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Die Aktien-Kurse sind auf Tauchgang – und das hat einen Grund

Trotz Corona ging es an den Börsen zuletzt hoch her. Nun aber wendet sich das Blatt: Die Furcht vor der Inflation und steigenden Zinsen bricht sich Bahn. Was Anleger jetzt wissen sollten.

Publiziert: 14.05.21, 12:28 Aktualisiert: 15.05.21, 08:14
Florian Schmidt / t-online

Die Wall Street ist auf Tauchgang. Bild: keystone

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Wer in den vergangenen Monaten sein Geld in Aktien anlegte, hatte gut Lachen. Die Kurse an den internationalen Finanzmärkten stiegen auf immer neue Rekordstände. Allein der deutsche Leitindex Dax legte seit seinem Tiefstand im Corona-März 2020 um zwischenzeitlich mehr als 80 Prozent zu – obwohl die Weltwirtschaft noch längst nicht so rund läuft wie vor der Pandemie.

Was für Börsenlaien auf den ersten Blick seltsam wirkt, hatte vor allem einen Grund: In Frankfurt, New York, London und Co. handeln Investoren und Anleger sprichwörtlich die Zukunft, also die Hoffnung auf künftige Unternehmensgewinne, aber auch die Erwartungen für das Verhalten der Zentralbanken. Beides stimmte die Investoren bis zuletzt sehr optimistisch. Die Kauflaune an der Börse war gross, die Kurse stiegen.

Doch genau mit dieser Zuversicht könnte es nun erst einmal vorbei sein. In den vergangenen Tagen fielen die Aktienkurse an fast allen Börsen deutlich. Während in vielen Ländern immer mehr Menschen eine Impfung erhalten, ein Ende der Pandemie absehbar scheint und Euphorie ausbricht, trübt sich die Stimmung an den Finanzmärkten ein.

Doch warum eigentlich? Und bleibt das lediglich eine vorübergehende Phase – oder müssen sich Anleger auf weiter fallende Kurse einstellen? t-online beantwortet die wichtigsten Fragen zum aktuellen Kursrutsch.

Warum fallen die Aktienkurse gerade so stark?

Hauptauslöser für das jüngste Absacken der Kurse sind die Meldungen über die anziehende Inflation. Vor allem in den USA haben sich viele Produkte zuletzt stark verteuert. Die Angst der Börsenprofis und Kleinanleger: Steigt die Inflation weiter, könnten sich die Zentralbanken gezwungen sehen gegenzusteuern – indem sie die Zinsen anheben und weniger Geld drucken.

Denn: Sowohl die Europäische Zentralbank ( EZB ) als auch die US-Notenbank Fed haben die Aufgabe, für eine Teuerungsrate von zwei Prozent im Jahresschnitt zu sorgen. In den USA jedoch lag die Inflation im April bei 4.2 Prozent und damit sogar noch deutlich über dem Wert von 3.6 Prozent, den viele Experten vorab erwartet hatten.

Langfristig, so die Befürchtung vieler Investoren, kann die Fed bei einer solchen Entwicklung nicht tatenlos zuschauen. Je länger die Inflation oberhalb von zwei Prozent liegt, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie der Wirtschaft und der US-Regierung die Unterstützung entzieht und nicht länger mit dem Kauf von Staats- und Unternehmenskrediten für frisches Geld an den Märkten sorgt.

Genau das aber war zuletzt der Treibstoff des Börsenbooms: Denn die vielen geliehenen Dollar und Euro, die die Regierungen zur Bekämpfung der Corona-Krise – in den USA gar in Form von Bürgerschecks – in den Umlauf brachten, mussten irgendwo hin. In Ermangelung anderer renditestarker Anlage- und Konsummöglichkeiten, investierten auch viele Kleinanleger ihr Geld in Aktien, was die Kurse stark nach oben trieb.

Bliebe dieser Geldnachschub künftig aus, können sich, verkürzt gesprochen, weniger Investoren die hohen Preise für Aktien leisten, die Nachfrage fällt und mit ihr die Kurse an der Börse. In ähnlicher Weise wirkt auch das zweite Instrument, mit dem die Zentralbanken die Inflation eindämmen können, der Leitzins . Heben ihn die Zentralbanken an, ist das tendenziell schlecht für die Börse (siehe nächster Abschnitt).

Warum sind steigende Zinsen schlecht für die Aktienmärkte?

