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Wenn eine Kosmetikerin unsorgfältig arbeitet, ärgert man sich danach über unsauber lackierte Nägel. Was aber, wenn ein Herzchirurg schlampt?  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Ich hatte im 1. Lehrjahr einen Arbeitsunfall, welcher nur passiert ist, weil mein Chef meinen Vorschlag für eine Sicherheitsmassnahme abgeblockt hat. 

Dieser Chef hat wenig später gekündigt. Ich werde demnächst die Ausbildung abschliessen und möchte deshalb eine Anzeige gegenüber meinem ehemaligen Chef machen, da dieser für eine sehr unschöne Wunde an meinem linken Arm verantwortlich ist. Ist es schon zu spät dafür? Ich wollte bewusst erst nach Lehrabschluss auch wenn er nicht mehr im Betrieb arbeitet. Was kann ich von einem Prozess erwarten? Der Arbeitsunfall war ein Einklemmen meines Armes, ich hatte sehr viel Glück und die Funktion ist nicht eingeschränkt aber es gab bei der OP eine sehr hässliche Narbe. Wenn es dümmer gelaufen wäre hätte ich keine Hand/Finger mehr. Pascal, 19



Lieber Pascal 

Vielen Dank für Ihre Frage. Ich habe mir einige Tage darüber Gedanken gemacht, weil sie nicht so einfach zu beantworten ist. Es gibt zum einen die rechtliche Ebene und zum anderen die menschliche. Ich will Ihnen beide aufzeigen, damit Sie danach für sich entscheiden können, wie Sie weiter handeln möchten.

Was das Rechtliche anbelangt, kann ich Ihnen keine seriöse Auskunft geben. Vermutlich könnten Sie schon gegen ihn vorgehen, weil der Ausbildner seinen Auftrag nicht richtig wahrgenommen hat. Seine Aufgabe ist es schliesslich, Sie in den Beruf einzuführen und Sie über die Gefahren aufzuklären und zu schauen, dass Sie die Arbeit möglichst unfallfrei erledigen. Umso schlimmer, wenn genau diese Person dann für den Unfall verantwortlich ist.

Dass Sie das nachhaltig beschäftigt kann ich wirklich gut nachvollziehen. Ich wäre wütend, wenn mir so etwas passiert wäre. Sie scheinen einen Beruf gewählt zu haben, bei dem Unachtsamkeit zu so einem Schaden führen kann. Wenn ich zu wenig sorgfältig arbeite, dann schreibe ich hier vielleicht einen Mist zusammen oder setze die Kommas falsch. Im schlimmsten Fall entlasse ich einen Klienten zu früh aus dem Coachingprozess. Aber viel ärger kann es in meinem Beruf nicht kommen. Das ist bei Ihnen offensichtlich anders.

In jedem Job passieren Fehler. Oder: «Wo gehobelt wird, fallen Späne». Die einen sind harmloserer Natur (z. B. meine) und andere sind unbeschreiblich schlimm (z. B. die des Kapitäns der gesunkenen Fähre vor Südkorea.) Einige Berufsbilder erlauben eigentlich gar keine Fehler. Und dennoch passieren sie Tag für Tag. Weil wir auch nur Menschen sind. Chirurgen amputieren die falschen Beine, VBZ-Busfahrer rasen, (weil sie dem Fahrplan hinterherhinken), und begehen dabei Unfälle, und Steuerbehörden verschicken Rechnungen an Tote. Das ist alles peinlich bis unverzeihlich und dennoch passiert es.

Darum habe ich Hochachtung vor Menschen, welche solche Berufe ergreifen und mit diesem Risiko leben. Ich habe grossen Respekt vor Piloten, Ärzten und Mitarbeitern in anderen risikoreichen Bereichen. Weil die es sich nicht leisten können, etwas schludrig zu arbeiten, weil sie mal schlecht geschlafen haben oder unter einer Trennung leiden. Ich möchte diese Verantwortung nicht auf meinen Schultern tragen, weil ich weiss, dass ich Fehler mache. Und weil ich mir diese nicht verzeihen könnte, wenn sie derartige Konsequenzen haben würden.

Sie sind nun in Kontakt gekommen mit diesem Risiko. Und haben Glück im Unglück gehabt. Die Narbe auf Ihrem Arm erinnert Sie tagtäglich daran, was noch hätte schiefgehen können. Sie hätten einen Finger oder die ganze Hand verlieren können. Glücklicherweise haben Sie das aber nicht. Ihr Finger und Ihre Hand haben den Unfall heil überstanden. Wie es in Ihrer Seele aussieht, weiss ich allerdings nicht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass so ein Erlebnis ein grosser Vertrauensverlust darstellt. Sie haben sich in die Hände Ihres Ausbildners begeben und der hat Sie nicht genügend beschützt. Das trifft Menschen an einem empfindlichen Punkt. Einen jungen wie Sie vermutlich sogar noch härter. Sie sind schliesslich darauf angewiesen, dass man Sie vor Gefahren bewahrt. Darum verstehe ich Ihr Bedürfnis, den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Ob eine Anzeige mit anschliessendem Verfahren die Verletzung Ihrer Seele heilen wird, kann ich nicht beurteilen. So ein Prozess kann eine schrecklich langwierige und anstrengende Angelegenheit sein. Nicht nur für den Angeklagten, sondern auch für den Kläger (also Sie). Überlegen Sie sich gut, ob es Ihnen das wert ist. Von der rechtlichen und ethischen Seite her gesehen, haben Sie vermutlich Anspruch auf eine Wiedergutmachung.

