Ich verpasse das Konzert des Jahres – die FOMO schlägt so richtig zu
Dieser Text erscheint punktgenau zeitgleich, wie der letztmögliche Vorverkauf für die begehrten Konzerte im Herbst in Paris startet. Ziemlich sicher werde auch ich nicht zu den *600'000 glücklichen Menschen zählen, die sich ein Ticket ergattern. Die Zahl klingt enorm, aber allein in der ersten Nacht nach Ankündigung schrieben sich auf Céline Dions Webseite über eine Million Menschen für den Pre-Sale ein, wenige Tage später waren es neun (Milliaunen!!).
*15 Shows à 40'000 Plätze in der La Défense Arena
Glück oder Strategie?
Ich verpasse sehr ungern Konzerte. Und die grossen Hypes der Zeit, da bin ich zugegebenermassen schon auch immer wahnsinnig gern dabei. Call it FOMO, call it Leidenschaft, mir egal: «Heated Rivalry», Bad Bunny, «Wuthering Heights», Alysa Liu, Rosalía, dritte Staffel «Euphoria». Nicht ohne mich! Aber manchmal muss man auch realistisch bleiben.
In den letzten Jahren wurde der Ticketkauf zur Glückssache – oder fast Wissenschaft. Man braucht frei und mehrere Computer und Mutter, Mann und Geschwister, mit deren Mailadressen man sich auch noch irgendwo einschreibt, nur für die Chance auf einen geheimen Pre-Sale-Link. Und eine halbe Minute nach Verkaufsstart macht's plink! ploink! und es gibt noch genau vier Tickets mit eingeschränkter Sicht, und bis man sich den Saalplan herangezoomt hat, sind auch die vergriffen.
Eine kleine Lebensweisheit
Viele Dinge – darunter zum Beispiel Affären, Überfälle oder Frisuren – kann man sich sparen, wenn man sie sich nur intensiv genug vorstellt. Meist sind diese Dinge im Kopf nämlich aufregender, als sie es im richtigen Leben je geworden wären, und das erst noch ganz ohne Aufwand, Schmerz und Scham.
Auch wenn das für Konzerte nicht oft zutrifft, werde ich just dieses Konzept als Coping-Strategie hier anwenden: Ich stelle mir einfach vor, wie ich um viele hundert Franken ärmer im Herbst in einem Vorort von Paris stünde, mit pochendem Herzen und einem Becher lauwarmem Chardonnay in der Hand, während es mir bei jedem zweiten Lied die Seele eng ums Zwerchfell zwirbelte, bis ich fast keine Luft mehr bekäme.
Wenn ich mich vorab nur genug reinsteigere, wird ein tatsächliches Konzert vielleicht müssig. On y va!
Instant 90s Nostalgia
Pour que tu m'aimes encore
Ich schockverliebte mich in Céline Dions Stimme, als ich mit 13 Jahren im Sprachaufenthalt war, wo wir nicht nur ausgeraubt wurden, sondern eben auch diesen Sommerhit verstehen und übersetzen lernten. Und, mon dieu ma déesse, dieses Lied war das Tor in eine neue Welt! Und obendrein mein Garant für unzählige Jahre Bestnoten in Französisch. Zurück in der Heimat, wo fast alle noch immer nicht être und avoir unterscheiden konnten, schleuderte ich fortan nonchalant den Subjonctif aus den Lyrics geklauten Zeilen durchs Klassenzimmer. Textsicher sänge ich mich also hier bereits in eine erste 90er-Ekstase. Il faut que tu saches!
Sowieso war dieses ganze Album eine absolute Offenbarung für mich. Ich verstand nicht alle Wörter und bei Weitem auch noch nicht alle Dinge des Lebens. Aber ich spürte, dass es zum Beispiel in diesem besungenen Ballett nicht um Ballett ging, sondern vielmehr um einen verheissungsvollen Tanz, den ich vielleicht auch sehr bald tanzen würde.
Und «Les Derniers Seront les Premiers»? Diese Zeilen hat Céline für mich geschrieben, für diesen unsicheren Böppel am Sporttag, der vor den Augen des ganzen Schulhauses beim Staffellauf bei der Stabübergabe den Stab fallen liess, um dann auf dem Heimweg dieses Trostpflaster zu hören.
Bei dem Teil, der klingt, als würd ein Hund jaulen (da-la-lililila-mdü-lilili-na-nanalilö, oben im Video bei Minute 31 ungefähr), da würde ich mitjaulen wie damals. Solange, bis aus Verzweiflung wieder Mut wird. Und jetzt hoch den Chardonnay, who-hooo!
Romantik-Video-Flashbacks
dank «Think Twice»
Erst mit dem Videoclip zu «Think Twice» erschien mir Céline Dion als sichtbare Person. Vorher war sie nur Ton. Jetzt: eine singende Frau in Bettlaken, einem Mann verfallen, der nicht nur dieselbe Frisur trug wie sie, sondern auch Latzhosen. Wie jeder Love Interest in einem Video zu dieser Zeit musste er hart, aber sinnlich in einem Atelier irgendwas erschaffen (waren es Eisskulpturen?).
