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In der Schweiz ist es nur dem Regenbogen gestattet, unbescheiden zu leuchten und zu strahlen. Alle anderen sollen sich gefälligst im Mittelmass bewegen.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Ich versteh Zürich immer wieder nicht: Warum das Theater, der Druck, der Neid, der Streit um Kleinigkeiten? 

Es zählt doch, gesund zu sein, Liebste zu haben, gesunde Kinder zu haben, ein wenig einen Beitrag zu leisten irgendwie und irgendwo. Woher kommt das? Ich will den Leuten nicht unterstellen, dass es ihnen zu gut geht. Ernsthafte Frage. Kafi Freitag, hast du eine Antwort? Olivia, 34



Liebe Olivia

Wenn Sie den Menschen nicht unterstellen wollen, dass es ihnen zu gut geht, dann mache ich es halt. Ich glaube nämlich wirklich, dass es den allerallerallermeisten in unserem Land sehr gut geht. Wenn nicht eben sogar ZU gut.

Und statt sich darüber zu freuen, schaut man dann kurz links und kurz rechts und gibt acht, dass da auch ja keiner ist, dem es augenscheinlich noch etwas besser geht. Ich schreibe ganz bewusst «augenscheinlich». Weil das reicht dann meistens auch. Der Anschein, dass es da jemandem gut geht. Welcher Einsatz oder Verzicht dahinter stecken mag, interessiert nämlich keinen.

Wenn da jetzt also so ein augenscheinlich noch glücklicher auftaucht, dann ist es mit dem eigenen Glück auch schon wieder dahin. Dann wird verglichen und abgeschätzt. Und nicht selten wird aus dem Abschätzen dann was Abschätzendes. Nämlich Neid und Missgunst und sonst noch viel Hässliches. Ein gesundes Kind meinen Sie, sollte reichen zum Glück? Dann setzen Sie sich mal an den Rand eines bevölkerten Sandkastens und beobachten Sie, wie Mütter ihre gesunden Kinder miteinander vergleichen. Da geht es nicht mehr um gesund oder nicht gesund. Da geht es darum, welches «besser» schläft, besser redet, besser IST. (Wie es inmitten dieses Leistungskampfes Eltern mit einem Kind mit Behinderung ergehen muss, kann ich nur erahnen.)

Warum das so ist, kann ich auch nicht genau erklären. Aber es ist etwas sehr Schweizerisches. Darum haben wir hier auch kaum Stars. Das Schweizer ­Mittelmass mag kein überdurchschnittlich verkraften. Kaum wächst ein Gräslein über die anderen hinweg, holt der stramme Schweizer seinen Elektrorasenmäher und mäht es auf die Länge der anderen zurück. Das ist eine sehr traurige Angewohnheit der Schweizer. Weil das ­Mittelmass ist auch furchtbar langweilig und eben, wie der Begriff selber schon sagt, furchtbar ­mittelmässig.

Die Alternative wäre, sich selber höhere Ziele zu setzen und sich etwas mehr gegen die Sonne zu strecken. Aber das ist vielen zu anstrengend. Da scheint es dann doch weniger aufwendig, den anderen kleiner zu machen als sich selber ­grösser. Im Irrglauben, dass man dann halt doch ein wenig bedeutsamer wirkt, wenn der andere um Kopfesbreite gestutzt wird. Das Ziel ist es, sich innerhalb der mittelmässigen Bandbreite an oberster Front zu bewegen, ohne darüber hinaus zu ­schiessen.

So ist das hier in Zürich, liebe Olivia. Ob es in anderen Städten genau so ist, kann ich nicht beurteilen. In anderen Ländern ist es mit Sicherheit weniger ausgeprägt. In den USA darf ein Mensch scheitern und wieder neu anfangen. Oder zum Star avancieren. Das habe ich hier noch sehr selten erlebt.

Kürzlich habe ich ein Sprichwort gelesen, dass ich lange Zeit vergessen hatte. Nämlich, dass man sich Neid erarbeiten muss. Das mag als schwacher Trost für alle Beneideten dienen, aber welche schwache Motivation steht hinter den Heerscharen von Neidern?

Das Wichtigste scheint mir allerdings, dass man sich dadurch nicht zu stark beeinflussen und beeindrucken lässt. Wenn man seinen Blick zu sehr auf solche Umstände legt, kann es leicht passieren, dass man ins gleiche Fahrwasser gerät. Umgeben Sie sich darum nur noch mit Menschen, die weitsichtig und ­grossherzig sind! Gönnen Sie Ihren Freunden deren Glück und Sie werden sehen, dass es sich dadurch vergrössert und auch auf Sie zurückstrahlt.

Viele Menschen scheinen auf Negatives programmiert zu sein und es darum regelrecht anzuziehen. Befreit man sich strikt davon, wird man bald erkennen, dass das Positive überwiegt!

Mit herzlichem Gruss und ebensolchem Dank für Ihre tiefsinnige Frage. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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    Alle Leser-Kommentare
  • one0one 21.07.2014 17:50
    Highlight Highlight Man könnte sich auch Fragen warum es die Schweizer dermassen interessiert was die anderen Denken? Das kann einerseits, wie im Artikel beschrieben, sehr hinderlich sein, andereseits trägt es wahrscheinlich auch dazu bei das wir im Ausland positiver wahrgenommen werden als z.B. unsere noerdlichen Nachbarn denen es Buffet scheinbar egal ist was andere denken ^^

    Grundsätzlich haben sie aber Recht, ich wohne in Bern in einem sogenannten "nobleren" Quartier. Als gebuertiger Bieler ist es oftmals schon entfremdend fuer was sich unsere Nachbarn bei uns so interessieren... Dem Satz ist auch zu entnehmen das ich diese Problematik als sehr regional wahrnehme. In der Romandie kennt man diesen "Neid" viel weniger... "laissez faire" lautet da die Devise.

