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Auf der Suche nach Licht. 
bild: kafi freitag

Liebe Frau Freitag. Ich habe ein Kind verloren, jetzt habe ich Angst.

Sie schreiben: «Es gibt nun mal kein Hell ohne Dunkel. Wenn man das erst einmal begriffen hat, kann man das Leben mit allen Höhen und Tiefen akzeptieren und wirklich leben.» Ich bin Mutter zweier pubertierender Söhne und eines 1-jährigen Mädchen. Vor acht Wochen habe ich ein Kind verloren. Ich nehme es als Teil meines Lebens an. Ein Tief, wie auch so viele davor, die mich nicht umgebracht haben. Ich erfreue mich an den Hochs und dem Leben allgemein. Ich glaube dass ich wirklich lebe. Aber was ist mit der Angst? Ich wünsche mir ein weiteres Kind habe aber gleichzeitig Angst vor einem weiteren Verlust. Behindert die Angst nicht das wirkliche Leben, auch wenn der Rest stimmt? Und was kann man dagegen tun? Carmen, 36



Liebe Carmen

Als ich Ihre Frage gelesen habe, hat es mich tief berührt und ich will Ihnen mein herzlichstes Beileid aussprechen. Als Mutter eines ebenfalls pubertierenden Sohnes weiss ich, dass es für eine Mutter nichts Schlimmeres gibt, als ein Kind zu verlieren. Sie mussten dies erleben und haben nun Angst. Das verstehe ich so gut, liebe Carmen. Ich habe kein Kind verloren und trage diese Verlustangst dennoch mit mir herum. Jeden Tag. Und dennoch kann ich nur erahnen, wie es Ihnen ergehen muss, welche Ängste Sie erleben. Diese Gefühle kann niemand wirklich nachempfinden, der es nicht selber erlebt hat. Da hilft auch ein Übermass an Empathie nichts.

Ich versuche meine Ängste in Zaum zu halten, indem ich mich dem Leben anvertraue. Aber wie soll das gehen, wenn das Vertrauen gebrochen, einem ein Kind genommen wurde? Darauf gibt es leider keine wirkliche Antwort. Für mein Frauenportal Tribute haben meine Geschäftspartnerin Sara und ich einmal ein Porträt gemacht mit einer Mutter, die ebenfalls ein Kind verloren hat. Sie hat uns erzählt, wie sie diese schreckliche Erfahrung überlebt und wieder Vertrauen gelernt hat. Eine andere Freundin von mir hat das jüngere von zwei Kindern an Krebs verloren und danach erneut einem das Leben geschenkt. Von ihr weiss ich, dass es nie mehr ganz ohne Angst sein wird, das Leben. Sie gehört irgendwann dazu, wie eine ungeliebte Tante, der man immer mal wieder auf einem Familienfest begegnen muss.

Wie Ihr Umgang mit dieser Angst aussehen wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Wie man einen solchen Schicksalsschlag verarbeitet, ist so individuell, wie wir Menschen es sind. Es ist ein Prozess, der mit Sicherheit viel Zeit in Anspruch nehmen wird und der zuweilen sehr schmerzhaft ist. Es wäre sicherlich sinnvoll, wenn Sie für diese Arbeit jemanden hätten, der Sie begleiten kann. Es geht um die Konfrontation mit all den Gefühlen, die diese Erfahrung mit sich bringt. Mit der Angst, der Wut, der Verzweiflung und der Trauer. Und der immerwährenden Frage: Warum ich, warum mein Kind?

Geben Sie diesen Emotionen und Fragen Raum. Es macht Sinn, sich mit diesen auseinanderzusetzen, anstatt sie zu verdrängen. Dafür sollten sie darüber reden können. So viel und so oft, wie es Ihnen gut tut. Vielleicht haben Sie einen Freundeskreis oder eine Familie, die bereit ist, diesen Weg zu gehen. Natürlich gehört dazu auch der Vater des Kindes, der das Gleiche erlebt hat wie Sie. Dennoch sehe ich es als wichtig an, dass Sie es nicht nur mit ihm teilen. Sehr oft ist es nicht leicht, die Gefühle mit einem Menschen zu teilen, der genau so im Schmerz ist. Dann ist es von Vorteil, wenn man ausserhalb der Partnerschaft noch jemanden hat.

Es wäre wenig seriös, wenn ich Sie nun mit Tipps eindecken würde. Ihre Frage gehört eher in ein Coaching, sie lässt sich nicht wie andere einfach im Blog beantworten. Trotzdem habe ich die Frage ausgewählt. Ich weiss, dass viele Menschen mit diesem Schmerz und dieser Angst leben müssen und ich wollte Ihnen sagen, dass Sie nicht alleine damit sind. Es gibt Selbsthilfegruppen für Angehörige von verstorbenen Kindern und vielen Menschen kann dieser Rahmen Halt und Zuversicht geben. Andere können es nicht ertragen, auch noch die Schicksale anderer Eltern zu hören und gehen den Weg der Verlustarbeit lieber allein oder zu zweit. Ich weiss von Menschen, denen die Literatur von Elisabeth Kübler-Ross geholfen hat, einer Ärztin die sterbende Kinder begleitet hat und sehr einfühlsam von ihren Erfahrungen berichtet. Sie schreibt in ihren Büchern, dass niemand alleine gehen muss, auf jeden Menschen der die Erde verlässt jemand wartet, der ihn in die andere Welt begleitet Das kann einem Trost spenden und helfen, wieder Vertrauen ins Leben zu gewinnen.

