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Die Nachhalterin

Warum Bäume pflanzen fürs Klima (fast) nichts bringt

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Die Nachhalterin

Hört auf, für jeden Shopping-Quatsch Bäume zu pflanzen!

Wir machen heute ein bisschen Baumschule und lüften das grosse Geheimnis, warum wir unseren Shoppingwahn nicht mit Bäumen kompensieren sollten. Der clevere Horst hilft mir dabei. Auch wenn mein Gottemeitli ihn ziemlich doof findet.
15.08.2023, 10:02
Sabina Galbiati
Sabina Galbiati
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Ihr Lieben! Geschlagene sechs Mal bin ich durch den Wald hoch auf den Uetliberg gelaufen. Ich hoffte auf eine Eingebung, wie ich euch auf unterhaltsame Art erzählen kann, warum Bäumli-Pflanzaktionen als Shopping- oder Reisekompensation herzlich wenig taugen. Aber nach sechs Tagen mit insgesamt über 2000 Höhenmetern, etwa 30 Kilometern Fussmarsch und sechs SBB-Downhill-Tickets sass ich mit einem Haufen dummer Ideen wieder am Schreibtisch.

Shit happens, aber schön war's trotzdem!

Und dann kam sie. Die nächste (vielleicht dumme) Idee. Mitten in einer schlaflosen Regennacht. Ich rauchte und dachte übers Bäumepflanzen und dieses wirklich dumme Gerauche nach.

Abrupter Themenwechsel

Also stellt euch vor: Die Ärztin sagt zum Horst: «Lieber Horst, Sie haben Lungenkrebs und sollten dringend mit Rauchen aufhören.» Aber der gewiefte Horst geht nach Hause und statt mit Rauchen aufzuhören, isst er jetzt nach jeder Zigi einen Apfel. Er kompensiert sein ungesundes Verhalten und sagt später zum Hans-Heiri am Stammtisch: «Diese dummen Ärzte haben einfach keine Ahnung, tsss!», und der Hans-Heiri dann so: «Rächt hesch, du bischt halt ein ganz schlauer Horst!»

Sind wir nicht alle ein bisschen Horst, wenn wir für praktisch alles, was wir uns via Internet reinpfeifen, einen Baum pflanzen lassen, um die verursachten Treibhausgas-Emissionen auszugleichen? Wir können quasi mit gutem Gewissen das Internet leershoppen. Oder wir können den Flug nach Rhodos/Sizilien/Korsika/Antalya und ihre brennenden Wälder buchstäblich als neuen Wald irgendwo im Nirgendwo verewigen.

Ganz dreiste Horsts würden sagen: «Zum Glück rauche ich, sonst würde ich keine Äpfel essen.» Oder: «Ist doch super, wenn ich konsumiere, sonst würde ich keine Bäume pflanzen.»

Die vielen Aber im Schnelldurchlauf

  1. Bäume binden nur so lange Kohlenstoff – also das C aus dem CO2 – wie das Holz existiert, und das sind oftmals nur ein paar Jahrzehnte, im allerbesten Fall einige hundert Jahre. Helfen kann es, daraus Häuser zu bauen, die diese Existenz ein bisschen in die Länge ziehen. Das nützt uns auch fürs Klima, weil CO2-intensive Baumaterialien wie Beton gespart werden. Funktioniert aber nur bei nachhaltiger Waldbewirtschaftung. Diese beisst sich leider mit dem Profit- und Effizienzdenken der meisten Unternehmen.
  2. Ein Baumpflanzprojekt braucht eine seriöse Planung und die Pflänzchen (Bäume sind es noch nicht wirklich) mehrjährige Pflege. Manchmal fehlt beides. Ich vermute mal, weil es eben oftmals nicht um die Bäume geht, sondern ums Geld.
  3. Nur wenn die Minibäume überleben und richtig gross werden, speichern sie auch richtig viel Kohlenstoff. Das dauert einige Jahre bis Jahrzehnte. Bei der Klimaerwärmung haben wir leider keine Jahrzehnte mehr und eigentlich auch nicht mehr einige Jahre.
  4. Teils wurden auch schon Monokulturen gepflanzt oder ungeeignete Arten, die nicht überleben oder das Ökosystem durcheinanderbringen. Das schadet der Biodiversität und dem Klima. Es wird mehr kaputt gemacht und sogar noch mehr CO2 freigesetzt, als wenn man gar nichts gemacht hätte.
  5. Der Klimawandel und dadurch verursachte Dürren, Brände und Stürme können die Kompensationsbäume von heute auf morgen vernichten. Dann haben wir nichts kompensiert.
  6. Oftmals erholen sich Wälder von einem Sturm oder Brand besser, wenn man sie einfach in Ruhe lässt. Aber bei gerodeten Flächen kann eine Wiederaufforstung sinnvoll sein.
  7. Geht es um Bäume als CO2-Speicher, sind gesunde Wälder die besten Speicher.