    Au revoir :)

    P.S. ich finde dieser Artikel, respektive Ihre Meinung, beisst sich ein wenig mit den Ansichten der "Ampelproblematik". Oder sollen Kleinkinder als Entschuldigung gelten sich in das Leben anderer einzumischen? ;)
  • Skydiver 21.07.2014 11:06
    Highlight Highlight Stimmt schon, was in Abgrenzung Schweiz vs. USA gesagt worden ist.

    Heisst aber nicht, dass man sich in der Schweiz ducken oder ins gleiche Horn blasen muss. Und leiden darunter ist auch nicht die Lösung, wäre ja noch schöner.

    Es hilft, wenn man sich eine Art von „naivem Schutzmantel“ zulegt. Der geht einfach in die Richtung: Es ist mir egal, was Nachbarn denken. Ich merke nicht mal, wenn das Umfeld neidelt.

    Und ab diesem Punkt kann man einfach gut sein. Oder auch nicht. Ausprobieren und Erfolge haben. Oder auch nicht. Auf jeden Fall sein eigenes Ding fahren, entspannt und gelassen. Ziemlich untangiert von bösen Blicken drumherum. Das zieht dann wiederum andere Menschen an, die dasselbe tun. Man bleibt nicht allein!

    Und das Beste: Das übrige Umfeld reagiert auch gut darauf – mit der Zeit. Weil man sich nicht wirklich abgrenzt, sondern freundlich rundum kommuniziert. Auch mit Neidern oder Kleinbürgern oder leicht Gehässigen und Frustrierten. Und die beginnen sich auch besser zu fühlen. Weil sie nicht nur neideln, sondern irgendwie merken: Gelassenheit zusammen mit Freundlichkeit trägt Früchte – könnte ich ja auch mal ausprobieren. Und zack: Schon wieder einer oder eine mehr, der grosszügiger denkt und sich mit anderen freuen kann.

    Wir Schweizer sind also nicht einfach so, wie wir sind. Wir können auch so werden, wie wir wollen. Zumindest ein bisschen und in kleinen Schritten. Nicht jeder, aber viele.

    Funktioniert, ich weiss es!
    • kafi 21.07.2014 13:24
      Highlight Highlight I like!
  • Maria Cecilia Keller 18.07.2014 21:55
    Highlight Highlight Oh, wie hab ich mein Studienjahr in New York genossen! Da durfte man gut sein wenn man Lust dazu hatte! Es war nicht peinlich, nicht streberisch. Meine Lehrer lobten mein Engagement - meine Studienkollegen haben trotzdem mit mir zusammengearbeitet, weil ich auch von ihnen gelernt habe, was ich nicht so gut konnte und geschätzt habe. Es war eine Totalbefreiung nach dem Studium am Konservatorium Bern. Da war das Mittelmass der heilige Gral und daran durfte man niemals kratzen sonst galt und gilt man als sonderbar - und das ist nicht nur in Bern so. So sehr ich die Schweiz - meine Heimat -schätze: In diesem Bereich ist sie einfach schrecklich.
    • Statler 19.07.2014 09:26
      Highlight Highlight Genau meine Erfahrung. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA kam ich zu Folgendem: Erzählt man den amerikanischen Kollegen/Freunden von einer Idee, heisst es «wow, cool! probier das! Spitze!» und erhält auch Unterstützung dabei. Die Schweizer antworten: «Hmmm - hast Du Dir das gut überlegt? Klingt risikoreich. Hast Du eine Versicherung?».
      Geht es schief, hört man von den Amis «Ach, nicht weiter schlimm. Du hast es versucht. Ist halt dumm gelaufen. Versuch's weiter, Du wirst schon noch Erfolg haben» und erhält auch die Chance, es erneut zu versuchen. Von den Schweizern hört man: «Siehst Du, ich hab's Dir ja gesagt» und der Misserfolg verfolgt einen für den Rest des Lebens…

      Ausnahmen mögen die Regel bestätigen. Ich will damit jetzt nicht ein Loblied auf die Amis singen, aber in dieser Hinsicht könnten wir uns eine dicke Scheibe von ihnen abschneiden.
    • mrgoku 21.07.2014 13:29
      Highlight Highlight Und jetzt? NY hat sicher Platz für dich. Tschüss
  • f303 18.07.2014 17:01
    Highlight Highlight Ein zweifaches Danke und Bravo! Olivia für diese Frage und Frau Freitag für die wunderbare Antwort. Genauer hätte man des Pudels Kern wohl nicht treffen können. Dieses Phänomen ist übrigens leider Kantonsunabhängig. Das durfte (musste) ich schon bei Freunden im Thurgau (missgünstiger Nachbar) und bei uns im beschaulichen Mittelland ganz genau so erleben. Wer anders als das eigene Verständnis funktioniert, ist schon mal suspekt und ziemlich sicher auf dem Holzweg. Wenn er dann dabei auch noch glücklich aussieht oder Spass hat, kann das einfach nicht richtig sein. Die Nachbarn haben ein fröhliches Fest? Nicht mit mir – Zeit zum Rasenmähen! … aber wie gesagt, wenn man sich auf sein Fest und nicht auf den Rasenmäher konzentriert, ist es halb so wild und der Nachbar bald vergessen. In diesem Sinne, ein entspannt-fröhliches Wochenende!
  • rkeller 18.07.2014 14:39
    Highlight Highlight Missgunst und Neid bestimmen den Alltag der meisten ZürcherInnen. Auffallend z.B. im Bereich des gemeinnützigen Wohnens.
    Lachen? Fehlanzeige!

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