Bereits zum fünften Mal in Folge hat die Krankenversicherung CSS die Schweizer Bevölkerung zu ihrem Gesundheitszustand befragt. Die Studie liefert somit nicht nur ein präzises Bild, wie es um das allgemeine Wohlbefinden steht, sie zeigt auch auf, wo es Aufhellungen gibt und wo sich die Situation verschlechtert hat. Die gute Nachricht: Der Anteil jener, die sich krank fühlen, hat abgenommen – von 11 Prozent, dem Höchststand im Jahr 2022, auf nun 7 Prozent. Hier dürfte mit hineinspielen, dass die Bedrohung durch das Coronavirus kleiner geworden und diesbezüglich vielerorts Normalität eingekehrt ist. Auch scheint die psychische Krise bei den jungen Erwachsenen ihren Höhepunkt überschritten zu haben: 2022 bezeichneten mit 42 Prozent so viele wie noch nie ihren psychischen Zustand als durchzogen oder gar schlecht. Dieser Anteil ist inzwischen auf 34 Prozent gesunken. Das ist freilich noch immer der höchste Wert unter allen Altersgruppen.
Zudem gaben seit der ersten Umfrage von 2020 mit 15 Prozent noch nie so wenige Befragte an, vollumfänglich physisch und psychisch gesund zu sein. Das allgemeine Befinden lässt sich gegenwärtig somit am besten mit «durchzogen» charakterisieren. Es geht weniger Leuten richtig schlecht, aber auch weniger Menschen richtig gut.
Aufhorchen lässt vor allem eine Begebenheit, deren Folgen in der Gesundheitsstudie mehrfach aufscheinen: Noch nie haben sich so viele Menschen unter Druck gefühlt, immer gesund und leistungsfähig sein. In diesem Jahr gaben 57 Prozent an, diesen Druck zu spüren. Auch die zunehmende Vermischung von Arbeit und Freizeit macht immer mehr Menschen zu schaffen: Vor zwei Jahren sahen dies 62 Prozent als Belastung an, mittlerweile sind es bereits 74 Prozent. So ist es eine logische Konsequenz, dass der Anteil an Personen, die angeben, latent erschöpft und müde zu sein, mit 68 Prozent sehr hoch ist.
Die Gesundheitsstudie der CSS ist ein Abbild des vorherrschenden Zeit-, Termin- und Erfolgsdrucks – und dass kein Ende dieser Beschleunigungsspirale in Sicht ist. Vor bald 15 Jahren lieferte der koreanisch-deutsche Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung Chul-Han eine treffende Analyse der «Müdigkeitsgesellschaft», die sich im Nachhinein als prophetisch anmutet: Heute müsse jeder ein Unternehmer seiner selbst sein, um im Arbeitswettbewerb bestehen zu können. Die zahlreichen Möglichkeiten und Chancen einer als freiheitlich erlebten Selbstverwirklichung führten überdies dazu, dass viele zur Selbstausbeutung tendierten, um in diesem Leistungswettbewerb mithalten zu können.
Han wies auch kritisch auf die Reiz- und Informationsflut hin. Mit den E-Mail-Bergen, der Omnipräsenz von Smartphones und Social Media hat sich das seither potenziert. Gerade Social Media haben bei jüngeren Menschen nachweislich den Druck erhöht, einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen und sich permanent zu vergleichen. Byung-Chul Han war in seiner Analyse der «Müdigkeitsgesellschaft» überzeugt: Psychische Erkrankungen wie Depressionen würden unter anderem befördert durch diese paradoxe Freiheit der «Alles ist möglich»-Attitude, wenn man sich nur genug anstrenge. Das erzeugt nicht nur Druck, sondern auch Versagensängste.
Diese Entwicklung ist in den Resultaten der CSS Gesundheitsstudie gespiegelt: 17 Prozent geben an, schon einmal ein Burnout erlitten und dabei medizinische oder psychologische Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Das ist eine markante Zunahme gegenüber 2022, als es noch 10 Prozent waren.
Burnout ist zwar keine anerkannte psychiatrische Diagnose. Aber für Fachleute ist schon lange klar: Der Begriff «Burnout» ist beschönigend. «Depression» trifft den psychischen Zustand der Betroffenen in der Regel besser. «Burnout» ist so gesehen einfach ein sozial besser akzeptiertes Etikett für eine Depression. Ein Etikett, das impliziert, sich verausgabt zu haben.
Wie hoch der Druck am Arbeitsplatz für viele Menschen mittlerweile geworden ist, manifestiert sich auch darin, dass der Anteil der Personen zugenommen hat, die ihre Erkrankung verheimlichen wollen – aus Angst, auf mangelndes Verständnis zu stossen. 2020 gaben 20 Prozent an, im beruflichen Umfeld eine Erkrankung verschwiegen zu haben. Heute, vier Jahre später, beträgt dieser Anteil 35 Prozent. Meistens handelt sich um psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen und Angststörungen, von denen im Arbeitsumfeld niemand erfahren soll. Es fällt auf, dass es vor allem Krankheiten sind, die bei Vorgesetzten den Eindruck mangelnder Leistungsfähigkeit erwecken können. Dieses Umfrageresultat ist somit ein weiteres klares Indiz dafür, dass der Druck am Arbeitsplatz, immer leistungsfähig zu sein, tatsächlich zugenommen hat und nicht bloss auf einer subjektiven Wahrnehmung basiert.
Generell belegt die CSS Gesundheitsstudie, dass der gestiegene Leistungsdruck für immer mehr Menschen zu einem ernsthaften Problem wird. Da bereits heute jede zweite IV-Anmeldung auf ein psychisches Leiden zurückgeht, droht ein Fass ohne Boden. Laut einer europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen, an der sich auch das Staatssekretariates für Wirtschaft (Seco) beteiligt hat, sind das Arbeitstempo und der Zeitdruck nirgendwo so hoch wie in der Schweiz.
Aber hey, nur genug anstrengen und du kannst alles erreichen. Was, du bist nicht erfolgreich? Selberschuld! Hättest besser in der Schule aufpassen und dicht etwas anstrengen sollen….blablabla. Ihr könnt mich alle mal.