Wer Frankreich einen Punkt abluchst braucht auch vor Deutschland keine Angst zu haben: Granit Xhaka im Zweikampf mit Paul Pogba.
Bild: PRESSE SPORTS
Passkönig Xhaka freut sich aufs Achtelfinale: «Auch Deutschland ist nicht unschlagbar»
Nach dem erstmaligen Vorstoss in die Knock-out-Phase einer EM spricht Granit Xhaka über heikle und starke Momente im bisherigen Turnierverlauf.
Die Nummer 10 der Schweiz gehört im defensiven Mittelfeld zu den auffälligsten Figuren der Endrunde in Frankreich. Der künftige Arsenal-Professional Granit Xhaka orchestriert die in der eigenen Zone kaum auszumanövrierende SFV-Auswahl magistral.
Spaniens Ballverteiler Busquets hat bisher 83 Pässe pro Partie geschlagen – bei Xhaka sind es sogar 96!
Bild: Claude Paris/AP/KEYSTONE
Sein Einfluss ist beträchtlich, die UEFA-Statistik belegt den Wert Xhakas: In 270 Minuten spielte der 23-Jährige 287 Pässe – mit einer Erfolgsquote von 91,29 Prozent. Sergio Busquets, das Metronom der spanischen Titelhalter, kommt nach zwei Partien auf 168 Zuspiele.
Xhaka will die Begegnungen prägen und steht mit seinem couragierten Stil für die Haltung der Schweiz. Er verkörpert das Selbstbewusstsein des Nationalteams wie kein Zweiter: «Ich setze mir in Frankreich keine Grenzen.»
Die Noten der Schweizer nach der Gruppenphase der EM 2016
Granit Xhaka: Note 6 – Je grösser die Bühne, desto wohler fühlt er sich. Seine Auftritte an dieser EM verdienen das Prädikat Weltklasse. Scheint tatsächlich angekommen als Chef dieser Mannschaft. Er übernimmt Verantwortung. Die allermeisten seiner Pässe sitzen – und das, obwohl er sich nicht scheut, Risiko einzugehen. Nach dem Transfer zu Arsenal wurde Xhaka von einem Engländer gefragt, ob er nicht fürchte, das Preisschild von 50 Mio. könne nun an der EM zu viel Last sein. Seine Antwort gab er auf dem Platz. Sie ist eindrücklich: Nein!
Witters / Tim Groothuis/freshfocus
Yann Sommer: Note 5,5 – Wie er die Schweiz in seinem ersten Spiel auf der ganz grossen Bühne gegen Albanien rettete, war Weltklasse. Gegen Rumänien fast ohne Beschäftigung. Dann gegen Frankreich mit der ersten und einzigen Unsicherheit gegen Pogba, steigert sich aber sofort wieder. Ist erst vom Penaltypunkt aus bezwungen. Kann bester Torhüter des Turniers werden und die Schweiz zum nächsten Schritt führen.
EPA/EPA / LAURENT DUBRULE
Stephan Lichtsteiner: Note 4 – Der neue Captain wirkt mit der Binde irgendwie gehemmt. Seine Leistungen schwanken zwischen rätselhaft und solid – mehr nicht. Manchmal wirkt er wie ausgetauscht, sobald er nicht das Juve-, sondern das Nati-Trikot übergezogen hat. Das Spiel gegen Frankreich ist sein bestes bisher, vielleicht wächst auch er mit den Anforderungen. Die Schweiz braucht im Achtelfinal den echten Lichtsteiner, um weiterzukommen.
KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Fabian Schär: Note 5,5 – Wäre dieser eine Fehler am Schluss des Albanien-Spiels nicht – man dürfte von einer bislang perfekten EM sprechen. Schär überzeugt mit herausragenden Zweikämpfen und gutem Stellungsspiel. Er ist stark in der Luft und genauso am Ball. Dazu strahlt er viel Ruhe aus. Das ist von Vorteil, wenn der Abwehrpartner Johan Djourou heisst. Kurz: Es ist eine überzeugende Reaktion des 24-Jährigen auf eine schwierige Saison mit Hoffenheim in der Bundesliga. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Johan Djourou: Note 5 – In jungen Jahren weckte er Hoffnungen, einmal ein neuer Frank Rijkaard zu werden. An guten Tagen ist er auch heute noch Spitzenklasse. Nur sind diese längst Ausnahme geworden. Wirkt immer ein bisschen zu locker lässig. Die Angst, der nächste Fehler steht kurz bevor, ist noch nicht gewichen. Aber: Er hat sich mit jedem Spiel gesteigert. Die Leistung gegen Frankreich muss er jetzt bestätigen.
