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Nach Anschlag in Paris: Satiremagazine können sich vor Bewerbern kaum retten 

LONDON, ENGLAND - JANUARY 07: A man holds a phone displaying "Je suis Charlie" (I am Charlie) during a vigil in Trafalgar Square for victims of the terrorist attack in Paris on January 7, 20 ...
Ohne Worte.Bild: Getty Images Europe
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Nach Anschlag in Paris: 
Satiremagazine können sich vor Bewerbern kaum retten 

08.01.2015, 16:4614.12.2018, 12:45
Pavel Kulicka
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Falschmeldung
Satire - (fast) kein Wort ist wahr!

Paris/Zürich/Berlin (den). Über 24 Stunden sind seit dem grausamen Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» in Paris vergangen. Vermutet wird ein Zusammenhang mit Mohammed-Karikaturen, welche das Magazin über die Jahre publiziert hat. Was für Absichten die Täter auch antrieben, mit einem haben sie garantiert nicht gerechnet: Weltweit melden Satireredaktionen einen schwindelerregenden Anstieg an Bewerbungen. 

«Heute Morgen hatte ich 16 Zuschriften im Posteingang», sagt Buzz Orgler, Chefredaktor des «Enthüllers». «Wahrscheinlich sind es so viele, weil etliche Schweizer erst seit gestern wissen, dass so etwas wie Satire existiert. Bisher dachte man hierzulande ja, Satire sei ein Brotaufstrich.»

Nachdem wir die verschiedenen Dossiers durchgelesen haben, sind wir jedoch ernüchtert: «Viele der Bewerber hatten das Gefühl, Satire richte sich nur einseitig gegen den Islam und sie haben gehofft, hier ihren Anti-Islamismus ungehemmt auszuleben zu können. Dafür sind wir allerdings der falsche Ansprechpartner. Ich habe einige Schreiben direkt an die ‹Weltwoche› weitergeleitet. Wir vom ‹Enthüller› verfolgen das klare Credo, uns nur über Gruppierungen lustig zu machen, deren Anhänger uns nicht nach dem Leben trachten. Vom Islam, dem Christentum, der SVP und dem Chüngelizüchterverein Niederwangen lassen wir darum schön brav die Finger.»

Doch auch ein anderes Problem erkennt Orgler. «Humor, speziell die Satire, ist ein schwieriges Metier. Nicht jeder, der unter angetrunkenen Freunden mit einem schlechten Witz für Lacher sorgt, hat auch das Zeug zum Satiriker, das beweisen täglich unzählige Schweizer Online-Redakteure und auch wir vom ‹Enthüller› von Zeit zu Zeit.» 

Der Satiriker Andreas Thiel spricht bei der Delegiertenversammlung der FDP, am Samstag, 27. Oktober 2012 in Thun. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Der selbsternannte Koranexperte Thiel hat grosse Anforderungen an einen möglichen Bühnenpartner.Bild: KEYSTONE

2000 Mails in 15 Stunden

Auch Andreas Thiel kann sich vor Bewerbungen kaum retten. Der Satiriker und Koranexperte wurde mit Mails regelrecht überflutet. «Leider suche ich keine Gag-Lieferanten. Und auch als Bühnenpartner kann ich nicht einfach jemanden verpflichten. Mit mir auftreten darf nur, wer den Koran, das Alte und Neue Testament, ‹Mein Kampf›, das tibetanische Totenbuch sowie alle Bücher von Max Frisch mindestens dreimal gelesen hat», so Thiel.

Überrascht vom Ansturm an Zuschriften ist auch die Webseite Theonion.com. «Leider wird bei uns der Islam seit 2001 nicht mehr durch den Kakao gezogen. Wir fokussieren uns seither auf Nordkorea und haben damit nur gute Erfahrungen gemacht. Sony Pictures hat sogar ein Drehbuch gekauft, das auf einem unserer Artikel basierte», so Chefsatiriker Dick Palin.

«Titanic» sucht händeringend Redaktoren

Mehr Glück könnten die Bewerber beim Magazin «Titanic» haben. «Wir können die Unterstützung gut gebrauchen», heisst es aus der Redaktion. «Seit einem Monat arbeiten zwei unserer Redaktoren nur noch am Pegida-Dossier. Die tapferen Demonstranten lassen so viel satirisches Gold raus, dass wir da nur noch mit der Transkription beschäftigt sind und uns gar keine eigenen Pointen mehr ausdenken müssen. Und wenn man bedenkt, was der Anschlag von gestern bei den Pegidas für Gegenreaktionen hervorrufen wird, werden unsere Redakteure an dieser Front bald Verstärkung brauchen.»

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Hart recherchierte Fakten, fundierte Kritik und realistische Analysen? Die gibt es anderswo. Chefredaktor Buzz Orgler und sein Praktikant Pavel Kulicka decken auf, was keiner wissen will. Ob Berichte über einen Schwangerschaftstest fürs iPhone oder mit Zwiebeln verunreinigte Kebabs, die beiden gescheiterten Journalisten sind sich für keine satirische Schlagzeile zu schade. Und schneller als die Wahrheit sind sie noch dazu.

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