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Anschlag in Halle: Wie sich Stephan B. radikalisierte – und nun verspottet wird

Publiziert: 11.10.19, 17:13
Ali Vahid Roodsari / t-online

Halle: Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge anrichten

In Deutschland hat ein schwerbewaffneter Täter versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Ein Augenzeuge hat ihn gefilmt, wie er mit seiner Pistole auf der Strasse auf Menschen schiesst. (Bild: Screenshot) screenshot twitter
Der mutmassliche Rechtsextremist hat dabei am 9. Oktober 2019 zwei Menschen erschossen und zwei weitere schwer verletzt. screenshot twitter
Bei dem Täter soll es sich um den 27-jährigen Stephan B. aus Eisleben handeln. Den Sicherheitsbehörden war er vorher nicht bekannt. Er wurde am Mittwochnachmittag auf der Landstrasse B 91 festgenommen, nachdem ein Laster B.s Fluchtwagen gerammt hatte.
Der Täter soll am 1. Oktober ein Manifest ins Internet geladen haben, das Bilder von seinen Waffen zeigen und einen Verweis auf das Live-Video enthalten soll.
In dem Text werde das Ziel genannt, «so viele Anti-Weisse zu töten, wie möglich, vorzugsweise Juden». Ob es tatsächlich von dem mutmasslichen Täter stammt, ist noch nicht geklärt. Bestätigt ist jedoch, dass der Täter bei dem Angriff selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ablegte.
B. hat die Taten gefilmt und per Helmkamera live ins Internet übertragen, bevor er vom Tatort floh.
Defekte an mindestens einer Waffe des Täters von Halle haben allem Anschein nach eine höhere Opferzahl verhindert. In dem offensichtlich vom Attentäter aufgenommenen Tatvideo ist zu sehen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen Menschen das Leben retten. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein. AP / Jens Meyer
Die Polizei bestätigte am Abend, dass es sich bei dem kurz nach der Tat festgenommenen Mann um den mutmasslichen Schützen handele. Er wurde demnach verletzt und medizinisch versorgt. AP / Jens Meyer
Dem Täter gelang es nicht, in die Synagoge einzudringen. Daraufhin feuerte er mehrere Schüsse auf die Tür des Gebäudes ab. Anschliessend tötete er vor der Synagoge und in einem nahegelegenen Döner-Imbiss zwei Menschen. dpa-Zentralbild / Sebastian Willnow
Getötet wurden nach Angaben einer Polizei ein Mann und eine Frau. Der Mann sei gegen Mittag in dem Dönerimbiss erschossen worden, die Frau in der Humboldtstrasse, in der sich auch die Synagoge befindet. EPA / FILIP SINGER
Nach Meinung von Experten wollte der mutmassliche Täter eine internationale rechte Internet-Subkultur erreichen. Extremismusforscher Matthias Quent sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Täter habe Englisch gesprochen und internationale Verschwörungstheorien aufgegriffen. EPA / FILIP SINGER
Der Zentralrat der Juden kritisierte, dass die Synagoge an dem jüdischen Feiertag nicht durch die Polizei bewacht gewesen war. EPA / FILIP SINGER
Auch der Vorstand der betroffenen Gemeinde äusserte sich kritisch. EPA / FILIP SINGER
EPA / FILIP SINGER

Ein Artikel von

Er nannte sich Anon und nutzte Memes: Nach dem rechtsextremen Anschlag von Halle zeigt sich, dass der mutmassliche deutsche Attentäter regelmässig einschlägige Online-Foren nutzte – wie der Christchurch-Terrorist. Was steckt dahinter?

Bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Halle wurden zwei Menschen getötet. Ursprünglich hatte der Angreifer geplant, in das Gebäude einzudringen und dort ein Massaker anzurichten – ähnlich wie der Attentäter im neuseeländischen Christchurch bei seinem Anschlag auf eine Moschee. Jedoch scheiterte der Terrorist in Halle an verschlossenen Türen. Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Newsblog .

Auch in anderen Punkten zeigt der Anschlag in Halle Parallelen zu Christchurch: So ist der Täter Rechtsextremist, antisemitisch sowie islamophob eingestellt . Und: Er nutzte Begriffe und Memes, wie sie oft auf Imageboards zu finden sind. Der Angriff zeigt einmal mehr Verbindungen zwischen rechtsextremen Tätern und derartigen Internetforen.

Was sind Imageboards?

Imageboards sind Internetseiten, die Foren ähneln. Nutzer publizieren hier für gewöhnlich Bilder, kommentieren und diskutieren. Oft bestehen Imageboards aus Unterkategorien über verschiedene Themen: wie Filme oder Comics, aber auch Politik oder Sex.

Bekannte Imageboards sind beispielsweise 4chan oder 8chan. Vor allem Letzteres erlangte mediale Aufmerksamkeit, nachdem der Attentäter von Christchurch seine Tat in einem Unterforum ankündigte. Auch der Amokläufer von El Paso kündigte seine Tat auf 8chan an. 8chan ist seit August 2019 offline. Inzwischen gibt es auch für den deutschen Raum entsprechende Internetseiten. Die bekannteste Seite, die wohl auch Stephan B. nutzte, ist seit dem Terrorangriff von Halle nicht mehr auf normalem Weg aufrufbar.