Welchen Weg auch immer Sie gehen, Sie werden den von Verena Kast beschriebenen Trauerprozess in vier Phasen durchlaufen. Dieser Prozess leitet sich ebenfalls aus den Erfahrungen von Kübler-Ross ab und zeigt auf, dass jeder Mensch, der einen Verlust hinnehmen musste durch die Phasen des Nicht-Wahrhaben-Wollens, der gemischten Emotionen (Angst, Trauer, Wut, Zorn und Freude), des Suchens nach einer neuen Verbindung zum verstorbenen Menschen gehen, welche schliesslich in eine Akzeptanz führt. Wenn man diesen Prozess durchlaufen hat, kann man einen neuen Bezug zum Leben gewinnen, der nicht nur darauf baut, dass man für die Geschwister des verlorenen Kindes da sein muss.

Das alles braucht vor allem sehr viel Zeit. Und Raum, um die Trauer zu leben. Wenn ich Sie durch diesen Prozess begleiten würde, wäre es mir ein Anliegen, dass man diesen Phasen erst genügend Platz einräumt, bevor eine weitere Schwangerschaft Thema ist. Die Angst wird nie mehr ganz von Ihrer Seite weichen, aber sie kann zu einem Begleiter werden, der sie nicht im Übermass in Besitz nimmt und ihnen den Freiraum lässt, sich auf ein weiteres Kind zu freuen.

Ich weiss nun nicht, ob Ihnen diese Antwort wirklich etwas hilft. Themen wie diese sind eine Gratwanderung für meinen Blog, aber ich habe versucht, die Erfahrungen aus dem Coaching etwas zugänglicher zu machen. Es ist eine grosse Lüge, dass die Zeit alle Wunden heilt. Aber mit genügend Zeit wird die Wunde aufhören, ständig zu eitern. Sie wird ein klein wenig verblassen. Der Verlust wird dennoch immer bleiben. Keine Zeit dieser Welt und kein noch so tolles Coaching wird Ihnen diesen nehmen können. Mein Herz und meine Gedanken sind bei Ihnen, liebe Carmen. Ich wünsche Ihnen alles Liebe und viel Kraft für diese schwierige und traurige Zeit.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

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Fragen an Frau Freitag? ​ 

Hier stellen! 

Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • oldman 24.03.2016 08:29
    Highlight Highlight Sehr schon geschrieben von Kafi. Vielleicht hilft Carmen ein klein wenig auch der Satz: "Unsere Lieben gehen nicht von uns, sondern nur vor uns."
    9 2 Melden
  • Zerpheros 23.03.2016 12:54
    Highlight Highlight Gutes Bild, das mit der Narbe. Und noch etwas: Wenn ich die Wahl hätte, alles, was passiert ist, zu vergessen oder meine Erinnerung zu behalten: Ich würde immer Behalten wählen - auch wenn ich auf eine Wiederholung dankend verzichte. Das Wissen um die Flüchtigkeit des Lebens bei gleichzeitiger Sturheit, macht demütig und vielleicht ein bisschen tiefer. Zur alten Tante Angst: umarmen, aber auch erleichtert sein, wenn sie dann weitergeht...
    51 0 Melden

Liebe Kafi, Ich arbeite in einem Unternehmen, bei dem Überzeit nicht vergütet und als Investment angesehen wird

Seit 4 Jahren arbeite ich bis zum Gehtnichtmehr – Beförderungen etc. erreicht. Mittlerweile habe ich mich entschieden, zu gehen und habe eine tolle Stelle gefunden. Künden werde ich sobald ich den neuen Vertrag habe – sogar 7 Monate vorher anstatt nur die 2 Monate, die ich müsste. Wie höre ich auf? (Überstunden zu machen, um alles kümmern, mich für alle zu opfern). Danke :-) Lea, 29

Liebe Lea

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie weitere 7 Monate im Betrieb bleiben werden, obwohl Ihre Kündigungsfrist 2 Monate beträgt? Bin mir gerade nicht ganz sicher. Hoffe eigentlich sogar, dass ich das falsch verstehe. Denn das wäre sehr ungünstig.

Ich bin der Meinung, dass man gekündigte Menschen möglichst schnell aus der Firma haben sollte. Und zwar im Interesse beider Seiten. Es ist meist recht unangenehm, in diesem Zustand weiterhin in einem Team zu arbeiten. Darum: Falls ich das …

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