Alles richtig gemacht – und trotzdem verloren
Die erste olympische Medaille seit 1948 bleibt ein Traum. Auch mit dem besten Nationalteam der Geschichte reichte es nicht für den ersten olympischen Halbfinal.
Was ist passiert? Hat Patrick Fischer Fehler beim Aufgebot gemacht? Nein.
Ist unser Nationaltrainer ausgecoacht worden? Nein.
War die Zusammenstellung der Linien falsch? Nein.
Haben wir taktisch falsch gespielt?Nein, es war einer der taktisch besten Partien der Neuzeit. Die Anpassung an die kleineren Eisfelder war gelungen, die Lehren aus dem 1:5 gegen Kanada sind gezogen worden. Die Schweizer spielen einfach, realistisch und schlau. Selbst Roman Josi, der bei Bedarf die Fäden ziehen kann wie einst Franz Beckenbauer auf dem Rasen, war sich nicht zu schade, bei Bedarf die Scheibe auch mal einfach tief ins gegnerischen Drittel zu schiessen.
Das Torschussverhältnis nach 60 Minuten (23:30) dokumentiert eine gute Balance zwischen Offensive und Defensive: Wir waren nie hoffnungslos unterlegen. Ken Jäger hatte das erste Bully gewonnen und von da an standen wir bis in die letzten Minuten hinein auf den Zehenspitzen, auf Augenhöhe und nie war die Unterlegenheit hoffnungslos.
War Leonardo Genoni der richtige Goalie? Ja, was für eine Frage!
Hat der Nationaltrainer alles richtig gemacht? Ja.
Warum hat es trotzdem nicht gereicht? Weil wir in einem der grössten, dramatischsten Spiele unter Patrick Fischer an der rauen Wirklichkeit des internationalen Hockeys gescheitert sind.
Wenn die Hockeygötter uns das Glück beschert hätten, das wir für einen Exploit auf diesem Niveau immer brauchen, dann hätte es für den Halbfinal gereicht. Ein «hätte» ist eines zu viel auf diesem Niveau.
Der Viertelfinal gegen Finnland war ein Lehrstück, das die Limiten unseres Hockeys aufgedeckt hat. Limiten, die wir auch künftig haben werden. Wenn die Grossen mit ihren Besten aus der NHL antreten, reicht es für uns nicht mehr. Nur beim olympischen Turnier mit NHL-Stars haben alle die Besten zur Verfügung. Die Finnen haben alle Positionen mit Titanen aus der wichtigsten Liga der Welt besetzt. Die vierte Linie ist nominell so gut wie unser erster Sturm. Wir werden nie genug Spieler in der NHL haben, um daraus mehr als eine halbe Mannschaft zusammenzustellen.
Es fehlt den Spielern aus unserer Liga nicht an Wille, Mut und Disziplin. Ja, sie lenkten die Partie erst einmal in richtige Bahnen: Ken Jäger erobert beim frechen Forechecking den Puck und Damien Riat trifft zum 1:0.
Aber es fehlte in der Schlussabrechnung an purem Talent. Zu wenig Talent bedeutet gegen die besten Verteidiger der Welt zu wenig offensive Durchschlagskraft. Die Schweizer sind nicht hinten, sie sind vorne gescheitert: an ihrer Offensivschwäche. Ein dritter Treffer hätte genügt. Zwei sind auf diesem Niveau nicht genug. Und daran wird sich auf Jahre hinaus nichts ändern.
Müssen wir nun alle Träume vom ersten WM-Titel beim Heimturnier im Mai begraben? Nein. Mit ein bisschen Gnade der Hockeygötter werden wir in Zürich und Fribourg ein ähnlich starkes Team wie hier in Mailand zur Verfügung haben. Alle NHL-Stars, die nicht mehr in Nordamerika engagiert sind, werden dem Aufgebot von Patrick Fischer Folge leisten. Bei der «Abschlussparty» der besten Jahre unseres Hockeys mit den drei WM-Finals unter Patrick Fischer wollen alle noch einmal dabei sein.
Unsere Gegner werden bei weitem nicht mehr so gut besetzte Mannschaften zur WM entsenden. Die Besten werden noch in den Stanley-Cup-Playoffs engagiert sein und die Doppelbelastung Olympische Spiele/WM werden nicht alle freiwillig auf sich nehmen.
Das bedeutet: Polemik und fundamentale Kritik für das Scheitern in Mailand wäre billig und unsachlich. Wenn ein kleines Wunder nicht eintrifft – und das wäre eine Halbfinalqualifikation gewesen – dann sind die Hockeygötter schuld und nicht ihre Diener auf Erden an der Bande. Aber: Ein Scheitern bereits im Viertelfinal bei der WM im Mai wäre eine bittere Enttäuschung. Weil es eine verpasste Chance und nicht mehr ein verpasstes kleines Wunder wäre. Die Kritik wird allerdings dann keine heftige sein: Patrick Fischer legt sein Amt so oder so nach dieser Saison nieder und übergibt es Jan Cadieux. Er wird, wie hier in Mailand, auch bei der WM noch Patrick Fischers Assistent und Zauberlehrling sein. Mit ihm wird eine neue Ära beginnen.
Er wird nicht zu beneiden sein: Er wird im Zweifelsfall wohl nur noch in der nächsten Saison auf Leonardo Genoni zurückgreifen können. Der beste Torhüter Europas, der nie in der NHL spielte, wird im August 39 Jahre alt.
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