Rot-Kreuz-Krankenschwester notiert sich die letzten Worte eines britischen Soldaten (ca. 1917). bild: nursebuff
A man praying in a ruined Catholic church in La Vang, a town south of Quang Tri City, Vietnam on July 6, 1972. bild: tumblr/historicaltimes
On this day in 1923, English archaeologist Howard Carter entered the sealed burial chamber of King Tutankhamen. Here he is examining the sarcophagus. bild: imgur
At a segregated drinking fountain, Mobile, Alabama, 1956. Photograph by Gordon Parks. bild: reddit
Beautiful Sangley woman, 1875 bild: imgur
Nampeyo at Hano, photo with view toward Walpi, Hopi Pueblo [man may be her brother Tom Polacca or Lesou. If you know a lot about this photo, drop us a line] Photographer: William Henry Jackson Date: 1875 bild: pogphotoarchives
Eingang zur Métro, Paris, ca. 1905 bild: facebook/dergeistdes19.jahrhunderts
Rache am deutschen Kaiser: In der norditalienischen Provinz Udine formten Soldaten aus Schnee ein Abbild von Kaiser Wilhelm II. und rammten ihm einen Dolch ins Herz. Die Aufnahme vom Februar 1916 erinnert fast an ein Voodoo-Ritual.
1st Field Artillery Brigade, 1st Division, Grenzhausen, Germany, 1919. bild: reddit
Olive Oatman wurde als Mädchen von Indianern entführt. Ihre Familie reiste 1851 durch Arizona, auf der Suche nach einem neuen Siedlungsplatz, als sie in der Nähe von Yuma von Tonto-Apachen überfallen wurde. Ihre Eltern und vier ihrer Geschwister wurden dabei getötet. Die 13-jährige Olive und ihre 7-jährige Schwester Mary Ann wurden zur Sklavenarbeit gezwungen. Sie mussten Wasser und Holz tragen und wurden oft geschlagen. Ein Jahr später kauften sie Mohave-Indianer frei. Die Familie des Anführers nahm die Schwestern gut auf und gaben ihnen ein Stück Land. Sie wurden am Kinn und an den Armen tätowiert – ein Zeichen der Stammeszugehörigkeit, das Sicherheit beim Übergang ins Jenseits gewährleisten sollte. Vielleicht wurden die Mädchen als Familienmitglieder angesehen, aber sie selbst betrachteten sich wohl eher als Gefangene, sie trauten sich nicht zu fliehen. Mary Ann starb während einer Hungersnot, Olive wurde im Tausch gegen Decken und Pferde 1856 freigelassen. Die Verhandlungen führte die Regierung vom Fort Yuma. bild: wikipedia
«Das Wunder der Anden»: Die Überlebenden des Fuerza-Aérea-Uruguaya-Flug 571. Die Maschine mit Mitgliedern, Betreuern und Angehörigen der uruguayischen Rugby-Union-Mannschaft Old Christian’s Club zerschellte 1972 an einem Berghang in den Anden in 4000 Metern Höhe. Nach 72 Tagen im Eis konnten 16 von 45 Insassen gerettet werden – sie überlebten, weil sie die Leichen ihrer Freunde und Bekannten assen. Anfangs weigerten sich einige, doch die verzweifelte Lage zwang schliesslich alle dazu, auf menschliches Fleisch als Nahrung zurückzugreifen. Der Schriftsteller Piers Paul Read verfasste 1974 in Zusammenarbeit mit den Überlebenden einen vollständigen Tatsachenbericht mit dem Titel Überleben, welcher zum weltweiten Bestseller und millionenfach verkauft wurde. bild: tumblr/historicaltimes

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