Aber wenn ich mit jedem Menschen vor Gericht gezogen wäre, der mir (fast) einen schlimmen Schaden zugefügt hätte, dann hätte ich mein halbes Leben als Klägerin mit Anwälten verbracht. Und die andere Hälfte vermutlich als Angeklagte. Weil auch ich hatte schon mehrfach grosses Glück, dass etwas, was ich falsch gemacht habe, nicht schlimmer geendet hat. Sie stehen noch ganz am Anfang Ihres Lebens. Sie werden im Laufe der Zeit viele Fehler begehen und viele erleiden müssen, die von anderen begangen werden. Wenn ich Ihnen etwas ans Herzen legen darf, dann Folgendes: Vergeuden Sie Ihre Energie und Ihre Zeit nicht mit negativen Dingen, sondern konzentrieren Sie sich besser auf die positiven. Tragen Sie Ihre Narbe als Beweis, dass Sie einen Schutzengel haben, der seinen Job verdammt gut macht, und geben Sie sich Mühe, ihn nicht zu sehr zu überbeanspruchen. Gönnen Sie sich und Ihren Mitmenschen Fehler und lernen Sie, angemessen damit umzugehen. Wir werden darauf getrimmt, möglichst keine Verfehlungen zu begehen, anstatt dass wir lernen, reflektiert mit ihnen umzugehen.

Sie können entscheiden, wie Sie dem Fehler Ihres ehemaligen Vorgesetzten begegnen wollen. Neben einer Anzeige gäbe es auch noch die Möglichkeit eines klärenden Gesprächs. Oder aber Sie versuchen die ganze Sache zu vergessen und vertrauen darauf, dass eine in Zukunft von Ihnen geschädigte Person es auch einmal so handhaben wird.

Ganz herzlich! Ihre Kafi.

P.S. Wer sich für die Liaison von Mensch und Risiko interessiert, sollte unbedingt im Kino «Berge im Kopf» schauen gehen! Ich habe noch selten jemanden so klug über den Umgang mit Risiken sprechen hören, wie den kauzigen, 72-jährigen Werner Munter. 

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Bild: Kafi Freitag

Kafi Freitag 

Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines neunjährigen Sohnes.

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    Alle Leser-Kommentare
  • fertig 29.04.2014 00:51
    Highlight Highlight Liebe Frau Freitag, zu Ihrer Info:
    Gemäss Art. 82 Abs. 1 und 2 UVG4
    «1 Der Arbeitgeber ist verpflichtet, zur Verhütung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten alle Massnahmen zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik anwendbar und den gegebenen Verhältnissen angemessen sind.
    2 Der Arbeitgeber hat die Arbeitnehmer bei der Verhütung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten zur Mitwirkung heranzuziehen.»
    Die so genannten «Durchführungsorgane» (Suva, seco, kantonale Arbeits- inspektorate) haben die Aufgabe, die Einhaltung der Vorschriften über Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in den Betrieben zu kontrollieren und nötigenfalls durchzusetzen.
    Im Schadenfall richtet sich die Strafverfolgung gegen (natürliche) Personen, welche für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz verantwortlich sind, z.B. Betriebsinhaber, Geschäftsführer, Abteilungsleiter, Sicherheitsbeauftragte etc., also Vorgesetzte (soweit sie ihren Pflichten nicht oder nicht genügend nachgekommen sind).
    Art. 112 Abs. 4 UVG
    Wer als Arbeitgeber resp. Vorgesetzter den Vorschriften über die Verhütung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten vorsätzlich oder fahrlässig zuwiderhandelt, wird mit Gefängnis bis zu 6 Monaten oder mit oft hohen Busse bestraft. Die bewusste Gefährdung von Mitarbeitenden ist kein Kavaliersdelikt!

Liebe Kiffer, hier sind 5 Dinge, die ihr jetzt wissen müsst (und dann eh wieder versifft)

Das Bundesgericht urteilte, dass auch Minderjährige im Besitz von Cannabis straffrei bleiben. Ein Überblick was beim Cannabis-Konsum inzwischen legal ist – und was nicht.

Grundsätzlich gilt: Cannabisprodukte, die einen THC-Gehalt von über 1 Prozent aufweisen, sind illegale Drogen und unterstehen dem Betäubungsmittelgesetz. Besitz, Konsum, Anbau und Handel sind verboten. CBD-Produkte, also Cannabis mit einem THC-Gehalt unter 1 Prozent, sind seit Sommer 2016 frei im Schweizer Handel erhältlich.

Grosser Zankapfel bei der Frage, was nun erlaubt ist und was nicht, stellt Absatz 19b im Betäubungsmittelgesetz dar. Dort heisst es: «Wer nur eine geringfügige Menge …

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