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Die Nachhalterin

Tipps und Anregungen, wie du mit weniger glücklicher wirst

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Die Nachhalterin

Wie werden wir glücklicher? Mit weniger!

Kinder, die perfekte Anleitung zum glücklichen Leben schüttle auch ich nicht aus dem Ärmel! Aber ich bin sicher, würden wir uns an die Erkenntnisse all der schlauen Menschen halten, die das Glücklichsein erforscht haben, wir würden alle längst die Welt retten – einfach so.
29.08.2023, 10:51
Sabina Galbiati
Sabina Galbiati
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Ich weiss, das ist natürlich eine steile These, aber vielleicht muss ich erst mal präzisieren, was für mich «glücklich sein» bedeutet. Ich meine damit nicht permanentes Happy-Sein oder sich ständig freuen – stellt euch vor: Das wäre ja, wie wenn wir alle, die ganze Gesellschaft, ständig auf Drogen wären oder schockverliebt. Horror.

Mit glücklich sein meine ich die Zufriedenheit mit dem eigenen Lebensentwurf, den eigenen Entscheidungen. Dass es dafür stabile Grundlagen braucht wie beispielsweise ein Dach über dem Kopf, Jobsicherheit, einen verlässlichen Rechts- und Sozialstaat, ein gutes Gesundheitswesen und abgesehen davon Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser und sauberer Luft, ist klar und in der Schweiz den allermeisten Menschen gegeben. Abgesehen übrigens von der sauberen Luft, aber das ist definitiv eine andere Geschichte.

Zurück zum Glück!

Eine Frage, mit der ich mich angesichts der Klimaerwärmung und unserer serbelnden Umwelt seit einiger Zeit beschäftige:

Wie werden wir mit weniger glücklicher?

Schliesslich zerstören wir mit unserem grenzenlosen Konsumverhalten gerade unsere Lebensgrundlagen, was unserem Glück recht abträglich ist.

Ich weiss nicht mehr wie, aber bei meiner Recherche stiess ich irgendwann auf den 1980 verstorbenen Sozialpsychologen Erich Fromm und sein Buch «Haben oder Sein» von 1976. Er plädierte dafür, dass wir uns nicht am Haben orientieren sollten, sondern am Sein. Denn wir werden eben nicht glücklich und zufrieden, indem wir Dinge anhäufen, die uns definieren sollen und durch die wir uns selbst definieren, sondern indem wir uns an unserem eigenen Denken, Schaffen und Fühlen orientieren. Letzteres wird durch das Teilen mit anderen Menschen und durch das Praktizieren mehr. Dinge und Besitztümer tun das Gegenteil. Sie nutzen sich ab, werden weniger.

Zwischendurch stiess ich dann auf den bekannten Volkswirtschaftler Mathias Binswanger. In seinem Vortrag «Kaufrausch ins Glück?» im Rahmen vom «ETH Treffpunkt Science City» (sehr empfehlenswerte Veranstaltung, die ihr googeln solltet) nennt er einige Fakten, die unseren Glauben an Reichtum und Konsum als ewige Glücksteigerungsfaktoren ins Wanken bringen.

Die reichsten Amis sind gleich glücklich wie Amische

Ein Beispiel: Die Amische in den USA sind gleich glücklich wie die reichsten 10 Prozent der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner. Zur Erinnerung: Amische verzichten auf viele moderne Technologien und Dinge wie Autos, Computer oder Strom. Das sollte uns doch zu denken geben. Also nicht, dass sie darauf verzichten, sondern dass sie trotzdem oder gerade deshalb gleich glücklich sind wie die reichsten Amis.

Ein weiteres Beispiel aus dem Vortrag stammt aus dem «Missionswerk Werner Heukelbach»: Man kann sich ein Bett kaufen, aber nicht Schlaf; Spielzeug, aber nicht Freunde; Bücher, aber nicht Verstand; usw. Nun machen uns aber ganz im Sinne von Erich Fromm gesunder Schlaf, Freunde und Verstand glücklich. Also jene Dinge, die man nicht kaufen kann.

