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Frankreichs Präsident Macron: «Was wir derzeit erleben, ist der Hirntod der Nato»

Publiziert: 07.11.19, 12:41 Aktualisiert: 07.11.19, 17:30

Macron warnt mit markigen Worten. Bild: AP

Wenige Wochen vor dem Nato-Jubiläumsgipfel zum 70-jährigen Bestehen hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron das Militärbündnis massiv in Frage gestellt. «Was wir derzeit erleben, ist der Hirntod der Nato», sagte Macron der britischen Zeitschrift «The Economist» in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview.

Es gebe «keinerlei Koordination bei strategischen Entscheidungen zwischen den USA und ihren Nato-Verbündeten». «Wir finden uns das erste Mal mit einem amerikanischen Präsidenten wieder, der unsere Idee des europäischen Projekts nicht teilt», sagte Macron mit Blick auf Donald Trump und den Truppenabzug der USA aus Teilen Syriens.

Zugleich zeige das Nato-Land Türkei ein «unkoordiniertes, aggressives» Vorgehen in einem Bereich, in dem die Sicherheitsinteressen aller berührt seien. Damit spielte er auf die türkische Militäroffensive gegen die Kurden in Nordsyrien an, die bei den Verbündeten auf massive Kritik gestossen ist.

«Vergeltung an der Türkei zu üben, werden wir uns dazu bekennen?»

Auf die Frage, ob der Beistandsartikel fünf des Bündnisses angesichts der türkischen Offensive noch Bestand habe, antwortete Macron: «Ich weiss es nicht.» Wenn der syrische Präsident Baschar al-Assad beschliesse, «Vergeltung an der Türkei zu üben, werden wir uns dazu bekennen?», fragte Macron.

Artikel fünf besagt, dass ein Angriff auf ein Nato-Mitglied einem Angriff auf alle gleichkommt und die Partner dem betroffenen Land beispringen müssen. Er kam in der Geschichte des Bündnisses erst ein Mal zur Anwendung: Nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001 und dem anschliessenden Nato-Militäreinsatz in Afghanistan.

Europa müsse seine militärische Souveränität wiedererlangen, forderte Macron in dem Interview, das der «Economist» im Pariser Elysée-Palast führte. Die internationale Sicherheitslage und die aufstrebende Macht China hätten zu einer «aussergewöhnlichen Schwäche Europas» geführt. «Wenn Europa sich nicht als Weltmacht sehen kann, wird es verschwinden», warnte Macron.

«Das Risiko, Europa selbst zu spalten.»

Die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte in Berlin, die Nato bleibe «der Anker der Sicherheit Europas». Gemeinsames Ziel sei «ein handlungsfähiges Europa» und keine «Konkurrenz», wie sie unter Anspielung auf die USA betonte.

Stoltenberg warnt

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte davor, einen Keil zwischen die USA und Europa zu treiben. «Jeglicher Versuch, Europa von Nordamerika zu distanzieren, wird die transatlantische Allianz nicht nur schwächen», sagte er in Berlin. «Er birgt auch das Risiko, Europa selbst zu spalten.» Europäische Einheit könne «die transatlantische Einheit nicht ersetzen».

Die Veröffentlichung des Macron-Interviews fiel in eine Zeit intensiver diplomatischer Aktivität: Neben Stoltenberg ist derzeit auch US-Aussenminister Mike Pompeo in Deutschland zu Gast, der zum Gedenken an 30 Jahre Mauerfall anreiste und unter anderem mit Soldaten der US-Armee am Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern sprach.

Aus dem Umfeld Macrons verlautete, der Präsident habe mit dem Interview «nicht die Nato in ihrer Gesamtheit in Frage stellen wollen, wohl aber die Strategie und Politik der Institution». Der Jubiläumsgipfel des Bündnisses findet am 3. und 4. Dezember in London statt.

Frankreich hat ein spezielles Verhältnis zur Nato: Das Land war 1949 zwar Gründungsmitglied, zog sich aber nach dem Aufstieg zur Atommacht 1966 aus der militärischen Integration zurück, weil Präsident Charles de Gaulle keine Unterordnung seiner Truppen unter US-Kommando akzeptieren wollte. Erst unter Präsident Nicolas Sarkozy wurde das Land 2009 wieder vollständig in die Nato integriert. (aeg/sda/afp)

