Aktuelle Themen:

Viele Flüchtlinge leiden an einer psychischen Krankheit, werden aber nicht therapiert. Bild: KEYSTONE

Afghane begeht in Nidwalden Suizid – der Fall deckt ein brisantes Problem auf

Ein 22-jähriger vorläufig aufgenommener Afghane beging vergangene Woche im Kanton Nidwalden Suizid. Dass er unter psychischen Problemen litt, wussten die zuständigen Behörden nicht.

Publiziert: 28.11.18, 11:24 Aktualisiert: 29.11.18, 03:13

Vergangene Woche hat sich ein 22-jähriger Afghane in Buochs, im Kanton Nidwalden, das Leben genommen. Das schreiben die Nidwaldner Behörden in einer Medienmitteilung. Der junge Mann befand sich seit Sommer 2015 in der Schweiz und besass den Status eines vorläufig Aufgenommenen. Das heisst, sein Asylgesuch wurde zwar abgelehnt, eine Ausweisung nach Afghanistan war allerdings nicht zumutbar. 

Der 22-Jährige sei in Nidwalden gut integriert gewesen, habe neben dem obligatorischen Sprachunterricht einen freiwilligen Deutschkurs besucht und seit diesem Sommer ein Praktikum bei einer Firma in Ennetbürgen absolviert. Gewohnt habe er in einer Wohngemeinschaft mit drei afghanischen Mitbewohnern, schreibt der Kanton in seiner Mitteilung.

«Weder äusserte sich der Mann zu seinen Problemen noch sprach er Selbstmordgedanken aus.»

Kanton Nidwalden

Hinweise auf einen Suizid hat es laut dem zuständigen Amt für Asyl und Flüchtlinge keine gegeben. «Weder äusserte sich der Mann zu seinen Problemen noch sprach er Selbstmordgedanken aus», so die Behörden. Einzig bekannt sei, dass der junge Mann vor zwei Monaten unter starken Bauchschmerzen gelitten habe. Der Hausarzt habe ihn daraufhin an einen Psychiater überwiesen. 

Der Fall des 22-jährigen Afghanen aus Buochs wirft Licht auf ein Problem im Schweizer Asylsystem, das sonst oftmals im Dunkeln bleibt: Kämpfen Flüchtlinge mit psychischen Problemen, hegen sie gar Suizidgedanken, bleibt dies lange unentdeckt. Eine systematische Untersuchung zur Erkennung von psychischen Krankheiten gibt es nicht. Dies obschon Experten davon ausgehen, dass jeder dritte Flüchtling psychisch krank ist. 

Franziska Müller ist Bereichsleiterin bei der Politikberatungsfirma Interface. Im Auftrag des Bundes untersuchte sie vergangenes Jahr, wie es in der Schweiz um die Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden steht. Mit ihrem Team kam sie zum Schluss: Insbesondere bei der Erkennung und Behandlung von psychischen Erkrankungen besteht grosser Handlungsbedarf.

Lass dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

Zwar würden Asylsuchende nach ihrer Ankunft in der Schweiz in den Empfangs- und Verfahrenszentren einen Gesundheits-Check durchlaufen. Dieser sei jedoch sehr allgemein gehalten. «Die Asylsuchenden werden lediglich auf Krankheiten wie Tuberkulose getestet und erhalten Informationen bezüglich HIV. Psychische Krankheiten spielen bei den Untersuchen keine Rolle», sagt Müller.

Auch auf kantonaler Ebene in den Kollektivzentren würden die Bewohner nicht systematisch auf psychische Probleme angesprochen. Laut Müller sind zum Teil noch nicht einmal ein Gesundheitspersonal, geschweige denn auf psychische Krankheiten oder Trauma geschultes Personal, anwesend, sondern lediglich Sozialarbeiter. Kämpfe ein Asylsuchender mit psychischen Problemen, müsse er die Initiative ergreifen und sich Hilfe holen. «Doch genau da liegt das Problem. Denn psychisch Kranke schaffen es oftmals nicht aus eigenem Antrieb aus ihrem Elend zu kommen», so Müller.

«Denn psychisch Kranke schaffen es oftmals nicht aus eigenem Antrieb aus ihrem Elend zu kommen.»

Franziska Müller, Interface

In ihrer Studie hat Müller festgestellt, dass es kantonal grosse Unterschiede gibt. So seien die Kantone in der Westschweiz besser aufgestellt, was die Früherkennung von psychischen Problemen bei Asylsuchenden anbelangt. Insbesondere in den Kantonen Genf und Waadt seien die Strukturen der Gesundheitsversorgung viel migrationssensibler als in der Deutschschweiz. Diese Unterschiede auszuhebeln ist aber schwierig. Der Bund kann den Kantonen lediglich Empfehlungen abgeben, nicht aber Weisungen.