Wie Imageboards den Hass fördern

Das Besondere an vielen Imageboards ist, dass Inhalte selten moderiert werden. Die Folge: Auf bestimmten Unterforen von 4chan werden oft menschenverachtende Kommentare veröffentlicht und bleiben stehen. «Auf 4chan und 8chan geht es um Verschwörungstheorien, Provokation und eine Mischung aus schlechtem Scherz und bitterem Ernst», erklärt Politologe Florian Hartleb. «Oft finden sich auch antisemitische Muster sowie generell Hass gegen Juden, Muslime oder Schwarze.»

Anschläge wie in Halle werden auf solchen Plattformen teilweise sogar gefeiert. So fielen nach dem Attentat in Christchurch Sätze wie «Und das war erst der Anfang», wie Hartleb im März 2019 im «Spiegel» sagte.

Memes sind Internetphänomene: meist Bilder, aber auch Videos oder Texte und Tondateien, die im Netz weit verbreitet sind. Dabei handelt es sich um ein Kommunikationsmittel, mit dem Nutzer auf Aussagen anderer User reagieren können. Memes sind meistens humoristisch gehalten.

Bild: EPA

Auf 4chan finden sich in den entsprechenden Unterforen unterschiedliche Meinungen zum Attentat von Halle. Während manche Nutzer die Tat verurteilen, spotten andere über den Fehlschlag des Angreifers, in die Synagoge einzudringen. Ein Nutzer kommentiert mit Bezug auf das Gebäude: «Scheint so, als ob die Holztüren in Auschwitz mehr Glaubwürdigkeit bekommen hätten.» Ein anderer bezeichnet den Attentäter als «fucking Idiot» und hat dazu ein Foto einer Meme-Figur in SS-Uniform gepostet. Ein weiterer Nutzer schreibt unter anderem: «Ich bin erstaunt, dass dieser verdammte Versager nicht über seine eigenen Schnürsenkel gestolpert ist.»

Viele Parallelen zu Christchurch

Laut Politologe Hartleb habe sich der Attentäter von Halle stark am Terroristen von  Christchurch  orientiert. Ein Anzeichen dafür sei, dass der Angreifer von Halle sein Video und Manifest auf Englisch publizierte. So wolle er eine grössere Öffentlichkeit erreichen. Auch bezeichnete er sich in seinem Video als Anon – eine Abkürzung für Anonymus. So nennen sich für gewöhnlich Nutzer auf englischsprachigen Imageboards. Das zeigt, dass der Täter in diesen Foren aktiv war – wie auch der Terrorist von Christchurch.

Und nachdem sein Angriff auf die Synagoge gescheitert war, sagte er «100 Prozent Fail haben wir selten hier» – ein Meme bekannt aus deutschen Imageboards. Im ihm zugeordneten Manifest schreibt Stephan B., «dass ich versagen könnte, (in das Gebäude, Anm. d. Red.) einzudringen und stattdessen Spaghetti auf der Strasse verteile». Dieses Meme ist vor allem von 4chan bekannt.

Bild: EPA

Der Attentäter von Christchurch erwähnte in seinem Manifest ebenfalls viele Memes. Beispielsweise bezeichnete er sich selbst als bewandt in «Gorilla Warfare». Hierbei handelt es sich um das sogenannte «Navy Seal Copypasta» – ein vorgefertigter Text, der im Internet immer wieder verbreitet wird und vor allem durch 4chan Berühmtheit erlangte.

Ermittler müssen handeln

Doch nicht immer fanden sich so viele rechtsextreme Hasskommentare auf 4chan wie heute. Das erklärt die US-Medienexpertin Whitney Phillips in einem Interview mit «Spiegel Online» im August 2018. Um 2008 sollen Trolle auf der Plattform zwar auch aggressives Verhalten gezeigt haben, allerdings richtete sich dieses auch gegen «Rechtsextremisten, Christen oder weisse Menschen». Mit der Zeit kam aber eine Nutzerschaft dazu, die sich «explizit als Frauenfeinde oder Rassisten identifizierten», sagt Philipps.

Bild: EPA

Politologe Hartleb betont, die Schuld nicht allein 4chan und Co zuzuschieben: «Es ist falsch zu sagen: 4chan oder 8chan sind eine Voraussetzung für Terroristen», sagt Hartleb. «Aber sie sind dafür eine wichtige Plattform. Und sie garantieren auch einen sichereren Austausch als herkömmliche Kommunikationskanäle wie Facebook.» 

 Der Grund: Ermittler haben Imageboards bisher unterschätzt und wenig beobachtet. Die Polizei solle in solchen Fällen vor allem auf junge Ermittler setzen, die dortige Sachverhalte wie Memes besser einschätzen können. «Auch muss man Einzeltäter innerhalb des Rechtsterrorismus ernst nehmen», sagt Hartleb. «Denn es besteht die Gefahr von weiteren Nachahmungstätern. Hier müssen alle Alarmglocken schrillen.»

Update: Im Text wurde konkretisiert, dass nur auf bestimmten Unterforen auf 4chan Kommentare zum Attentat geäussert wurden. Auch wurde hinzugefügt, dass 8chan mittlerweile offline ist.

Versteckte Kamera bei geheimen Neonazi-Treffen in Polen

Video: SRF / Roberto Krone

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