Weil höhere Zinsen einerseits bedeuten, dass es für Banken und ihre Kunden teurer wird, sich Geld zu leihen. Indirekt steht dadurch kurzfristig nicht mehr so viel Geld als Schmieröl für den Börsenmotor zur Verfügung: Die Nachfrage nach Aktien geht zurück, die Kurse sinken (siehe oben).

Andererseits haben die Zinsen auch eine direkte Auswirkung auf den Aktienmarkt. Denn: Wenn die Zinsen steigen, wird nicht nur das Leihen von Geld teurer. Umgekehrt bringt das Verleihen, das Sparen, mehr Geld ein. Konkret bedeutet das: Wer sein Geld auf dem Sparkonto liegen lässt, kann mit höheren Zinsen rechnen – und muss auf der Suche nach Erträgen nicht mehr allein auf Aktien setzen. Die Folge: Aktien sind für Anleger nicht mehr gänzlich alternativlos, die Nachfrage nach den Wertpapieren und ihre Kurse könnte sinken.

Fallen die Kurse weiter?

Das ist die grosse Frage, auf die es – Stand jetzt – keine eindeutige Antwort gibt. Vieles hängt davon ab, wie sich die Inflation weiter entwickelt und wie die Zentralbanken auf sie reagieren.

In den USA war von Fed-Chef Jerome Powell unlängst zu hören, er werde es nicht zulassen, dass die Inflation dauerhaft über zwei Prozent steige. Zwar dürfte die Preissteigerung in diesem Jahr wegen der Erholung von der Coronavirus-Pandemie «ein wenig höher» liegen, schrieb Powell in einem Brief an den republikanischen Senator Rick Scott. Jedoch peile die Fed weder eine Inflation substanziell über der Zielmarke von zwei Prozent an, noch ein Überschreiten dieser Marke für eine längere Zeit.

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Video: watson/Helene Obrist, Emily Engkent

Zwar könnten diese Aussage darauf hindeuten, dass die Fed unter Powell mittelfristig die Zins- und Geldpolitikschrauben anziehen wird, was die Ängste vieler Börsianer bestätigte. Konkrete Schritte hat die Fed ebenso wenig angekündigt wie in Europa die EZB.

Was bedeutet das für mich als Anleger?

Das kommt darauf an, ob sie bereits im grösseren Stil an der Börse investieren – und welche Anlagestrategie sie dort verfolgen. Haben Sie bereits einen grossen Teil Ihres Vermögens in Aktien angelegt und brauchen Sie dieses Geld kurzfristig, könnten Sie sich nun überlegen, ob auch Sie einen Teil ihres Portfolios verkaufen, um sich so vor möglichen Kursverlusten zu schützen. Als klassische Alternative gelten dann Anleihen von Staaten oder Unternehmen, die dank der höheren Zinsen grössere Erträge als aktuell versprechen.

Anders sieht es aus, wenn Sie an der Börse eine langfristige Strategie verfolgen und womöglich, wie es viele Experten raten, mithilfe von börsengehandelten Indexfonds (ETFs) in Aktien investieren. Benötigen Sie das angelegte Geld erst in mehreren Jahren oder gar Jahrzehnten, muss Sie der aktuelle Kursrutsch nicht unbedingt beschäftigen. Denn: Langfristig ist es nach allen historischen Erfahrungen sehr wahrscheinlich, dass die Märkte auch bei einem etwaigen höheren Zinsniveau weiter steigen, wenn auch vielleicht nicht mehr so rasant wie momentan in Zeiten des sehr billigen Geldes.

Besitzen Sie hingegen noch gar keine Aktien, obwohl Sie schon länger über ein Investment an der Börse nachdenken, könnten sich nun gute Einstiegsmöglichkeiten ergeben. Denn wo Kurse fallen, werden Aktien günstiger. Salopp gesagt bekommen Sie in diesem Fall mehr Börse fürs gleiche Geld – eine lohnende Chance, gerade wenn Sie über den langfristigen Vermögensaufbau anpeilen.

