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Es ist ein Circle! Norman Fosters Entwurf für das neue Apple-Hauptgebäude.  Bild: cupertino city council

Der Netz-Roman des Jahres

Sie haben irgendwie mit dem Internet zu tun? Dann ist «The Circle» jetzt sofort Ihre Pflichtlektüre! Und Ihr Vergnügen, versprochen!



Mein Klout-Score beträgt heute 57 Punkte. Ich habe schlechte Laune. Mein Liebesleben stöhnt: «Ohmeingott, dabei hast du ‹The Circle› gelesen!» Ja, ich hab «The Circle» gelesen, «The Circle» ist das Buch, das alle, die irgendwie mit dem Internet zu tun haben, also eigentlich alle, lesen müssen. Jetzt. Gut, auch einfach, weil es ein fetziger Unterhaltungsroman ist. Nichts literarisch Überambitioniertes, der Autor Dave Eggers bildet die virtuelle Verknappung und das Tempo durch eine sprachliche Atemlosigkeit ab, aber derart gut geplottet und gut gelaunt, dass einen die Lektüre so unweigerlich und gründlich verschlingt wie ein lustiger Facebook-Chat unter Friends.

Aber das hilft mir jetzt auch nicht gegen meinen Klout-Kater. Irgendwie komme ich einfach nicht mehr über 57. Dabei lag ich schon mal bei vielversprechenden 64. Obama hat 99. Der Papst, der auch bei der VIP-Vermessungsanlage, also beim Very-Important-in the-Internet-Service Klout ist, immerhin 89. Meine Netzwertigkeit fühlt sich an wie Null. «The Circle», das grosse Buch der Netz-Paranoia, hat vollkommen recht. Alles, was da steht über die Transformation eines Individuums in einen virtuellen Selbstvermarktungs- und Statistik-Junkie stimmt. So ist es.

Im Roman erhält ein unbescholtenes, apolitisches Mädchen namens Mae eine Stelle beim «Circle», einem Internetkoloss, der eine Mischung aus Google, Facebook und Amazon darstellt. Sie ist dort eine Art sozialer Kurator, früher hätte man gesagt, sie ist im Kundendienst tätig. Weil sich Mae ihrem neuen Job so freudig hingibt, weil sie alles tut, um ihre Zahlen zu pimpen und sich über feinste Verästelungen ins Nervensystem des Netzes hinein zu schleusen, steigt sie bald in die Sphären jener digitalen Gurus auf, welche die Macht der Masse auf sich versammeln. Sie entmaterialisiert und entmoralisiert sich zusehends und hat enormen Spass dabei. Am Ende droht die Apokalypse, aber nur vielleicht. Denn vielleicht ist es jetzt einfach so. Unausweichlich.

Zuhause ist es am schönsten: Facebook-Mitarbeiter in Menlo Park toben sich in ihrer Pause dekorativ aus. Bild: EPA

dave eggers

Dave Eggers. Bild: david shankbone via wikipedia

Ich habe auch «The Fear» von Robert Harris gelesen, das andere grosse Buch der Netz-Paranoia. Weniger lustig als «The Circle», dafür viel mehr Thriller: Ein Mensch verschmilzt mit einem von ihm kreierten Algorithmus und begeht Verbrechen, weil er gelenkt wird von einer unbeherrschbaren, sich ins Unendliche steigernden Gier. Ähnlich funktionieren auch drei Filme, die 2014 in die Kinos gekommen sind: «Transcendence» (Johnny Depp stirbt und seine überragende Intelligenz wird Teil des Internets), «Her» (Scarlett Johansson ist ein sprechendes Betriebssystem und so irrsinnig intelligent, dass sie sich verselbständigt und zu einer Supermacht wird) und «Lucy» (Scarlett Johansson stirbt und...).

This book cover image released by Alfred A. Knopf/McSweeney’s shows

Nicht nur das Cover suggeriert eine Sekte.  Bild: AP Alfred A. Knopf/McSweeney’s

Wahrscheinlich geht es nicht mehr lange, und in allen Kinos dieser Welt laufen sowieso nur noch «Transformers». Diese Filme über das Ende des Menschen und das Ende aller Geschichten. Maschinen machen es sich selbst. Die «Transformers»-Facebook-Seite hat über 33 Millionen Fans. Sind darunter auch noch Menschen, oder vernetzen sich da irgendwelche Internet-Vervenzellen ganz von selbst? Ich trau dem Internet alles zu. Gerade, weil ich «The Circle» gelesen habe.

Dave Eggers hat meinen Jahrgang. Er ist also, wie ich, kein «Digital Native», sondern bloss ein «Immigrant». Ein Zugezogener. Einer, der erst in seiner statistischen Lebensmitte entdeckte, dass das Netz irgendwann alles sein wird: Freund, Feind, Lebensraum, Spielplatz, Arbeitgeber, Ego-Booster und Ego-Shooter in einem, Trieb, Terror, Tod. Eine ungeheure Mischung aus Bedrohung und Begehren.

Aber «The Circle» geht weiter. Denn die Firma, die sich auch um Architektur, Essen und bedrohte Tiere kümmert, senkt sich wie ein realer und virtueller Disney-Park über die Welt. Wie eine Glasglocke, in deren Schutz die Menschen neue Spiele erfinden. Hetzjagden mit Drohnen zum Beispiel. Oder neue Versuche von Totalitarismus. Das sind die «Hunger Games» und Stephen Kings «The Dome» in einem. Und deshalb ist «The Circle» nicht nur ein unterhaltsames und bestsellerträchtiges, sondern auch ein äusserst intelligentes Buch. «The Circle», das ist der Spiegelroman unserer Tage. Und Leute, dies ist ein Lesebefehl! 

Auf Deutsch heisst «The Circle» «Der Circle» und wurde von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzt.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Alnothur 18.08.2014 10:34
    Highlight Highlight Oje, Watson, das war jetzt aber nicht gerade die Sternstunde des Buchreviews. Die zentralen Punkte sind ja die Macht eines Grosskonzerns, das belustigend-tragisch-dümmliche Herdenverhalten von Social-Media-Suchties und das Schlafwandeln in die totale Überwachung (die man, so meint man zu Beginn, doch voll unter Kontrolle hat) - oder, um es mit dem Motto des Circle zu sagen: Secrets are lies, sharing is caring, privacy is theft.
  • Äschii 17.08.2014 15:54
    Highlight Highlight Will ich lesen. JETZT! :D

Kommentar

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