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US-Präsident Donald Trump im Gespräch mit Fox News. bild: screenshot fox news/twitter

«Es muss Vergeltung geben»: Trump billigt bei Fox News tödliche Polizeigewalt

Publiziert: 14.09.20, 14:11 Aktualisiert: 14.09.20, 14:52

Im US-Wahlkampf profiliert sich Präsident Donald Trump gerne als Mann von «Law and Order» (zu deutsch Recht und Ordnung). Als etwa nach der Tötung des Schwarzen George Floyd in der Hauptstadt des Bundesstaates Oregon Unruhen ausbrachen und am Rande friedlicher Proteste Menschen Geschäfte plünderten und Strassen blockierten, da twitterte Trump «LAW & ORDER!» und schickte Bundespolizisten nach Portland.

Wenige Monate und viele Einsätze von Bundespolizisten später scheint Trump nun ein regelrecht archaisches Verständnis von «Recht und Ordnung» zu präsentieren. Der Sender Fox News strahlte am Sonntag ein Interview mit Trump aus, in dem der Präsident mit der ehemaligen New Yorker Bundesrichterin Jeanine Pirro unter anderem über die Geschehnisse in Portland sprach.

Video zum Thema Polizeigewalt in den USA:

Video: watson/Lino Haltinner

Dort war es am 3. September zu einem Vorfall gekommen, bei dem Bundespolizisten einen 39 Jahre alten Mann erschossen hatten, der im Zusammenhang mit der Tötung eines Mitglieds einer rechtsextremen Gruppe am 29. August gesucht wurde. Der Verdächtige sei in Notwehr erschossen worden, gaben die Behörden bekannt – angeblich habe er die Bundespolizisten mit einer Waffe bedroht.

Auf den Vorfall angesprochen, sagte Trump: «Dieser Mann war ein gewalttätiger Verbrecher und die US-Marshals haben ihn getötet.» Die Aussage ist für sich genommen schon problematisch, weil sie ein gerichtliches Urteil vorwegnimmt.

In den USA gilt die Unschuldsvermutung für Verdächtigte. Einen Verdächtigen als «gewalttätigen Verbrecher» zu bezeichnen, wie Trump es getan hat, stellt eine Verurteilung dar, die nicht auf einem Gerichtsurteil basiert, sondern auf Eindrücken, die Trump aus Medien und anderen Berichten hat.

«Der Präsident heisst aussergerichtliche Tötungen gut», schreibt US-Journalist Chris Hayes bei Twitter

Der US-Präsident legte aber noch einen obendrauf. Der Fox-News-Moderatorin Pirro sagte Trump zu dem Einsatz der Polizei:

«Und ich sage Ihnen noch etwas: So muss das sein. Es muss Vergeltung geben, wenn es solche Verbrechen gibt.»

Auch hier zeigt sich ein archaisches Verständnis von «Recht und Ordnung» aufseiten des US-Präsidenten. Es ist auch in den USA nicht Aufgabe der Polizei, für Vergeltung (also Bestrafung) von Verbrechen zu sorgen – das ist Aufgabe der Justiz. Polizei kann lediglich dafür sorgen, dass Verdächtige der Justiz zugeführt werden, die dann ein Urteil sprechen muss.

Wenn Trump also, wie hier im Interview mit Fox News geschehen, befürwortet, dass die Polizei für Vergeltung eines Verbrechens sorgt, dann untergräbt das den Grundsatz der Gewaltenteilung, nach der Exekutive (u.a. Polizei) und Judikative (Gerichte) voneinander getrennt sind.

Dieser Grundsatz der Gewaltenteilung verhindert unter anderem, dass der Staat willkürlich Menschen für Taten zur Rechenschaft zieht, die sie unter Umständen nicht begangen haben. Gewaltenteilung ist eine der wichtigsten Grundsätze einer modernen Demokratie.

Zweifel an der Polizei-Geschichte

Hinzu kommt im vorliegenden Fall: Es ist noch nicht einmal abschliessend geklärt, ob die Tötung des 39-jährigen Verdächtigen tatsächlich in Notwehr geschah, beziehungsweise ob der Verdächtige gewarnt wurde, dass das Feuer auf ihn eröffnet werden würde.

Nach US-amerikanischem Recht darf die Polizei nur dann ohne Vorwarnung tödliche Gewalt anwenden, wenn Polizisten mit einer Waffe bedroht werden oder bereits auf sie geschossen wird. Unter anderem die Tageszeitung Washington Post berichtete Anfang September aber von einem Zeugen des Vorfalls, der eine Version der Geschichte zu Protokoll gegeben hatte, die genau diesen Zustand der Bedrohung in Zweifel zieht.