Zumindest habe man nun erkannt, dass ein Problem vorliege, sagt Müller. Ausgehend von ihrer Studie von letztem Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit veranlasst, dass nun schweizweit ein Schlaglicht auf die psychische Gesundheit von Asylsuchenden geworfen wird. Es hat eine weitere Untersuchung in Auftrag gegeben, deren Erkenntnisse im Dezember publiziert werden.

Wie schlecht es um die Psyche von Flüchtlingen steht, weiss Mortaza Shahed. Der 31-jährige Kameramann aus Afghanistan drehte vor einem Jahr einen Kurzfilm zum Thema. In «Das verlorene Paradies» porträtiert er einen afghanischen Flüchtling, der Suizidgedanken hegt, weil er sich in der Schweiz keine Existenz aufbauen kann.

Shahed selbst flüchtete vor vier Jahren mit seiner Familie aus Afghanistan in die Schweiz. Zunächst erhielt er, wie der verstorbene 22-Jährige aus Buochs, eine F-Bewilligung. Diese vorläufige Aufnahme sei für ihn psychische Folter gewesen, sagt er. «Du weisst nie, ob du nicht plötzlich abgeschoben wirst. Ich hatte immer Angst.» Einen Arzt habe er während seiner Zeit in der Asylunterkunft nie gesehen. Auch auf seinen psychischen Zustand sei er nicht angesprochen worden. Selber nach psychologischer Unterstützung zu fragen, sei gar nicht erst in Frage gekommen, sagt Shahed. 

«Du weisst nie, ob du nicht plötzlich abgeschoben wirst. Ich hatte immer Angst.»

Mortaza Shahed

Seine Situation verbesserte sich schlagartig, als das Bundesverwaltungsgericht vor einem Jahr entschied, ihn als Flüchtling anzuerkennen. Er erhielt eine dauernde Aufenthaltsbewilligung. Er fand einen Job, konnte in der Schweiz Fuss fassen. Doch für viele seiner Landsleute bleibt die Situation schwierig: «Sie kommen schon traumatisiert in die Schweiz und sehen sich hier mit extrem schwierigen Problemen konfrontiert. Hilfe erhalten sie keine.» Shahed weiss von mehreren Flüchtlingen, die es zuletzt nicht mehr ausgehalten haben und sich das Leben nahmen. Darum der Film. «Ich wollte aufrütteln», sagt er. 

Sajjad und Alishah, die zwei Skifahrer aus Afghanistan, die bei Olympia 2018 dabei sein wollen

Der Traum von afghanischen Skifahrern bei der Ski-WM und Olympia 2018 begann 2011 mit der Afghan Ski Challenge.
Bei diesem Tourenski-Rennen über zwei bis vier Kilometer sind die Regeln einfach: Massenstart und dann siegt, wer alle Checkpoints zuerst passiert hat.
Die Afghan Ski Challenge beginnt immer mit dem Anstieg, weil Skilifte gibt es in der Region nicht.
Zu Beginn trugen viele Teilnehmer noch Yakhmalak, Holzlatten mit Lederriemen als Bindung und (teilweise) platt gepressten Blechdosen als Belag.
Die alten «Ski» sind heute aber immer weniger gesehen.
Der Schweizer Initiant, Christoph Zürcher und sein Team, brachten immer mehr alte Latten mit nach Afghanistan.
Wohl ähnlich schwierig wie mit Fassdauben.
Noch immer ein spezielles Bild: Skifahrer in Afghanistan.
Warten auf den Einsatz.
Warten auf den Sieger.
Natürlich sind auch Frauen am Start.
Das Podest der ersten Austragung 2011.
So wird ein Podest fachgerecht transportiert.
Seit dem Winter 2014/2015 wird die Afghan Ski Challenge übrigens auch in St.Moritz ausgetragen. Ziel ist die Sammlung von Spendengeldern.
Immer wichtig: Skischuhpflege.
Sajjad, der eine Fahrer, der an der WM 2017 in der Riesenslalom-Qualifikation für Afghanistan starten wird.
Der andere ist Alishah. Simon Urwin
Ich treffe die beiden am frühen Morgen in St.Moritz.
Es steht ein Training in den Morgenstunden auf dem Programm. Während drei Monaten sind die zwei in St.Moritz untergebracht und werden professionell betreut.
Training in St.Moritz.
Trainer Andreas erklärt den beiden nach jedem Lauf, was sie noch verbessern müssen.
Dabei geht es teilweise noch um banale Dinge wie die richtige Gewichtsverlagerung.
Alishah und Sajjad: Bis Ende Februar noch praktisch jeden Tag in St.Moritz unterwegs.
Trotz dem Weltensprung vom armen Afghanistan ins reiche St.Moritz: Alishah und Sajjad fühlen sich wohl.

Immer weniger Ausländer kommen in die Schweiz

Video: srf

Das könnte dich auch interessieren:

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!