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Ein Arzt in einem Provisorium in der italiensichen Stadt Brescia. Bild: EPA

Wie im Krieg: Vor diesen ethischen Problemen stehen Ärzte in Italien

Publiziert: 11.03.20, 21:22 Aktualisiert: 12.03.20, 10:38

Noch vor wenigen Tagen konnte Italien jedem Covid-19-Patienten eine Behandlung mit höchster Qualität geben. Heute jedoch sieht die Situation anders aus. Die Zahl der Infizierten und der Toten ist in der vergangenen Woche stark angestiegen. Personal, Betten und Beatmungsmaschinen werden knapp. Bis am Dienstagabend fielen dem Virus 631 Personen zum Opfer, über 10'000 haben sich damit infiziert.

Einige Spitäler sind derart überlastet, dass sie nicht mehr alle Patienten behandeln können. Die Ärzte müssen entscheiden, wem sie den Vorzug geben und wem nicht. Diese Entscheidungsfindung kennt man sonst nur aus Kriegs- oder Katastrophenzeiten. Eine Experten-Gruppe hat nun eine Anleitung für die Triage in der Corona-Krise herausgegeben. Du kannst sie hier nachlesen.

Nachfolgend die wichtigsten Punkte, die auf den ersten Blick etwas technisch klingen mögen, aber zeigen, in welcher Ausnahmesituation sich Italien gerade befindet. Die Ärzte müssen darüber befinden, wer am Leben erhalten wird und wer nicht. Wenn es notwendig wird, soll sogar eine Alterslimite für die Intensivpflege festgelegt werden:

«Es kann sich als notwendig erweisen, Kriterien für den Zugang zur Intensivmedizin nicht nur auf der Grundlage der klinischen Angemessenheit festzulegen, sondern sich an den einvernehmlichsten Kriterien hinsichtlich der Verteilungsgerechtigkeit und der angemessenen Zuteilung der begrenzten Gesundheitsressourcen zu orientieren.»
«Ein solches Szenario ist im Grossen und Ganzen mit dem Bereich ‹Katastrophenmedizin› vergleichbar, für die im Laufe der Zeit viele konkrete Hinweise für Ärzte und Krankenschwestern erarbeitet wurden, die schwierige Entscheidungen treffen müssen.»
«Vor dem Hintergrund eines gravierenden Mangels an medizinischen Ressourcen müssen die Zuteilungskriterien gewährleisten, dass die Patienten mit den höchsten Chancen auf therapeutischen Erfolg den Zugang zur Intensivmedizin behalten. Es geht darum, die höchste Hoffnung auf Leben und Überleben in den Vordergrund zu stellen.»