Es war erst später, als uns Hits beibrachten, dass, wenn einer nicht will, wir gscheiter auch nicht wollen sollen. Damals aber brüllte man sich die Männer mit aller Inbrunst wieder zu sich zurück. Und sie kamen! Jeans in Jeans und (nach einer maskulinen Runde in einem Gefährt über Kies) geläutert, bereit für die Liebe.
Empathisches Mitleiden
bei «All by Myself»
Wie eine frisch Geschiedene sang ich 1996 dann dieses Cover an den grossblumigen Duschvorhang meiner Mutter. Klar, niemand trifft die Töne dieses Lieds wie Céline ...
...aber gefühlt hab ich den Song mindestens so sehr wie sie – und alle anderen Frauen, die damals auch unter einer Dusche standen und den Umstand beweinten, ganz allein zu sein in diesem Leben (ausser dass ich zu diesem Zeitpunkt weit entfernt von frisch geschieden oder allein war, sondern vielleicht grade einfach mal zwei Wochen nicht wusste, mit wem ich als nächstes zusammen sein könnte).
Dann übernahmen Alternative Rock und Grunge mein Leben und Céline begegnete ich nur noch ab und an auf einem Passagierdampfer oder einer «Kuschelrock»-CD.
Erst die Doku «I Am: Céline Dion» brachte uns 2024 wieder zusammen. Ich schaute mit heruntergeklappter Kinnlade, wie diese Frau kämpfte, wie schonungslos offen und ungeschönt sie sich zeigte, unmittelbar betroffen von ihrer Krankheit, aber auch selbstbewusst und stolz, wohl wissend, was für eine Ikone sie ist.
Und was mich fast noch mehr berührte, waren die unkommentierten Nebenrollen: dieser maximal überfütterte Hund und die beiden Söhne, deren Gesichter man vor lauter Frisur und Bildschirmen gar nie sah und die in zu halben Töffs umgebauten Sitzen in ihren Games versanken. Als würd sie den frühen Verlust des Vaters der Kinder fast etwas zu arg wiedergutmachen wollen. Aber alles auch nachvollziehbar, so aus Muttersicht.
Und dass sie jetzt tatsächlich fit genug ist für ein Comeback und der Eiffelturm lila leuchtete und ihren Namen trug, während da stand «Je suis prête». Es ist so gut: Ich will dieser Frau applaudieren!
Drum schnell zu meinem Allerlieblingslied von ihr:
Ironie off, Romantik on
«Tout l‘Or des Hommes»
Dieses Lied schreit in meinem Empfinden am schönsten, was viele Céline-Dion-Songs schreien: Kein Gefühl ist unnötig, nichts ist einfach nur nichtig, alles darf auch riesig, und das wird hier jetzt gefühlt und besungen.
Eine kloine Krankheit von uns Millennials ist die permanente Ironie. Etwas einfach nur ernst meinen, etwas wirklich wollen, Liebe ganz und gar zulassen.Das finden wir gar nicht immer so einfach. Selbst wenn wir es fühlen, geben wir es zu?
Ne vaut plus rien
Si tu es loin de moi.»
Und da schafft Céline Abhilfe. Sie liebt und vermisst in ihren Liedern so bedingungslos und romantisch und nimmt uns einfach ungefragt mit. Und wir können so tun, als könnten wir gar nichts dafür.
Spätestens ab hier würde ich am Konzert wohl nur noch heulen, jaulen und mit den Armen wedeln.
Heimliche Sehnsüchte
It's All Coming Back to Me Now
Etwas wollen, was man nicht wollen soll und das daraus resultierende, heimliche Verlangen: Das ist Peak-Content für Balladen, und all das ist dieser Song. Unlängst spielten wir ihn an einer Frauenparty und ich schwöre, die Wände haben gezittert, weil alle so laut mitgesungen haben. An diesen Moment würd ich im Herbst zurückdenken. Und vielleicht noch an das eine oder andere Ding, das man nicht wollen soll.
Und jetzt muss ich sofort aufhören, weil sonst habe ich gleich einen Infarkt vor lauter Reinsteigererei. Und ich halte es am End doch nicht aus, nicht hinzugehen. Aber bis wir im Artikel hier unten angelangt sind, werden alle Vorverkaufstickets längst vergriffen sein. Morgen dann die einzige Chance auf reguläre Tickets.
To all those who celebrate the hype:
Viel Glück! 🍀
O.
PS: Was mich schon auch immer tröstet, ist die Tatsache, dass wenn man sich doch mit sechs Leuten zum Abendessen verabredet, am End ja sicher immer jemand doch nicht kann. Auf 600'000 erfolgreiche Ticketkäufer:innen umgerechnet würde das bedeuten, dass dann immerhin 100'000 doch nicht zum Konzert können und ihr Ticket später noch loswerden müssen.