Die Geschichte der Nato

1949: In Washington wird am 4. April der Nordatlantikvertrag unterzeichnet. Das Bündnis hat anfangs zwölf Mitglieder: Belgien, Dänemark, Frankreich, Grossbritannien, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal und die USA. EPA/U.S. NATIONAL ARCHIVES / U.S. National Archives and Records Administration / HANDOUT
1952: Mit Griechenland und der Türkei vergrössert sich die Allianz auf 14 Mitglieder. AP / ARIS MESSINIS
1955: Die Bundesrepublik Deutschland (Westdeutschland) wird unabhängig und sogleich Mitglied der NATO. AP / GILLHAUSEN/RIETHAUSEN
1957: Angesichts der wachsenden Konfrontation mit der Sowjetunion verabschiedet die Nato ihre Strategie der «massiven Vergeltung»: Jeder Angriff sollte demnach mit einem vernichtenden atomaren Gegenschlag beantwortet werden.
1966: Frankreich verlässt unter Präsident Charles de Gaulle das integrierte Militärkommando des Bündnisses, um sich die alleinige Befehlsgewalt über seine Atomstreitmacht zu sichern. KEYSTONE / STR
1967: Das Nato-Hauptquartier wird von Paris nach Brüssel verlegt. Das Bündnis schwenkt auf die Militärstrategie der «flexiblen Erwiderung» um. Sie sieht bei einem Angriff mit konventionellen Truppen nicht automatisch einen Einsatz von Atomwaffen vor, sondern ein abgestuftes Vorgehen. BELGA FILES / STAFF
1979: Als Reaktion auf sowjetische SS-20-Raketen kündigt die Nato die Stationierung von atomwaffenfähigen Raketen und Marschflugkörpern in Westeuropa an. Gleichzeitig werden Moskau Verhandlungen über die Begrenzung atomarer Mittelstreckenraketen angeboten (Nato-Doppelbeschluss). AP/Atomic Engegy Council
1982: Spanien tritt dem Bündnis bei. AP NY
1983: Die USA beginnen mit der Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in mehreren Nato-Staaten. AP / THOMAS KIENZLE
1987: Die USA und die Sowjetunion schliessen den INF-Vertrag zur Abschaffung atomarer, landgestützter Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper mit Reichweiten von 500 bis 5.500 Kilometer. KEYSTONE / STR
1991: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird auch der 1955 als Gegenbündnis zur Nato gegründete Warschauer Pakt aufgelöst. AP / JOCKEL FINCK
1994: Bei der Durchsetzung einer Uno-Flugverbotszone über Bosnien schiesst die Nato vier serbische Militärmaschinen ab. Es ist die erste Kampfhandlung in der Geschichte des Militärbündnisses. AP NY / DAVID BRAUCHLI
1995: Nach dem Friedensabkommen von Dayton zum Bosnien-Krieg überwacht die Nato-geführte IFOR-Truppe dessen Einhaltung. AP / L. SLADKY
1997: Das westliche Militärbündnis vereinbart mit Moskau die Nato-Russland-Grundakte. In ihr sagt die Nato zu, auf eine dauerhafte und umfangreiche Stationierung von Truppen in Osteuropa zu verzichten. BELGA / JACQUES COLLET
1999: Die Nato greift mit massiven Luftangriffen gegen Serbien in den Kosovo-Konflikt ein. Zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer treten mit Tschechien, Ungarn und Polen erstmals ehemalige Ostblockländer bei. EPA/EPA / STRINGER
2001: Nach den Terroranschlägen vom 11. September wird zum bisher einzigen Mal die Beistandsklausel nach Artikel 5 ausgelöst. Das Bündnis entsendet daraufhin Awacs-Aufklärungsflugzeuge in die USA. AP/AP / Richard Drew
2003: Die Nato übernimmt die Führung über den Kampfeinsatz gegen die radikalislamischen Taliban in Afghanistan. AP / RICHARD VOGEL
2004: Das Bündnis nimmt Bulgarien, Rumänien, die Slowakei, Slowenien sowie die ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen auf. AP / CHARLES DHARAPAK
2009: Frankreich kehrt wieder voll in die Militärstrukturen zurück. Kroatien und Albanien werden neue Mitglieder. AP / Pablo Martinez Monsivais
2011: Luftangriffe unter Nato-Führung tragen zum Sturz von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi bei. EPA / ALESSANDRO DI MEO
2014: Nach der Annexion der Krim durch Russland beschliesst das Bündnis eine massive Verstärkung seiner Truppenpräsenz in Osteuropa. Gleichzeitig legen die Nato-Mitglieder das Ziel fest, ihre Verteidigungsausgaben bis 2024 «Richtung zwei Prozent» der Wirtschaftsleistung zu steigern. EPA/SPUTNIK POOL / MICHAEL KLIMENTYEV / SPUTNIK / KREMLIN POOL /
2017: Montenegro wird 29. Nato-Mitglied. Die Nato tritt auf Druck der USA der internationalen Koalition gegen die Jihadistenmiliz IS bei. AP/AP / Darko Vojinovic
2019: Die USA kündigen den INF-Vertrag mit Russland. Nach Beilegung des Namensstreits mit Griechenland soll Nordmazedonien bis 2020 das 30. Mitglied der Allianz werden. Beim 70. Jahrestag der Gründung der Nato im April prägt der Streit um die Verteidigungsausgaben die Feierlichkeiten. Die USA werfen vor allem Deutschland vor, zu wenig zu bezahlen. (sda) AP/AP / Pablo Martinez Monsivais

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Video: SRF / Roberto Krone

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