EPA/EPA / SHAWN THEW
Ricardo Rodriguez: Note 4,5 – Er ist noch nicht der Rodriguez der WM 2014. Damals schritt er voran, als es wirklich zählte. Es ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben vom Versprechen, das er einmal war. Gerade seine Eckbälle und Freistösse sind verbesserungswürdig, wie sein Beitrag zur Offensive überhaupt. Immerhin steht er defensiv gut und lässt wenig über seine Seite zu. Trotzdem: Er muss sich noch steigern.
EPA/EPA / LAURENT DUBRULE
Valon Behrami: Note 5,5 – Der Aggressivleader zeigt eine sehr beachtliche EM. Es gibt Dinge, die sind immer drin, wo Behrami drauf steht: viele Balleroberungen, unermüdlicher Kampf, unzählige Läufe. Aber jetzt zeigt Behrami auch Aktionen, die man ihm nicht unbedingt zugetraut hätte. Er leitet Bälle geschickt weiter, es sind nicht grad 20- oder 30-Meter-Pässe, dieses Feld überlässt er Xhaka, aber eben doch so, dass die Offensivabteilung etwas damit anfangen kann. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Xherdan Shaqiri: Note 4 – Galt einmal als Wunderkind. Als der Spieler, der in den entscheidenden Momenten für die aufregenden Dinge besorgt ist. Als der Spieler, der die wichtigen Tore schiesst. Das alles ist Vergangenheit. Shaqiri blieb bisher an der EM alles schuldig. Er hat seit über einem Jahr kein Tor mehr erzielt für das Nationalteam. Seine rätselhaften Auftritte mehren sich. Immerhin stellt er sich in den Dienst der Mannschaft.
EPA/EPA / ROLEX DELA PENA
Blerim Dzemaili: Note 5 – Dzemaili und das Nationalteam, es ist eine belastete Beziehung. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass es spät doch noch eine versöhnliche Wende gibt. Erstmals ist er als Stammspieler dabei. Petkovic vertraut ihm. Und Dzemaili zeigt an dieser EM in jedem Spiel, warum. Noch fehlt die Konstanz über 90 Minuten. Noch könnte er seine guten Ansätze in etwas mehr Zählbares verwandeln. Aber es bieten sich ja noch Gelegenheiten zur Steigerung.
AP/AP / Geert Vanden Wijngaert
Admir Mehmedi: Note 5 – Manchmal ist es erstaunlich, was ein einzelnes Tor auslösen kann. Seit dem Wahnsinnstreffer in den Winkel gegen Rumänien spielt er drei Klassen besser, mit mehr Selbstvertrauen und mit noch mehr Verve bei der Arbeit in der eigenen Platzhälfte. Zudem ist er nun der einzige Schweizer der Geschichte, der an einer WM und EM getroffen hat. Mehmedi hat sich zum Spezialisten für wichtige Spiele entwickelt. Das zeigte er schon an der WM in Brasilien.
freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Haris Seferovic: Note 4,5 – Um ihn sind während des Turniers die interessantesten Debatten entstanden. Soll man ihn kritisieren, weil er viele Chancen vergibt? Soll man ihn loben, weil er viel kreiert? Der zweite Ansatz scheint angebracht. Seine bisherigen Einsätze waren ansprechend. Die Frage ist nun, ob es ihm gelingt, den Kopf freizubekommen. Falls ja, kann er für die Schweiz plötzlich noch so wichtig werden wie auf dem Weg zum U17-Weltmeistertitel.
freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Breel Embolo: Note 4 – Was von ihm bisher in Erinnerung bleibt an dieser EM? Einige leidenschaftlich geführte Duelle mit Frankreichs Superstar Pogba. Und vor allem: Der Song «Oh Embolo», diese Hommage an ihn, der die Fan-Herzen erobert hat. Will er allerdings das Herz von José Mourinho und Manchester United definitiv erobern, muss er sich gewaltig steigern. Er hat noch nicht nachweisen können, ein solch grosses Talent zu sein. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Wie werten Sie das 0:0 gegen einen der Turnierfavoriten und Platz 2 in der Vorrunde?