Fazit: Besser weniger kaufen und das gesparte Geld in seriöse Waldschutz- und Wiederaufforstungsprojekte oder in eine Zug- statt Flugreise investieren.

Zurück zum Horst

Mein Gottemeitli – sie ist sieben Jahre alt – würde zu mir sagen: «Oh Mann, Gotti, der Horst muss natürlich mit Rauchen aufhören und trotzdem Äpfel essen, damit er hoffentlich gesund wird.»

So ist es auch mit unseren Treibhausgas-Emissionen: Wir sind längst an dem Punkt, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler uns buchstäblich um die Ohren hauen, dass wir mit den Abgasen Schluss machen UND gleichzeitig die Wälder schützen sollten (nebst anderen Ökosystemen wie Moorlandschaften oder Ozeanen).

Die grosse Frage lautet daher:

Was hilft den Bäumen, den Wäldern und der Biodiversität wirklich?

Die Antwort schon mal vorweg: Ihr helft eurem Wald vor der Haustür enorm, wenn ihr mehr pflanzliche und dafür weniger tierische Lebensmittel – insbesondere Fleisch und Milchprodukte – esst und das Velo und den ÖV nutzt.

Das hat mit – Achtung – Pflanzennahrung zu tun oder, genauer, reaktivem Stickstoff. 90 Prozent (!) des Schweizer Waldes bekommt zu viel dieser Pflanzennahrung ab und natürlich sind auch Naturschutzgebiete wie Moorlandschaften betroffen.

Zwei Drittel dieser Pflanzennahrung in Form von Stickstoff stammen aus der Landwirtschaft und hier zu 90 Prozent aus der Tierhaltung, vor allem von Milchkühen und Fleischrindern. Ein Drittel stammt aus Verbrennungsprozessen im Verkehr, in der Industrie und ein Mini-Mü in den Haushalten.

Die Folgen

Stickstoffliebende Pflanzen wie Brennnesseln oder Brombeeren verdrängen solche, die weniger Pflanzennahrung brauchen. Letztere verschwinden und mit ihnen die Biodiversität. Klingt banal, ist aber ziemlich schlimm, wie die Schweizer Akademie der Naturwissenschaften hier erklärt.

Das ausgewaschene Chrüsimüsi

Paradox, aber zu viel Pflanzennahrung führt zu mangelernährten Bäumen. Denn im Extremfall bewirkt der viele Stickstoff einen Mangel an anderen wichtigen Nährstoffen wie Kalium, Calcium und Magnesium. Sehr vereinfacht gesagt, passieren im Boden einige chemische Reaktionen und das ganze Nährstoff-Chrüsimüsi wird einfach aus dem Boden ins Grundwasser gespült (Die genaue Erklärung vom BAFU gibt's hier). Zudem beeinträchtigt zu viel Stickstoff die Phosphor-Versorgung der Bäume. Alles in allem wachsen sie langsamer und sind anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Sie überstehen eine Dürre schlechter und ein Sturm haut sie schneller um.

