Die beiden Kandidaten-Duos bei ihrem Auftritt vor der Juso in Bern (von links): Priska Seiler Graf, Mathias Reynard, Cédric Wermuth, Mattea Meyer.
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Heisser Kampf ums SP-Präsidium: So wollen Seiler/Reynard die Favoriten schlagen
Priska Seiler (51) und Mathias Reynard (32) geben Gas. Mit neuen Papieren akzentuieren sie ihre Positionen massiv. Sie präsentieren vier Initiativ-Projekte. Und sie wollen Netto Null Emissionen bis 2030. Damit gehen sie deutlich weiter als die SP.
Bei der Wahl für das neue Präsidium der SP werde es nicht um eine ideologische Weichenstellung gehen. Zu ähnlich seien sich alle Positionen. «Unabhängig von der Entscheidung des Parteitages», schreiben die Nationalräte Priska Seiler und Mathias Reynard, «wird die SP Schweiz klar links verankert sein.» Entscheidend sei der Stil.
Das halten die beiden in einem neuen Papier unter dem Titel «Eine gewisse Vorstellung von Politik» fest. Gleichzeitig haben sie mit einem Prioritäten-Papier ihre programmatischen Positionen massiv geschärft.
Seiler (51) und Reynard (32) sind – verglichen mit dem homogenen Duo Cédric Wermuth (34) und Mattea Meyer (32) – ein ungleiches Tandem. Seiler ist Zürcher Exekutivpolitikerin, Gewerkschafter Reynard bezeichnet sich als Aktivist im Wallis.
Ein öffentlicher Wahlkampf wie nie zuvor
Neu für die Schweiz ist, dass die beiden Paare einen öffentlichen Wahlkampf führen um das Parteipräsidium. «So, als ob sie für ein Regierungsamt kandidierten», analysiert Nationalrat Eric Nussbaumer.
Es waren Meyer/Wermuth – Codenamen #teammamuth –, die mit ihrem Programm «Aufbruch» im Dezember die Gangart diktierten. Seiler/Reynard mussten nachziehen. Mit der Hilfe eines Teams haben sie ihren eher schwammigen Aktionsplan vom Februar massiv überarbeitet. Er liegt CH Media vor.
Zwar wird der Parteitag der SP auf den 17./18. Oktober verschoben. Und die Kandidaten begeben sich per sofort in eine freiwillige Wahlkampf-»Quarantäne» bis am 10. August. Solange gibt es weder Facebook-Posts noch Interviews zu den Präsidiums-Wahlen.
Priska Seiler.
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Gemeinwohl statt Selbstzweck – eine Anspielung
Am Samstag ist die letzte Gelegenheit, sich noch zu äussern. Seiler/Reynard grenzen sich im Papier zum Politikstil ab von Meyer/Wermuth. Politik müsse stets «im Interesse des Gemeinwohls» stehen, dürfe nicht «Selbstzweck» sein, heisst es da. Ein Satz, der als Spitze gegen die Konkurrenten verstanden werden kann.
Auch wollen Seiler/Reynard die SP «nicht auf eine Bewegung reduzieren». «Wir sind stolz darauf, eine Partei zu sein», sagt Seiler. Meyer/Wermuth hingegen wollen die SP «an der Spitze einer Bewegung sehen».
Die SP sei verpflichtet, Ergebnisse zu erzielen, betont Reynard. «Wir wollen die Lebensqualität der Menschen erhöhen: bei Kindern mit Krippen, bei Studenten mit Stipendien, bei Arbeitern mit Burn-Out-Hilfen, im Alter mit Pflege.»
Die Liebe zum Instrument Initiative
Dafür soll die SP den ganzen Werkzeugkasten nutzen. Selbst Klagen vor Gericht. Doch die Zürcherin und der Walliser haben eine Vorliebe für Initiativen. «Sie stehen für kreative und konstruktive Politik», sagt Seiler. In ihrem Papier zu den Prioritäten der SP finden sich vier Initiativ-Projekte, die direkt auf ihre Ideen zurückgehen.
Sie planen im Falle ihrer Wahl eine weitere Initiative für eine Einheitskrankenkasse mit einkommensabhängigen Prämien. Gleichzeitig denken sie an eine Initiative für den Beitritt der Schweiz zum Atomwaffenverbotsvertrag. Sie erwägen aber auch eine Initiative «Ausserfamiliäre Kinderbetreuung als Service Public». Und eine Initiative «Garantierte Weiterbildung als Antwort auf die Digitalisierung».
Mathias Reynard.
Bild: KEYSTONE/TI-PRESS
Service Public als stärkstes Kapitel
Das stärkste Kapitel im Prioritäten-Papier ist das über den Service Public. Ein Begriff, der im «Aufbruch»-Papier nicht auftaucht. «Er ist essenziell für die soziale Kohäsion des Landes. In den letzten Jahren sahen wir eine Zerschlagung der Service-Public-Leistungen», schreiben Seiler/Reynard – und sehen grossen Handlungsbedarf.
Sie fordern ein Moratorium für die Schliessung von Poststellen und Bahnschaltern. Mittelfristig sollen für Jugendliche und ältere Menschen die Bahnpreise gesenkt werden.
Seiler/Reynard thematisieren fünf weitere Bereiche:
Gleichstellung und Familien: «Die SP ist die Familienpartei», sagt Mathias Reynard. Er hat mit Innenminister Alain Berset über eine Anti-Diskriminierungs-Kommission diskutiert, analog zur Anti-Rassismus-Kommission.
Arbeit: Das Duo fordert Anerkennung des Burnouts als Berufskrankheit.
Sozialpolitik und Gesundheit: Das Duo setzt auf eine 13. AHV-Rente. Zudem spricht es sich für eine Zahnversicherung aus, die über eine Steuer auf Süssgetränke finanziert werden soll.
Ökologie und Klima: «Die SP Schweiz ist die wichtigste ökologische Partei der Schweiz», sagt Seiler. Das Duo setzt auf Normen-Verschärfungen für Luft, Lärm und Feinpartikel und will Netto Null Emissionen bis 2030 erreichen. Das ist eine massive Verschärfung gegenüber der offiziellen SP-Haltung.
Internationale Schweiz: Seiler/Reynard wollen, dass die neutrale Schweiz «keine Kriegsmaterialexporte» mehr macht.
Meyer/Wermuth setzen in «Aufbruch» andere Akzente bei solidarischer Globalisierung, Selbstbestimmung der Menschen in der Wirtschaft und Einbürgerung von Migranten.
Gruppenbild ohne Dame – so männlich sind Kantonsregierungen (10.03.2019)
Frauen haben es bis heute schwer, in der Schweiz in politische Ämter gewählt zu werden. Insgesamt stellen sie in den Kantonen bloss 25 Prozent aller Regierungsmitglieder. Sechs Kantone werden derzeit vollständig von Männern regiert. So ist etwa der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden seit dem Rücktritt von Marianne Koller (FDP) im März 2017 frauenfreie Zone.
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Seit dem 8. März 2020 ist auch Uri wieder rein männlich. Ausgerechnet am internationalen Tag der Frau wird ein rein männlicher Regierungsrat gewählt. Der neue Urner Gesamtregierungsrat (von links): Christian Arnold (SVP), Dimitri Moretti (SP), Urs Janett (FDP), Urban Camenzind (CVP), Roger Nager (FDP), Beat Jörg (CVP) und Daniel Furrer (CVP). KEYSTONE / URS FLUEELER
Der (rein bürgerlichen) Luzerner Regierung gehört sogar seit 2015 keine Frau mehr angehört. Bei den Gesamterneuerungswahlen im Frühjahr 2019 änderten die Wählerinnen und Wähler sich an diesem Umstand nichts. Kanton Luzern / Emanuel Ammon
Nessuna donna: Der Kanton Tessin wird seit dem Rücktritt von Laura Sadis (FDP) 2015 ausschliesslich von Männern regiert. Daran änderte sich auch nach den Gesamterneuerungswahlen im März 2019 nichts.
Und auch im Kanton Graubünden ist die weibliche Bevölkerungshälfte seit dem Rücktritt der BDP-Finanzdirektorin Barbara Janom Steiner nicht mehr in der Regierung vertreten. Der amtierende Regierungsrat besteht nur aus Männern. staatskanzlei obwalden / Sibylle Kathriner
Der Normalfall in Schweizer Kantonen ist bloss eine Frau in der Regierung. Das ist in 12 Kantonen der Fall. So etwa im Kanton Zug, wo mit Silvia Thalmann-Gut (CVP, 2.v.r.) eine einzige Frau in der Regierung sitzt. Kanton Zug / Michael Würtenberg
Auch im Kanton Freiburg sitzt mit Gesundheitsdirektorin Anne-Claude Demierre (SP, 3.v.r.) nur eine Frau in der Regierung. Staatskanzlerin Danielle Gagnaux (ganz links) ist nicht Mitglied der Exekutive. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Der Kanton Neuenburg hat ebenfalls nur ein einziges weibliches Regierungsmitglied und zwar Monika Maire-Heft (SP, 3.vl.l.) Immerhin leistet ihr Staarsschreiberin Séverine Despland (ganz links) Gesellschaft.
Gleiches Bild im Wallis: Esther Waeber-Kalbermatten (SP) ist die einzige Frau im Staatsrat. Immerhin lassen die Männer sie im offiziellen Regierungsfoto sitzen, wie es sich für echte Gentlemen gehört. PHOTO-GENIC.CH / OLIVIER MAIRE
Nathalie Barthoulot (SP, 3.v.r.) ist die einzige Frau in der Regierung des Kantons Jura. Immerhin auf dem offiziellen Foto erhält sie weiblichen Support – von Staatskanzlerin Gladys Winkler Docourt (ganz rechts). Kanton Jura / Géraud Siegenthaler
In Obwalden muss sich Maya Buechi-Kaiser (FDP, 3.v.r.) mit vier männlichen Regierungskollegen herumschlagen. Weiblichen Support gibt es von Landschreiberin Nicole Frunz Wallimann (ganz rechts) und Landweibelin Hanna Mäder (ganz links). (KEYSTONE/Alexandra Wey) Kanton Obwalden / SIBYLLE KATHRINER
Nicht nur in der Porträtgalerie aller ehemaligen Regierungsräte des Kantons Schwyz dominieren die Männer. Im siebenköpfigen Gremium ist Petra Steimen-Rickenbacher (FDP, 3.v.l.) die einzige Frau. Mit Mathias Brun (ganz rechts) ist auch der Staatsschreiber ein Mann. Kanton Schwyz
Franziska Roth (SVP, ganz rechts) war die einzige Frau im Aargauer Regierungsrat. Sie hat aber ihren Rücktritt bekannt gegeben und ist seit dem Sommer 2019 krankgeschrieben. Am 20. Oktober wird Roths Nachfolge gewählt. Dieser wird unterstützt von Staatsschreiberin Vincenza Trivigno (ganz links). Kanton Aargau
Cornelia Stamm Hutter (SVP) vertritt als einzige Frau die weibliche Hälfte der Bevölkerung im fünfköpfigen Regierungsrat des Kantons Schaffhausen. Kanton Schaffhausen / Michael Kessler
In Appenzell Innerrhoden ist die Regierung als Standeskommission bekannt. Antonia Fässler (CVP) ist die einzige Frau. Ob sie deshalb keinen Säbel fürs offizielle Regierungsfoto bekommen hat? Kanton Appenzell Innerrhoden
Auch in St.Gallen ist Heidi Hanselmann (SP, 3.v.l.) als Frau alleine auf weiter Flur. Der siebenköpfige Regierungsrat wird von Staatssekretär Canisius Braun (3.v.r.) unterstützt. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Auch in Glarus sitzt mit Marianne Lienhard (SVP, 2.v.r.) bloss eine Frau in der fünfköpfigen Regierung. Auch aufs Gruppenfoto durfte Ratsschreiber Hansjoerg Dürst (ganz rechts). (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) kanton glaurs
Aus Frauensicht gibt es zum Glück einige wenige Lichtblicke. Im fünfköpfigen Thurgauer Regierungsrat gibt es seit den letzten Wahlen im Februar 2016 erstmals in der Geschichte eine Frauenmehrheit. Sie besteht aus Cornelia Komposch (SP, ganz links), Monika Knill (SVP, 2.v.l.) und Carmen Haag (CVP, 2.v.r.). (KEYSTONE/Walter Bieri) KEYSTONE / WALTER BIERI
Auch der Kanton Zürich wird seit den letzten Wahlen im März 2019 weiblich regiert: Nebst Staatsschreiberin Kathrin Arioli posieren v.l.n.r. die Regierungsrätinnen Natalie Rickli (SVP), Silvia Steiner (CVP), Carmen Walker Späh (FDP) und Jacqueline Fehr (SP) fürs regierungsrätliche Foto. Staatskanzlei Kanton Zürich / André Springer
Auch im Kanton Waadt sind die Frauen in der Mehrheit: Fürs Siegerfoto nach den Wahlen im Mai 2017 posieren von links nach rechts Nuria Gorrite (SP), Béatrice Métraux (Grüne), Jacqueline de Quattro (FDP) sowie Cesla Amarelle (SP, ganz rechts). In insgesamt 8 Kantonen sitzen zwei oder drei Frauen in der Regierung, ohne damit in der Mehrheit zu sein. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Eine noch deutlichere Frauenmehrheit gibt es in der Regierung des Kantons Waadt: Mit Cesla Amarelle (SP), Béatrice Métraux (Grüne), Jacqueline de Quattro, Nuria Gortte (SP) und Rebecca Ruiz (SP) besetzen die Frauen seit Ruiz' Wahl im März 2019 fünf der sieben Sitze im Staatsrat. In insgesamt 8 Kantonen sitzen zwei oder drei Frauen in der Regierung, ohne damit in der Mehrheit zu sein. (SP) Canton de Vaud / Jean-Bernard Sieber
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