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Graham Hill im Jahr 1971 beim GP von Holland. bild: commons.wikimedia.org

Graham Hill – das tragische Ende im Nebel

29. November 1975: Rennfahrer sterben nicht nur in ihren Boliden. Graham Hill verlor sein Leben bei einem Absturz mit seiner eigenen Maschine.

Publiziert: 29.11.18, 00:01 Aktualisiert: 29.11.18, 08:07

Auf der Rennpiste hat Graham Hill alles im Griff. «Kalkuliertes Risiko» ist der Titel seiner Autobiographie aus dem Jahre 1971.

Er ist der perfekte Rennfahrer. Ein Mann ohne Nerven und ein Perfektionist. Ein charmanter Gentleman mit Sinn für feinen Humor. Er hat es von ganz unten nach ganz oben geschafft. 1954 wird er noch als «arbeitsloser Rennfahrer» registriert. Bei seinem Rücktritt im Mai 1975, ein paar Monate vor seinem Tod, ist er einer der erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten und einer der beliebtesten Sportler Englands.

Graham Hill beim Sieg des Indianapolis 500 im Mai 1966. Bild: AP

Graham Hill gewann 14 von 176 Rennen in der Formel 1 und zweimal die WM (1962 und 1968) – und als erster die «Triple Crown». Die «dreifache Krone» wird demjenigen verliehen, der beim Formel 1 GP von Monaco, den 24 Stunden von Le Mans und in Indianapolis 500 (Indy 500) triumphiert. Sein Sohn Damon wird 1996 Weltmeister. Die Hills sind die erste Familie, in der Vater und Sohn Weltmeister werden.

Aber das Leben ist auch abseits der Pisten gefährlich. Auch die Grössten und Besten sind verwundbar.

1973 gründet Graham Hill sein eigenes Team («Embassy Hill»). Nachdem er sich nicht mehr für den GP von Monaco vom 11. Mai 1975 qualifizieren kann, tritt er als Rennfahrer zurück und konzentriert sich ganz auf die Führung seines Teams.

Graham Hill in seinem «Embassy Hill Lola» im Jahr 1974. bild: flickr

Am 25. November 1975 fliegt er mit seinem Teammanager Ray Brumble, dem Fahrer Tony Brise (eines der grössten britischen Talente), dem Designer Andy Smallman und den beiden Mechanikern Tony Alcock und Terry Richards von Tests in Le Castellet zurück nach London. Mit seiner Privatmaschine, einer zweimotorigen «Piper Aztec», die er einst mit der Prämie für den Sieg in Indianapolis gekauft hat.

Nördlich von London gerät Graham Hill mit seinem Flugzeug in dichten Nebel, fliegt zu tief, streift kurz vor der Landung auf dem Flughafen Elstree Baumkronen und stürzt bei Arkley in der Nähe seines Hauses auf einen Golfplatz. Alle Passagiere verlieren ihr Leben. Sie wollten am Abend noch eine Party besuchen.

Der offizielle Unfallbericht lastet dem Piloten keinen Fehler an. Allerdings wird auch technisches Versagen ausgeschlossen.

Vermutlich hatte sich Graham Hill bei den katastrophalen Wetterbedingungen näher am Flughafen gewähnt, als er wirklich war. Die Suchaktion wird zu einem Desaster. Die Krankenwagen bleiben in den Sandbunkern des Golfplatzes («Arkley Golf Course») stecken. Das Wrack wird im dichten Nebel erst nach Stunden gefunden. Sein Sohn Damon, damals 15 Jahre alt, erfährt aus den Fernseh-Nachrichten von der Katastrophe.

Der spätere Weltmeister Damon Hill erfuhr aus den Nachrichten vom Tod seines Vaters. Bild: AP

Die Maschine ist nicht richtig versichert. Die Familie gerät in grosse finanzielle Schwierigkeiten. Damon Hill muss seine Ausbildung selbst finanzieren und alle möglichen Aushilfejobs annehmen.

Es gibt eine Episode aus dieser schweren Zeit. Regelmässig werden im Haus die Ränder der Teppiche umgedreht, um sicherzugehen, dass nicht doch irgendeine Münze darunter geraten war. Damon, seine Mutter Bette und seine beiden Schwestern leiden nicht nur unter dem Verlust des Familienoberhauptes. Sie müssen auch Schulden abzahlen. Mit den ersten Preisgeldern, die Damon in der Formel 1 gewinnt, begleicht er erst einmal alte Verbindlichkeiten.

Bild: AP

Als Rennfahrer hatte Graham Hill alle Schutzengel auf seiner Seite. Praktisch unversehrt zu überleben war in diesen «wilden Jahren» der Formel 1 keine Selbstverständlichkeit. Nur einmal hat es ihn erwischt. 1969 bricht er sich bei einem Crash beim GP der USA in Watkins Glen beide Beine. Seiner Gattin daheim in England lässt er ausrichten: «Sagt ihr, ich werde die nächsten Wochen nicht auf Partys tanzen können…»