Wenn's den Regenwürmern zu blöd wird

Durch den Nährstoffverlust wird der Boden sauer und dann wird's sogar vielen (tiefgrabenden) Regenwürmern zu blöd. Sie verabschieden sie sich in Heerscharen und arbeiten deshalb auch keine Blätter und Nadeln mehr in den Boden und lockern ihn auch nicht mehr auf. Das Nährstoffangebot sinkt weiter.

Zurück zu Horst

In der Horst-Analogie würde Horst nun nach jeder Zigi einen Apfel und noch zwei Tafeln Schokolade essen. Weil er dann aber pappenvoll ist, isst er sonst nichts mehr und bekommt auch noch Durchfall. Ihm fehlen wichtige Nährstoffe. Ich sehe schon mein Gottemeitli vor mir, wie sie sich die Hand an die Stirn klatscht und sagt: «Oh Mann, Gotti, der Horst ist soooo dumm!»

Rächt hesch!

Ich hab in jener Regennacht mit Rauchen Schluss gemacht.

Bis bald, hebed üch Sorg, nehmt das Velo und kocht ein paar feine vegane oder vegetarische Gerichte!

Und in der Zwischenzeit gibt's hier die ganze Geschichte nochmals für Gottikinder und alle anderen vom BAFU erklärt und mit Video, aber ohne Horst-Analogie. Und noch ein bisschen was zu Luftschadstoffquellen aus der Landwirtschaft, ebenfalls vom BAFU.

Über die Autorin

Sabina Galbiati …
… schreibt als Journalistin und Autorin seit ein paar Jährchen über alles, was es zum Thema Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz so zu schreiben gibt – vor allem Tipps. Vor kurzem ist ihr Buch «101 Antworten für deinen nachhaltigen Alltag» erschienen. Es liefert zu elf verschiedenen Bereichen unseres Alltags praktische Tipps und Infos rund ums Thema nachhaltiger leben. Ihr Blog basiert auf dem Buch und ist quasi ein Remake, Best-of, Spin-off etc. davon. Weil ihre Gspändli und alle anderen immer wissen wollen, wie sie es selbst so mit der Nachhaltigkeit hält, hier noch ein paar Facts: Sie isst seeehr selten tierische Produkte (beim Käse fällt es ihr unglaublich schwer). Sie besitzt kein Auto, weil sie sich das ganze Drumrum sparen will. Sie lebt in einer 30-Quadratmeter-Wohnung (leider mit Gasheizung). Sie hat keine Kids, aber nicht wegen des Klimas. Sie kauft extrem selten neue Kleider oder anderes Zeugs, weil dafür die Wohnung zu klein ist und sie zu faul.
Sabina Galbiati
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Skurrile Dinge, die Menschen im Wald entdeckt haben
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64 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Snowy
15.08.2023 13:02registriert April 2016
Zusammengefasst:
Am besten für Mensch und Globus wären weniger Flugreisen, SUV-Fahren, Fleisch essen und China-Billig Shopping.

Falls sich obiges nicht verhindern lässt, dann immerhin bei klugen Projekten kompensieren.
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Geri Gagarin
15.08.2023 14:15registriert Februar 2023
Tja so ist es... wir werden es nicht hinkriegen.

Ps. im Schnitt Fliegen Schweizer 9000km / Jahr = 3.5 Tonnen
* 9 Mio Schweizer = 30'000'000 TCo2 eq

Ein Ha Wald speichert 6 T pro Jahr, damit benötigen wir um das fliegen zu kompensieren 5'000'000 Hektar Wald. Die Schweiz ist aber nur 4'000'000 Hektar gross.
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Peter Vogel
15.08.2023 10:33registriert Juni 2020
Das Problem ist unsere Konsumkultur. Es gilt als cool die neuesten Sneakers und das neueste Gadget zu besitzen. Schaut euch mal die Deppen an die Samstags freiwillig 2 Stunden und länger vor dem Louis Vuitton Laden an der Bahnhostrasse anstehen. In der Schweiz korrelieren Lohn und Intelligenz leider nicht, so dass es viel zu viele Idioten mit einem viel zu hohen Lohn gibt.
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