Die grössten Spekulationsblasen und Börsen-Crashs

Der Tulpenwahn in den Niederlanden gilt als die Mutter aller Finanzkrisen. Schon im 16. Jahrhundert entwickelte sich dort ein blühendes Terminwarengeschäft mit Blumenzwiebeln. KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Händler spekulierten darauf, die zu dieser Zeit besonders beliebten Gewächse bei steigenden Preisen mit Gewinn weiterverkaufen zu können ... EPA/ANP / Koen van Weel
Die Preise gingen durch die Decke, eine Tulpenzwiebel kostete mehrere Tausend Gulden. Auch Durchschnittsbürger liessen sich von der Manie anstecken. EPA / ROBIN UTRECHT
Der Crash kam 1637 und brachte die niederländische Wirtschaft in arge Schwierigkeiten. Das Wort «Blase» kannten die Niederländer damals noch nicht. Sie sprachen von «Windhandel».
«Gründerkrach» 1873: Nach dem deutschen Sieg über Frankreich 1870/71 und der Gründung des Deutschen Reiches war die Konjunktur heiss gelaufen. Innerhalb von nur zwei Jahren wurden allein in Preussen 500 neue Aktiengesellschaften gegründet. Eisenbahngesellschaften nahmen hohe Kredite auf, um ihr Netz auszubauen ...
1873 schlug die Stimmung an den Märkten jäh um. Der «Gründerkrach» stürzte das Kaiserreich für Jahre in die Rezession. Die Regierung von Otto von Bismarck führte Schutzzölle ein, um das Land gegen Importe abzuschotten. Bundesarchiv, Bild 183-R15449 / CC-BY-SA
«Panik von 1907»: Im Oktober 1907 versuchten in den USA zahlreiche Sparer verzweifelt, ihr Geld bei den Banken abzuheben – und brachten die angeschlagenen Geldhäuser damit erst recht in Schwierigkeiten.
Das Phänomen ist seitdem als «Bank Run» bekannt – und wird von Politikern weltweit gefürchtet. Bild: Massenandrang der Sparer vor der städtischen Sparkasse in Berlin, 1931. o.Ang.
Der Schwarze Donnerstag: Einer der folgenreichsten Börsenabstürze der Geschichte fing ganz harmlos an. Der 24. Oktober 1929 sollte ein Handelstag wie jeder andere werden, als gegen 11 Uhr Chaos ausbricht. Nach jahrelangen Kursgewinnen im Dow Jones, auf die auch Kleinanleger aufgesprungen waren ...
wollten plötzlich alle nur noch eins: verkaufen. Der Schwarze Donnerstag geht in die Geschichte als Startpunkt von Weltwirtschaftskrise und grosser Depression ein.
Nach Jahren des Booms brechen 1997 in Südostasien die Börsen ein. Viele Investmentfonds ziehen panisch ihr Geld aus Ländern wie Südkorea oder Malaysia ab und investieren es lieber in den USA. Dort befeuert es bald die nächste Blase. AP/AP / Thaksina Khaikaew
Die Dotcom-Blase: Angetrieben vom Hype um das Internet stürmen Technologie-Indizes wie der NASDAQ oder der deutsche Nemax in immer neue Rekordhöhen. Der Börsengang der ehemaligen Siemens-Sparte Infineon wird damals derart gehypt, dass die Handelssysteme zusammenbrechen. AP/AP / Richard Drew
Im März 2000 folgt der Absturz: Panisch ziehen Börsianer ihr Kapital ab. Viele Kleinanleger verlieren ihr Vermögen. In Deutschland wurde 2003 der Nemax durch den TecDax ersetzt. In den USA reagierte die Notenbank mit einer Zinssenkung – und befeuerte damit die Immobilienblase. AP/AP / Mark Schiefelbein
US-Immobilienkrise, 2007: Über Jahre befeuern günstige Kredite den Bau von Einfamilienhäusern in den USA. Viele Familien gehen dazu über, ihr Eigenheim komplett auf Pump zu kaufen. Die Banken wiederum verpacken die Kredite in sogenannte Derivate und verkaufen sie weiter. Das Vorgehen soll angeblich die Risiken der Geldgeber bei einem Zahlungsausfall minimieren ... EPA/EPA / JUSTIN LANE
Das Gegenteil ist der Fall: Als ab August 2007 die Immobilienpreise zu sinken beginnen, entwickelt sich ein Strudel, der zahlreiche Banken mit sich zu reissen droht. Überall auf der Welt müssen Staaten «systemrelevante» Geldhäuser mit Milliardensummen retten. EPA/EPA / TANNEN MAURY
Bitcoin-Crash, 2018: Im Januar halbiert sich der in Rekordhöhen gestiegene Preis der bekanntesten Kryptowährung innert Tagen. Wie es weitergeht, ist offen. AP/AP / Lee Jin-man

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