Granit Xhaka: Für uns war es enorm wichtig, uns etwas zu beweisen und den Fans zu zeigen, dass wir auch gegen die Grossen mithalten können – nicht nur im läuferischen Bereich und in den Zweikämpfen, sondern auch im Aufbau. Wir haben nicht nur verteidigt, wir waren auch konstruktiv, wir wollten Fussball spielen.
Frankreichs Dominanz in der ersten Hälfte war allerdings beträchtlich.
Das Ergebnis stimmte am Ende für uns, das 0:0 ist trotz allem nicht unverdient. Klar blieb Frankreich immer gefährlich, nur liessen wir uns nie erdrücken, die Körpersprache war immer gut. Und in der Schlussphase war ja klar, dass wir Interesse daran hatten, das Ergebnis und Platz 2 zu halten.
Embolo und Xhaka gegen Pogba: Die Schweizer liessen sich von der physischen Präsenz der Franzosen nicht beeindrucken.
Bild: Tim Groothuis/freshfocus
«Les Bleus» beklagten drei Lattenschüsse – mehr als nur Glück?
Das Glück muss man sich erarbeiten. Die Franzosen besitzen individuelle Klasse, sie stehen unheimlich gut, keine Frage. Davor hatten wir Respekt, versteckt haben wir uns dennoch nicht.
Ihr Team liess sich von der französischen Härte nicht einschüchtern. Ist das einer der Unterschiede zum WM-Absturz gegen Frankreich vor zwei Jahren?
Wir sind gewachsen, das ist so. Und wir bewegen uns im körperlichen Bereich inzwischen auf einem ganz hohen Niveau. In diesem Bereich sind die Unterschiede zu den athletischen Franzosen meiner Meinung nach nur minim.
Die Innenverteidigung um Djourou und Schär zeigt sich bisher als verlässliches Duo.
Bild: ANDY RAIN/EPA/KEYSTONE
Im Vorfeld enttäuschte das Nationalteam mehrfach, ein paar Wochen später resultiert nun der souveräne Achtelfinalvorstoss. Wie ist dieser Kontrast zu erklären?
Unser Manko in der Vorbereitung waren die vielen vermeidbaren Gegentore nach teilweise dummen Fehlern. Solche Aussetzer kann man sich auf diesem Niveau nicht mehr leisten.
In 270 EM-Minuten hat Ihre Equipe kein Feldtor zugelassen – der Schlüssel des Erfolgs?
Viele Spieler beteiligen sich an der Arbeit in der Defensive. Wir stehen gut, die Raumaufteilung funktioniert, das vereinfacht vieles. Es ist nicht angenehm, gegen uns zu spielen. Wir beherrschen verschiedene Spielstile und sind nicht einfach zu berechnen.
Ob Polen mit Lewandowski oder Deutschland mit Boateng: Die Schweizer müssen sich vor niemandem verstecken.
Bild: Presse Sports
Wie charakterisieren Sie die Vorrunde? Und wen wünschen Sie sich im Achtelfinal?
Wir haben von Spiel zu Spiel zugelegt. Die Partie gegen Albanien (1:0) war die schwächste, gegen Rumänien spielten wir bereits sehr gut, gegen Frankreich ebenfalls. Ich schätze, wir haben noch Potenzial gegen oben. Jetzt folgen für mich nur noch Finalspiele. In einer K.o.-Runde kann jederzeit alles passieren. Egal, wer kommt, ob Polen oder sonst wer, wir nehmen jede Herausforderung an. Auch Deutschland ist nicht unschlagbar. (zap/sda)
EM 2016: Wichtige Infos zum Fussballturnier in Frankreich
Die besten Wortspiele mit den Namen der EM-Akteure
Das könnte dich auch interessieren: