Vom Supergirl zur Trash-Bitch: Künstlerin inszeniert eine Instagram-Tragödie
Die Täuschung ist perfekt. Was wie eine echte Biografie wirkt, ist reine Perfomance. Mit ihrem Instagram-Account als Kunstprojekt trifft die Künstlerin Amalia Ulman den Nerv der Zeit.
Alles begann im Sommer 2014. Amalia Ulman postet das erste Selfie auf Instagram. Unschuldig blickt sie mit ihren grossen Kulleraugen in die Kamera. Es folgen weitere Bilder, perfekte Bilder von einem perfekten Leben. Amalia trifft mit diesem Image den Nerv der sozialen Netzwerke. Innert kürzester zählt ihr Account über 80'000 Follower.
Amalia in exklusivem Hotelzimmer ...
Alles nur Fake. Nein, nicht Fake, wie du jetzt denkst, so à là Essena O'Neill oder so. Eher Fake in Form von Täuschung.
Oder Performance-Art.
Amalia Ulman ist nämlich Künstlerin und ihr Instagram-Account Teil eines Projektes. In drei Phasen ein perfektes aber doch authentisches Leben zu inszenieren, das ist der Plan.
Damit die Künstlerin von Anfang an glaubwürdig und authentisch rüberkommen konnte, bereitete sie sich einen Monat auf das bevorstehende Doppelleben vor. Amalia lernte die Sprache auf Social Media, forschte, wie andere Instagram-Persönlichkeiten ihre Gefühle ausdrücken, welche Hashtags sie verwenden und in welcher Subkultur sie sich bewegen.
Eine Schein-Biografie in drei Phasen
In der ersten Phase ist sie das stereotypische, schöne reiche Mädchen, das ein sorgenloses Leben führt, Ballettunterricht nimmt und sich in guter Gesellschaft bewegt. Dann die Trennung von ihrem Freund – Phase 2. Aus der Traumschwiegertochter wird das provokante Bad Girl, sie bricht aus ihrem alten Leben aus, hat Sex für Geld, lässt sich die Brüste vergrössern und nimmt Drogen.
Die Trennung von ihrem Freund ist der Anfang vom Ende
Amalia durchläuft einen kompletten Sinneswandel
Gewalt, Sex, Geld – das sind ihre neuen Ideale
In Phase 3 verliert sie komplett die Kontrolle über ihr Leben bis sie schlussendlich den psychischen Zusammenbruch erlebt.
Und schlussendlich der psychische Kollaps
Amalia Ulman löste mit ihrer Scheinbiographie reale Gefühle aus. Ihre Follower glaubten, was sie sahen und wollten mit Kommentaren und Likes am Leben ihres Idols Anteil nehmen.
Die meisten Emotionen beobachtete die Künstlerin in jener Phase, in der es ihr – beziehungsweise ihrer Kunstfigur – am dreckigsten ging. «Jemanden weinen zu sehen, bringt Menschen zusammen. Dabei geht es oft gar nicht um die Person selber sondern um die Anteilnahme an der Tragik eines anderen», so Amalia im Interview mit SRF-«Kulturplatz».
Interessant: Selbst nachdem sie das Experiment beendete und bekannt gab, dass es sich um eine Performance handelte, hielten viele Fans am vorgespielten Leben fest. Sie wollten die Wahrheit nicht sehen.
«Das unverfälschte Ich gibt es nicht.»
Die Künstlerin faszinieren die Rollen und Stereotypen der Selbstdarstellung. So bezeichnet sie den Körper «als Reisekoffer unseres Bewusstseins».
Die junge Frau wollte aufzeigen, wie sich Herkunft und soziale Schicht teilweise in Fotos widerspiegeln, und wie sich kultureller Reichtum in Selfies zeigt. Sie kam zur Erkenntnis, dass die Menschen auf sozialen Netzwerken nach Authentizität streben und glauben, diese in eigentlich völlig unrealistischen, scheinbar perfekten Instagram-Geschichten zu finden.
Essena O'Neill und das Ende einer Social-Media-Schimäre
Das ist die Geschichte von Essena O'Neill, dem australischen Mädchen, das auf Instagram eine halbe Million Follower hat, mit Social Media gutes Geld damit verdient und jetzt trotzdem alles hinschmeisst.
bild: watson/screenshot Das war ihr erstes Instagram-Bild. Damals war O'Neille 15 Jahre alt und strebte ein Leben als Promi an. Sie war davon überzeugt, dass Ruhm der Schlüssel zum Erfolg sein muss. Heute weiss sie, dass Glück und Popularität rein gar nichts miteinander zu tun haben.
bild: instagram/essenaoneill Die 18-jährige zelebrierte mit ihren Bildern ein perfektes Leben. Auf jedem Selfie sieht das Mädchen makellos und perfekt aus.
bild: instagram/essenaoneill In einem offenen Brief, den sie letzte Woche auf Instagram postet, gesteht sie, dass ihr Leben gar nicht so perfekt ist, wie alle denken ...
bild: instagram/essenaoneill ... dass die «Schnappschüsse» gar keine zufälligen Momentaufnahmen, sondern bei aufwändig inszenierten und vor allem teuren Foto-Shootings entstanden sind ...
bild: instagram/essenaoneill Essena bricht aus der Scheinwelt aus und klärt auf, was sich wirklich hinter den perfekten Instagram-Bildern befindet.
bild: instagram/essenaoneill Ihren alten Account hat sie umgetauft: Er hsisst jetzt «Social Media Is Not Real Life». Ausserdem spricht sie in einem emotionalen Video erstmals ungeschminkt und völlig authentisch über das Millionengeschäft hinter Social Media und über ihre eigene Sucht nach immer mehr Likes und Followern.
bild: instagram/essenaoneill Ausserdem hat sie die Webseite «Let's be game changers» aufgeschaltet, durch die sie eine positive Einstellung zum eigenen Körper fördern und einen umweltbewussten Lifestyle verbreiten will. Auf Instagram löscht sie nahezu 2'000 Bilder und veränderte die Bildtexte der übrig gebliebenen Bilder. Statt das perfekte Leben vorzugaukeln, stellt sie klar, wie und unter welchen Umständen die Aufnahmen wirklich zustande gekommen sind.
bild: instagram/essenaoneill «Die Bilder auf sozialen Medien sind nicht echt. Die Bilder sind alle inszeniert und so stark bearbeitet, dass sie mit der Realität nichts zu tun haben. Es ist ein System, das auf sozialer Anerkennung, Likes, Bestätigung in Views und Erfolg in Followern basiert.»
bild: instagram/essenaoneill Statt utopische Ideale nachzugehen, postet sie jetzt vermehrt Bilder von ihrer wirklichen Leidenschaft: dem veganen Lifestyle.
bild: instagram/essenaoneill Ausserdem will sie aufzeigen und kritisch hinterfragen, wie Social Media unsere Leben vereinnahmen: Für sie grenzt das offenbar an Gehirnwäsche..
bild: instagram/essenaoneill
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