Das Glück der positiven Erfahrungen

Was der Erich Fromm damals schon wusste und ganz sicher auch schon ganz viele Menschen vor ihm, hat die Glücksforschung inzwischen bestätigt: Ein SUV macht uns nicht glücklicher als ein Kleinauto, ein Eigenheim nicht unbedingt zufriedener. «Materielle Güter haben sich als verhältnismässig schlechte Zufriedenheitslieferanten erwiesen. Besser schneiden immaterielle Güter ab, zum Beispiel positive Erfahrungen», schreiben Elizabeth Dunn und Michael Norton in einem Beitrag im Magazin «Psychologie Heute». Die beiden wissen, wovon sie reden, denn sie haben aus all den Erkenntnissen der Glücksforschung fünf Prinzipien abgeleitet, wie Geld ausgeben glücklich macht.

Der «heilige Gral des Geldausgebens» in fünf Punkten:

  1. Erfahrungen sind besser als Dinge. Ein feines Essen mit guten Freunden, der spezielle Ausflug mit der Familie oder die aussergewöhnliche Reise bringt uns tendenziell mehr Freude als der Kauf von Materiellem, wie einem Kleidungsstück oder dem neusten Smartphone. Und um das Hintertürchen, das viele von euch vielleicht schon sehen, zu schliessen: Eine tolle Reise könnt ihr auch mit dem Zug machen und ein unvergessliches Essen mit Freunden lässt sich auch in der veganen oder vegetarischen Variante bewerkstelligen.
  2. Weniger ist mehr. Denn die Gewohnheit verhindert, dass wir an Dingen lange Freude haben – egal, ob billig oder teuer. Das führt im dümmsten Fall dazu, dass wir immer mehr kaufen, zum Beispiel ständig neue Kleider oder ein immer grösseres und teureres Auto, obwohl auch der SUV uns nicht vor dem Stau oder der nervigen Parkplatzsuche bewahren kann. Es setzt auch voraus, dass wir mehr Geld verdienen und vielleicht mehr schuften müssen, obwohl wir eigentlich nur 80 Prozent arbeiten möchten. Besser wäre es, nur alle paar Monate ein neues Kleidungsstück zu kaufen oder beispielsweise nur einmal die Woche Fleisch zu essen, weil wir uns auf diese (banalen) Dinge dann wieder mehr freuen und sie eher geniessen.
  3. Zeit und Freiheit kaufen. Indem wir weniger konsumieren, Dinge teilen, ausleihen, mieten, reparieren oder secondhand kaufen, haben wir mehr Geld übrig. Wir können dadurch vielleicht sogar 80 statt 100% arbeiten oder wir können uns eine teurere Wohnung leisten, die aber näher am Arbeitsplatz ist (langes Pendeln macht leider nicht glücklich). Wer sein Geld auch mal in einen Babysitter oder eine Putzkraft investiert, hat mehr Zeit, neue Erfahrungen zu machen, für Hobbys und vor allem soziale Beziehungen, denn Glücksforscher:innen sehen in ihnen den wichtigsten Faktor für menschliches Wohlergehen. Mit anderen Worten: Statt sich das nächste teure Auto zu kaufen, den noch grösseren und besseren Fernseher oder Kleider bis zum Umkippen, könnte man eine neue Sprache lernen, mehr Zeit mit der Familie und Freunden verbringen. Oder vielleicht hätte man mehr Zeit, zu entspannen und zu faulenzen und mehr zu schlafen.
  4. Jetzt bezahlen, später konsumieren. Laut den Glücksforschern machen wir es leider häufig umgekehrt und bringen uns damit um die Vorfreude.
  5. In andere investieren. Wer Geld in die Liebsten investiert, erfährt dadurch Glück. Das funktioniert auch bei Wohltätigkeit, sofern man zu den Empfänger:innen eine emotionale Bindung aufbauen kann. Ich wage zu behaupten, dies funktioniert auch, mit sozialem Engagement oder Geld, das man für bedrohte Tiere oder bedrohte Natur aufbringt, sofern sie einem am Herzen liegen.