Demnach habe der Erschossene die Bundespolizisten nicht mit einer Waffe bedroht oder gar geschossen – sondern ein Mobiltelefon in Händen gehalten und einen Gummiwurm gegessen, als die Polizei ohne Vorwarnung das Feuer auf ihn eröffnete.

Der Zeuge, den die «Washington Post» zitiert, gab demnach an, dass zwei unmarkierte Polizeifahrzeuge auf den Verdächtigen zugefahren seien, während der auf dem Weg zu seinem eigenen Auto war. Eine Festnahme sei nicht versucht worden, statt dessen hätten die Polizisten sofort auf den Mann geschossen. Laut «Washington Post» wollte die US-Bundespolizei den Zeugenbericht mit Verweis auf laufende Ermittlungen nicht kommentieren. Andere Zeugen bestätigen die Version der Behörden, nach der der Verdächtige auf die Polizisten geschossen haben soll.

Der Verdächtige hatte wenige Tage vor seinem Tod selbst über den tödlichen Vorfall mit dem mutmasslichen Rechtsextremen gesprochen. Im Gespräch mit dem US-Nachrichtenmagazin Vice gab er an, er habe den Mann in Notwehr erschossen.

(pcl/watson.de)

Tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA

Miami, 1980: Ein nur mit Weissen besetztes Geschworenengericht spricht vier weisse Polizisten von der Anklage frei, sie hätten den Afroamerikaner Arthur McDuffie zu Tode geprügelt, der eine rote Ampel überfahren hatte. Tagelange Krawalle in Florida kosten 18 Menschen das Leben, Hunderte werden verletzt. Es sind die grössten Unruhen in den USA seit der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King 1968. AP/AP / KATHY WILLENS
Los Angeles, 1991: Ein Amateur-Video geht um die Welt: Es zeigt vier Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammenschlagen. Ihr Freispruch führt zu Unruhen mit Dutzenden Toten. Zwei von ihnen werden in einem Revisionsverfahren 1993 zu Haftstrafen verurteilt. Das Opfer erhält eine millionenschwere Entschädigung. Im Bild: Demonstranten vor dem brennenden Los Angeles Polizeidepartement. keystone / Nick Ut
Los Angeles, 1992: Ein Polizist legt zwei Demonstranten Handschellen an, nachdem diese an einem Protest gegen Polizeigewalt nach dem Tod des Afroamerikaner Rodney King teilgenommen hatten. keystone / John Gaps III
Cincinnati, 2001: Tödliche Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Unruhen im US-Staat Ohio aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige Timothy Thomas war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wird freigesprochen. AP/AP / Al Behrman
Oakland, 2010: Nach einem milden Urteil gegen einen weissen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten und gefesselten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. (Symbolbild) AP / Jeff Roberson
Ferguson, 2014: Der unbewaffnete schwarze Teenager Michael Brown wird bei St. Louis (Missouri) von einem Polizisten erschossen. Schwere Unruhen sind die Folge. Später tritt der Polizeichef von Ferguson zurück. AP / David Goldman
Ferguson Missouri, 2014:Ein Restaurant gerät bei den Demonstrationen in in Brand. EPA/EPA / TANNEN MAURY
Baltimore, 2015: Der Afroamerikaner Freddie Gray stirbt an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Im US-Staat Maryland kommt es zu schweren Krawallen. EPA / MICHAEL REYNOLDS
Baltimore, 2015: Die Protestierenden verlangen, dass die sechs Polizisten, die bei der Verhaftung Freddie Grays anwesend waren, vor ein Gericht gestellt werden. Getty Images North America / Andrew Burton
Baltimore, 2015. Getty Images North America / Mark Makela
Charlotte, 2016: Der Tod des 43 Jahre alten Keith Lamont Scott löst tagelange Proteste in North Carolina aus. Er war auf einem Parkplatz von Polizisten erschossen worden, neben ihm wird eine Waffe gefunden. Der Schütze wird freigesprochen. EPA/CHARLOTTE POLICE DEPARTMENT / CHARLOTTE POLICE DEPARTMENT/ HANDOUT
Charlotte, 2016: Die Polizei konfrontiert einige Protestierende, die eine Strasse blockieren. AP/AP / Gerry Broome
Charlotte, 2016: Friedliche Proteste gegen Polizeigewalt in Charlotte, nach dem Tod des Afroamerikaners Keith Lamont. AP/AP / Gerry Broome
Sacramento, 2018: Polizisten töten einen unbewaffneten Schwarzen mit 20 Kugeln. Sie hatten sein Smartphone für eine Schusswaffe gehalten. Laut Polizei soll der 22-jährige Stephon Clark Autoscheiben eingeschlagen haben. Hunderte protestieren in Kalifornien gegen Polizeigewalt. AP/AP / Rich Pedroncelli

Zwei Menschen bei Protesten gegen Polizeigewalt getötet – 17-Jähriger festgenommen

Video: watson / een

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