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www.kafiexpress.ch: Günstig, fair, transparent. Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Meine Eltern sind seit kurzem geschieden. Eigentlich macht mir das nicht viel aus, aber jetzt habe ich den Salat. 



Es geht darum, bei wem ich angemeldet bin, was ja bekanntlich Auswirkungen auf die Steuern hat. Für meinen Vater gibt es keinen Kompromiss, aber wenn ich mich für ihn entscheide, treibe ich meine Mutter ins finanzielle Verderben. Sie wäre auf keinen Fall enttäuscht von mir, was ich von meinem (im Stolz verletzten) Vater nicht behaupten kann. Da ich volljährig bin, kann ich mich nicht vor dieser Entscheidung drücken ... Du wirst mir höchstwahrscheinlich nicht rechtzeitig antworten können, deine Meinung als geschiedenes Mami mit tollem Blog würde mich trotzdem sehr interessieren. Danke und liebe Grüsse. Lea, 19  

Liebe Lea 

Ihre Frage hat mich sehr berührt. Und zwar darum, weil ich in meiner Praxis oft Paaren gegenübersitze, die wegen einer Trennung zu mir kommen, und weil ich dann immer bemüht bin, die Interessen der Kinder in den Fokus zu rücken. Sie sind mit Ihren 19 Jahren zwar nicht mehr direkt emotional von der Trennung betroffen, aber indirekt eben doch, in dem Sie genau diese Entscheidung treffen müssen. Das zeigt mir einfach einmal mehr wieder auf, dass Kinder IMMER involviert sind, wenn sich Eltern trennen. Egal ob 19 Monate oder 19 Jahre alt.

Ich hoffe sehr, dass Sie meine Antwort noch rechtzeitig erreicht, Sie haben Sie heute Morgen gestellt, könnte also vielleicht klappen. Auf jeden Fall schreibe ich extra schnell, was sich mit Sicherheit begünstigend auf meine, ansonsten tadellose, Rechtschreibung auswirken wird. Aber auch egal. 

Also. Wenn ich als Coach mit Scheidungspaaren arbeite, dann ist mein höchstes Ziel immer, das gesamte Bild im Auge zu haben. Bei einer Trennung geht nie jemand als Sieger vom Tisch. Ziel ist es darum, dass man eine Lösung findet, die für das ganze System tragbar ist. Und wenn ich Ihre Situation nach diesem Gesichtspunkt anschaue, dann überlege ich mir Folgendes: 

Wenn Sie sich bei Ihrer Mutter melden würden, dann wäre Ihr Vater in seinem Stolz gekränkt. Das ist er aber vermutlich eh schon, weil eine Trennung immer auch am eigenen Stolz kratzt. Ihre Entscheidung wäre darum schmerzhaft für ihn, aber nicht der grosse Brocken, an dem er zu nagen hat. Der grosse Brocken ist die Trennung an sich, die vielen Menschen als Versagen einfährt. Die Gefühle des verletzten Stolzes hat er drum so oder so. Bearbeiten muss er diese auch so oder so. Und er wird darüber hinwegkommen. 

Das finanzielle Verderben, in dass Ihre Mutter stürzen würde, wiegt für mich persönlich schwerer. Und zwar überhaupt nicht darum, weil sie eine Frau ist und so. (Viele männliche Leser haben mir da in jüngster Zeit unterstellt, dass ich zu sehr auf weiblicher Seite stehe. Paare, die schon bei mir im Paarcoaching waren, würden das vielleicht weniger so sehen.) Sondern aus sehr professioneller Sicht. Wenn Ihre Mutter in finanzielle Schwierigkeiten kommt, dann belastet dies das gesamte System stark. Sie wird Mühe haben, wieder Fuss zu fassen und dadurch schwerer wieder zu ihrer eigenen Mitte finden. Und das wiederum wird einen Einfluss auf Ihren Vater haben. 

Paare, die sich trennen, tun sich einen Gefallen, wenn sie sich nicht gegenseitig über's Näscht abziehen. Denn seelischen Wunden können nur dann heilen, wenn man sich nicht auch noch finanziell übervorteilt fühlt. 

Wenn Ihre Mutter einen grossen finanziellen Schaden erleidet, wenn Sie bei Ihrem Vater gemeldet bleiben, so wird der Schaden für alle drei Betroffenen massiver ausfallen, als wenn Ihr Vater kurzfristig an seinem gekränkten Stolz zu knabbern hat. Es wird Auswirkungen auf Sie und Ihren Vater haben, wenn das finanzielle Gleichgewicht ins Wanken kommt. 

Und das kann meiner Meinung nach nicht Ziel der Sache sein. Sondern die Beruhigung der Gemüter und die Möglichkeit, dass sich beide Getrennten wieder erholen und wieder auf die Beine kommen können.

Ich hoffe fest, dass Ihnen meine Antwort bitzli hilft.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi. ​

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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