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Die Deuter der Nation: Politologen sind dauerpräsent – doch was taugen sie?

Ihre Umfragen lösen in den Parteizentralen Hektik aus: Politologen sind derzeit dauerpräsent. Doch was taugen sie? Die Branche verändert sich, Frauen erobern die Männerdomäne – und bei den Wahlen kommt es zu einer Premiere.

Publiziert: 13.10.19, 06:19 Aktualisiert: 13.10.19, 22:45
Maja Briner / ch media

Sie fühlen dem Stimmvolk den Puls. Sie erkunden, was die Bürger beschäftigt, wie sie abstimmen, wen sie wählen. Politologen sind gerade vor den Wahlen häufig zu sehen und zu hören. Wobei jahrzehntelang vor allem einer im Rampenlicht stand: Claude Longchamp. Er erklärte den SRF-Zuschauern die Resultate der Urnengänge und führte mit seinem Institut zahllose Umfragen durch. Lange machte ihm diese Rolle niemand streitig.

Claude Longchamp: 25 Jahre lang hat der Historiker und Politikwissenschaftler die nationalen Abstimmungen im Fernsehen kommentiert. Bild: KEYSTONE

Bis Michael Hermann kam und in sein Gärtchen trat. Inzwischen ist Longchamp altershalber kürzergetreten – und Herrmann der neue Platzhirsch. Sein Institut Sotomo ist verantwortlich für das SRG-Wahlbarometer und führte zuletzt auch für CH Media Wahlumfragen durch. Wie präsent Hermann ist, zeigt eine Zahl: Über 1'300 Mal tauchte sein Name in den vergangenen zwei Jahren in den Medien auf. Lukas Golder, quasi der Nachfolger von Longchamp, brachte es auf gut 720 Nennungen. Neben den beiden gibt es einige weitere Politologen, die sich öffentlich oft äussern. Und inzwischen haben auch Frauen die Männerdomäne erobert – auch in der Öffentlichkeit.

«Der Frauenanteil steigt in den Politikwissenschaften, bei den Studierenden ebenso wie unter der Professorenschaft – so wie in anderen Gebieten.»

Eine davon ist Cloé Jans. «Die Nachfrage nach Expertinnen ist da», sagt die Politikwissenschaftlerin, die bei GFS Bern arbeitet. «Die Zeiten, in denen fünf grauhaarige Herren ein Podium bestritten, sind langsam vorbei», findet sie. Schon länger gebe es viele tolle Politik-Professorinnen, doch wie in vielen anderen Bereichen seien öffentlich vor allem die Männer in Erscheinung getreten. Das habe auch mit den Frauen zu tun. «Es braucht auch ein Umdenken von ihnen, damit sie sich zutrauen, öffentlich aufzutreten», sagt Jans. Sie macht es gleich selbst vor: Sie kommentiert am Wahlsonntag die Ergebnisse im RSI, dem Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz. Aktuell büffelt sie dafür Wahlvokabular.

Lukas Golder – er gilt als Nachfolger von Claude Longchamp. Bild: gfs.bern

Über die Sprachgrenzen hinweg wagt sich auch Sarah Bütikofer. Die Politikwissenschaftlerin der Universität Zürich kommentierte diese Woche das SRG-Wahlbarometer im Westschweizer Radio. Sie sagt: «Der Frauenanteil steigt in den Politikwissenschaften, bei den Studierenden ebenso wie unter der Professorenschaft – so wie in anderen Gebieten.»

Wer Watson verfolgt, sollte Cloé Jans kennen:

Video: watson/Lino Haltinner

Das Geschäft mit den Umfragen

Egal ob Frau oder Mann: In den Medien präsent – und damit bekannter – sind tendenziell häufiger die Politologen der privaten Institute, weniger jene der Universitäten. «Die akademische Forschung beschäftigt sich mit anderen Fragen, ist weniger tagesaktuell», sagt Bütikofer.

«Umfragen haben keinen nachweisbaren Effekt auf die Volksmeinung. Aber auf die Meinungsmacher.»

Zudem suchen private Anbieter die Öffentlichkeit stärker – denn für sie ist die Umfrage auch ein Geschäft. Eine Befragung mit 2'000 Telefoninterviews koste je nach Länge des Fragebogens rasch 50'000 Franken, heisst es aus der Branche. Online sei deutlich günstiger und schneller. Dank dem Internet können Befragungen heute einfacher durchgeführt werden. Trotzdem gibt es in der Schweiz nach wie vor vergleichsweise wenige Wahlumfragen – was die einzelne umso bedeutsamer macht. Es stellt sich die Frage, ob diese das Wahlergebnis beeinflussen können. Cloé Jans sagt: «Umfragen haben keinen nachweisbaren Effekt auf die Volksmeinung. Aber auf die Meinungsmacher.»

«Ich verlasse mich lieber darauf, was die Menschen sagen.»

Was also machen die Parteien mit den Umfragen – und was machen die Umfragen mit ihnen? Silvia Bär, langjährige stellvertretende SVP-Generalsekretärin und selbst Politologin, traut den Resultaten nicht ganz. «Ich verlasse mich lieber darauf, was ich von den gewöhnlichen Menschen höre», sagt sie. Eine Portion Skepsis ist auch in anderen Parteizentralen zu spüren. FDP-Wahlkampfleiter Matthias Leitner etwa sagt: «Es gibt ein Gefühl, wie das Resultat sein könnte.» Für die strategische Beurteilung der Ausgangslage brächten die Umfragen aber wenig, dazu seien sie zu wenig verlässlich.

Es gibt die bekannten Fälle, in denen die Umfragen versagten. In den USA bei der Wahl von Donald Trump. In der Schweiz, als die Minarett-Initiative überraschend angenommen wurde. Und diesmal ist die Ausgangslage besonders: Erstmals werden vor nationalen Wahlen nur Resultate öffentlich, die ausschliesslich aus Online-Umfragen stammen. Das sorgt in den Parteizentralen für Verunsicherung. SP-Co-Generalsekretär Michael Sorg etwa spricht von einem «grossen Fragezeichen».

Hermann, der unter anderem Geografie studiert hat, hat den Smartspider für Politikerprofile entwickelt – er gilt momentan als der Krösus der Branche. Bild: KEYSTONE

Allerdings gibt es durchaus Erfahrungen mit Online-Wahlumfragen. Michael Hermann sagt: «Wir haben bereits bei den letzten nationalen Wahlen Online-Umfragen gemacht und waren ähnlich gut wie die telefonische Befragung von GFS Bern.» Das zeigte auch eine Analyse von Claude Longchamp: Beide Umfragen wichen im Schnitt gleich stark vom tatsächlichen Wahlergebnis ab, nämlich um knapp 0,5 Prozentpunkte.

Das Gute am schlechten Umfrageresultat

Die Politologen betonen zudem stets, Umfragen seien Momentaufnahmen, keine Prognosen. Einschränkend kommt hinzu: Die Wahlumfragen messen meist den nationalen Wähleranteil. Wie viele Sitze eine Partei holt, lässt sich nur bedingt ableiten.

Dennoch können Umfragen für die Parteien wichtig sein. Zeigen sie einen positiven Trend, können sie sich als Gewinnerpartei präsentieren. Und ist der Wert schlecht, kann es der Partei helfen, den Mitgliedern Beine zu machen und zu mobilisieren. Iwan Rickenbacher, Ex-CVP-Generalsekretär und heute Kommunikationsberater, sagt es so: «Die Umfragen können einer Partei einen Hinweis geben, dass sie noch einen Zacken zulegen muss.»

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