Die schlimmsten Formel-1-Unfälle seit 1994

Mai 1994: Nur wenige Tage nach dem Tod von Ayrton Senna verunglückt Karl Wendlinger beim GP von Mont Carlo. Der Österreicher prallt im Qualifying mit 170 Stundenkilometer seitlich in die aus Plastiktanks bestehenden Barrieren. Der Pilot schwebt für einige Tage in Lebensgefahr. Getty Images North America / Ben Radford
November 1995: Mika Häkkinen kommt im australischen Adelaide von der Strecke ab und fährt im McLaren-Mercedes ungebremst mit Tempo 200 in eine Mauer, die nur durch einen Reifenstapel gesichert war. Ein Luftröhrenschnitt, der noch am Unfallort durchgeführt wird, rettet dem Finnen das Leben. Anschliessend liegt Häkkinen mehrere Tage im Koma.
Juli 1999: Kurz nach dem Start des GP von Grossbritannien versagen die Bremsen von Michael Schumachers Ferrari. Er fährt mit 107 Kilometern pro Stunde in einen Reifenstapel und bricht sich dabei den rechten Unterschenkel. Schumacher muss für sechs Rennen aussetzen. Bongarts / Tobias Heyer
September 2000: Ein Feuerwehrmann stirbt beim GP von Italien in Monza, weil Jordan-Pilot Heinz-Harald Frentzen einen Massenunfall auslöst. Der Streckenposten wurde von umherfliegenden Teilen getroffen und erlag seinen Verletzungen.
März 2001: Nach einer Kollison zwischen Ralf Schumacher und Jacques Villeneuve beim GP von Australien stirbt ein Streckenposten. Er wurde von einem Reifen am Kopf getroffen. Getty Images AsiaPac / Robert Cianflone
Juni 2004: Aufgrund eines Schadens am linken Hinterreifen seines BMW-Williams fährt Ralf Schumacher beim GP der USA in Indianapolis mit Tempo 300 in eine Mauer. Er kommt mit leichten Verletzungen davon. Getty Images North America / Clive Mason
März 2007: Beim GP von Australien kollidiert Red-Bull-Fahrer David Coulthard nach einem Überholversuch mit Williams-Pilot Alexander Wurz. Coulthards Wagen hebt ab und fliegt nur wenige Zentimeter über den Helm von Wurz hinweg. Niemand wird bei dem Unfall verletzt.
Juni 2007: Der Pole Robert Kubica erlebt beim GP von Kanada einen Horror-Unfall. Mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde kommt er im BMW-Sauber von der Fahrbahn ab, überschlägt sich und prallt gegen eine Betonwand. Die Ärzte stellen hinterher nur eine leichte Gehirnerschütterung und eine Knöchelverstauchung fest. AP CP / JACQUES BOISSINOT
April 2008: In der 22. Runde des GP von Spanien fährt Heikki Kovalainen im McLaren-Mercedes nahezu ungebremst in einen Reifenstapel. Vorher war die Felge seines linken Vorderrads gebrochen. Der Finne kommt mit leichten Blessuren davon und geht zwei Wochen später in Istanbul wieder an den Start. AP / Bernat Armangue
Juli 2009: Minutenlang gibt es Rätselraten, warum Felipe Massa beim GP von Ungarn ungebremst in einen Reifenstapel fährt. Erst die TV-Bilder zeigen, dass er von einer kleinen Feder, die vom BrawnGP seines Landsmannes Rubens Barrichello abgebrochen war, am Helm getroffen wurde. Der Brasilianer wird bewusstlos und rast mit fast 200 Stundenkilometern durchs Kiesbett. Er wird schwer verletzt und am selben Abend in einer Klinik in Budapest operiert. EPA / TAMAS KOVACS
Juni 2010: Beim GP von Europa in Valencia saugt sich Mark Webber mit seinem Red Bull auf einer Geraden an den Lotus von Heikki Kovalainen an. Beim Überholen fährt der Australier auf den Finnen auf und wird in die Luft katapultiert. Sein Red Bull überschlägt sich, Webber knallt mit nur geringem Geschwindigkeitsverlust in die Reifenstapel. ER bleibt unverletzt und sitzt zwei Wochen später in Silverstone schon wieder in seinem Boliden.
September 2012: Lotus-Pilot Romain Grosjean löst beim GP von Belgien eine Startkollision aus und lässt Erinnerungen an Melbourne 2007 wach werden. Der Franzose hebt mit seinem Boliden ab und verfehlt nur knapp den Kopf von Ferrari-Star Fernando Alonso, der aber so wie alle anderen Beteiligten unverletzt bleibt. Grosjean wird nach diesem Unfall für ein Rennen gesperrt und mit einer Strafe von 50'000 Euro belegt. AP / Luca Bruno
Juni 2013: Ein 38-jähriger Streckenposten erliegt wenige Stunden nach einem Bergungsunfall beim GP von Montreal seinen schweren Verletzungen. Er stürzt beim Versuch, sein Funkgerät aufzuheben und wird von einem Kranwagen überrollt. Das Fahrzeug will unmittelbar nach Rennende den Sauber-Boliden des ausgeschiedenen Esteban Gutierrez auf einen Lastwagen heben. AP / Tom Boland
Oktober 2014: Beim GP von Japan regnet es in Strömen, Adrian Sutil verliert in der 42. Runde die Kontrolle über seinen Sauber verliert und fährt in die Reifenstapel. Als Bergungskräfte mit einem Bergungskran versuchen, Sutils Wagen von der Strecke zu entfernen, rutscht Jules Bianchi mit seinem Marussia mit voller Wucht in das Bergungsfahrzeug, das Sutils Wagen gerade auf dem Haken hat. Der Franzose erleidet schwerste Kopfverletzungen und stirbt nach 286 Tagen im künstlichen Koma. EPA/HIROSHI YAMAMURA / HIROSHI YAMAMURA
November 2020: Haas-Pilot Romain Grosjean kracht beim GP von Bahrain bei vollem Tempo frontal in die Leitplanke. Sein Bolide wird gespalten und geht in Flammen auf. Wie durch ein Wunder entkommt der Franzose dem Flammen-Inferno nach bangen Sekunden mit Verbrennungen an der Hand. www.imago-images.de / Mark Sutton

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