Grippe und Covid-19 im Vergleich

Bei der Diskussion um den Coronavirus wird oft die Grippe zum Vergleich herangezogen. Die WHO nennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede: EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ähnlich ist demnach die Ausprägung der Infektionskrankheiten: Beide sind von einem Virus verursachte Atemwegserkrankungen, deren Verlauf sehr unterschiedlich sein kann - von symptomlos oder mild bis hin zu sehr schwer, mitunter gar tödlich. EPA / IGOR KUPLJENIK
Beide Erreger werden vorwiegend über Tröpfchen etwa beim Sprechen oder Husten oder auch direkten Kontakt übertragen. Darum greifen bei beiden auch die gleichen Vorsichtsmassnahmen: gute Handhygiene, in den Ellbogen oder ein Taschentuch husten, Kontakt zu Infizierten vermeiden. KEYSTONE/TI-PRESS / Alessandro Crinari
Unterschiede gibt es laut WHO bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit: Influenza habe eine kürzere Inkubationszeit zwischen Ansteckung und der Ausbildung erster Symptome, zudem erfolgten die Ansteckungen in den Infektionsketten rascher aufeinander. Bei Covid-19 liege dieses Intervall bei etwa 5 bis 6 Tagen, bei Influenza bei 3 Tagen. Das bedeute, dass sich Influenza rascher verbreiten kann als Covid-19. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Hinzu komme, dass bei Influenza oft schon vor der Ausprägung von Symptomen weitere Menschen angesteckt würden. Bei Covid-19 seien zwar Übertragungen 24 bis 48 Stunden vor dem Auftreten von Symptomen bekannt, sie seien aber nach derzeitigem Kenntnisstand anders als bei der Grippe selten und spielten für die Weiterverbreitung kaum eine Rolle. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist die Ansteckungsrate. Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 wird nach WHO-Daten von einem Infizierten im Mittel an zwei bis zweieinhalb weitere Menschen weitergegeben - und damit an mehr als bei Influenza. Wegen der unsicheren Datenlage und verschiedenen den Wert beeinflussenden Effekten sei ein Vergleich bei diesem Aspekt aber nur eingeschränkt möglich, heisst es von der WHO. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Erhebliche Unterschiede gibt es im Bezug auf Kinder: «Kinder sind bedeutsame Treiber für die Übertragung von Influenzaviren in der Gemeinschaft», so die WHO. Für den Covid-19-Erreger zeigten erste Auswertungen, dass Kinder weniger betroffen sind als Erwachsene und nur selten deutliche Symptome entwickeln. Vorläufige Daten lassen demnach zudem annehmen, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Schwere bis lebensbedrohliche Verläufe gibt es nach bisherigen Auswertungen bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe. Der WHO zufolge ist der Verlauf bei 15 Prozent der Infizierten so schwer, dass eine zusätzliche Versorgung mit Sauerstoff nötig wird. EPA / JALIL REZAYEE
Bei 5 Prozent der Infizierten ist demnach künstliche Beatmung nötig. Auch die Todesrate liegt wohl höher als bei der normalen saisonalen Grippewelle - exakte Angaben lassen sich dazu aber derzeit kaum machen. AP / Sakchai Lalit
Als besonders von schweren Verläufen betroffene Risikogruppen gelten bei Influenza Kinder, Schwangere, Ältere sowie Menschen mit chronischen Krankheiten oder geschwächtem Immunsystem. Bei Covid-19 gehören Kinder und Schwangere nach derzeitigem Wissensstand nicht zu den Risikogruppen. EPA / NICOLA FOSSELLA
Zu beachten ist auch der Unterschied bei den Möglichkeiten für Behandlung und Vorsorge. «Zwar gibt es bereits eine Reihe klinischer Tests von Medikamenten in China, und es sind mehr als 20 Impfstoffe gegen Covid-19 in der Entwicklung, bisher aber gibt es keine zugelassenen Impfstoffe oder Therapien für Covid-19», so die WHO. Bei Influenza hingegen gebe es sowohl schützende Impfungen als auch zugelassene antivirale Medikamente. EPA / ALEX PLAVEVSKI

Die Empfehlungen an die Ärzte:

«Die ausserordentlichen Kriterien für die Aufnahme und die Entlassung sind flexibel und können je nach der örtlichen Verfügbarkeit von Ressourcen angepasst werden. Diese Kriterien gelten für alle Patienten auf der Intensivstation, nicht nur für diejenigen, die mit Covid-19 infiziert sind.»
«Die Zuteilung ist eine sehr komplexe und heikle Entscheidung. […] Der vorhersehbare Anstieg der Sterblichkeit bei klinischen Erkrankungen, die nicht mit der aktuellen Epidemie in Verbindung stehen, aufgrund der Verringerung der chirurgischen Aktivität und der Knappheit der Ressourcen, muss berücksichtigt werden.»
«Es kann notwendig werden, eine Altersgrenze für den Zugang zur Intensivpflege festzulegen. Dies ist kein Werturteil, sondern eine Möglichkeit, extrem knappe Ressourcen denjenigen zur Verfügung zu stellen, die die höchste Überlebenswahrscheinlichkeit haben und die grösste Anzahl von geretteten Lebensjahren geniessen könnten.»

(cma)

Wegen Coronavirus sind in Italien Schulen geschlossen

Video: SRF / SRF

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