Wollen wir vielleicht gar keinen Massenkonsum?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir eigentlich vieles davon intuitiv wüssten. Aber wir haben es uns über die Jahrzehnte abtrainiert, uns vielleicht sogar vom Gegenteil überzeugt. So schrieb der «Vater der Propaganda», Edward Bernays, bereits 1928 in seinem Klassiker «Propaganda» die folgenden Worte:

«Massenproduktion ist nur dann profitabel, wenn sie dauerhaft stattfinden kann – das heisst, wenn die abgesetzte Gütermenge zumindest konstant gehalten oder besser kontinuierlich gesteigert werden kann.» Deshalb müsse für das Angebot aktiv die nötige Nachfrage geschaffen werden. «Eine einzelne Fabrik […] kann nicht warten, bis die Öffentlichkeit das Produkt von sich aus nachfragt. Über Werbung und Propaganda muss sie ständig in Verbindung mit der Öffentlichkeit bleiben, um die stetige Nachfrage sicherzustellen.»

Massenproduktion und Propaganda haben wir wohl perfektioniert, nur sind wir dadurch kaum glücklicher geworden.

Vielleicht sollten wir die Frage «wie werden wir mit weniger glücklicher?» besser so stellen: Wie werden wir glücklicher? Die Antwort lautet in den allermeisten Fällen nämlich, mit weniger!

Damit retten wir natürlich noch nicht die Welt, aber wir machen einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu mehr Klima- und Umweltschutz. Deshalb gibt’s zum Schluss ein paar Lese- und Schautipps für euch:

  • Der Vortrag «Kaufrausch ins Glück?» von Mathias Binswanger. Er hat auch einige Bücher geschrieben, aber die kenne ich noch nicht.
  • Erich Fromm; «Haben oder Sein», 1976.
  • Elisabeth Dunn und Michael Norton; «Happy Money: So verwandeln Sie Geld in Glück», 2014. Eine Kurzfassung davon findet ihr im Magazin «Psychologie Heute», Heft 58, 2019. Die Ausgabe kann man als PDF downloaden.
  • Einmal mehr: Hartmut Rosa; «Unverfügbarkeit», 2018.

Über die Autorin

Sabina Galbiati …
… schreibt als Journalistin und Autorin seit ein paar Jährchen über alles, was es zum Thema Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz so zu schreiben gibt – vor allem Tipps. Vor kurzem ist ihr Buch «101 Antworten für deinen nachhaltigen Alltag» erschienen. Es liefert zu elf verschiedenen Bereichen unseres Alltags praktische Tipps und Infos rund ums Thema «nachhaltiger leben». Ihr Blog basiert auf dem Buch und ist quasi ein Remake, Best-of, Spin-off etc. davon. Weil ihre Gspändli und alle anderen immer wissen wollen, wie sie es selbst so mit der Nachhaltigkeit hält, hier noch ein paar Facts: Sie isst seeehr selten tierische Produkte (beim Käse fällt es ihr unglaublich schwer). Sie besitzt kein Auto, weil sie sich das ganze Drumrum sparen will. Sie lebt in einer 30-Quadratmeter-Wohnung (leider mit Gasheizung). Sie hat keine Kids, aber nicht wegen des Klimas. Sie kauft extrem selten neue Kleider oder anderes Zeugs, weil dafür die Wohnung zu klein ist und sie zu faul.
Sabina Galbiati
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64 Kommentare
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Verbesserer
29.08.2023 12:09registriert Mai 2020
Ich bin damit einverstanden, dass materielle Werte nicht glücklicher machen. Jedoch bin ich überzeugt, dass genug Geld auf dem Konto sehr beruhigend wirkt. Ich muss es ja nicht ausgeben, jedoch hilft es auch durch schwierige Situationen ruhig zu bleiben. Vor allem aber, man ist unabhängig, und nicht den Launen der Behörden und anderen Menschen abhängig.
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mibster81
29.08.2023 15:27registriert April 2020
Andere Menschen machen glücklich, materielle Dinge nicht. Jää. sehe ich eher als halbkorrekt. Offenbar hat man bei der Untersuchung lediglich Extrovertierte befragt, während die Introvertierten zuhause gemütlich ein Buch gelesen haben. Sorry, es gibt Abende und Wochenenden, da macht mich ein Versumpfen in ein neues Game, Buch oder Lego-Set glücklicher als ein Abend im Ausgang. Der Kauf meines 4K-TVs 2016 macht mich jetzt auch schon länger glücklich als meine Ex-Freundin, daher setze ich hinter die Aussage "Erlebnisse / Menschen > Dinge" ein fettes Fragezeichen. Die gesunde Mischung machts.
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