Wer ist eigentlich Markus Odermatt?
In den Bussen wird man von sich drehenden Menschen mit Skiern auf den Schultern erschlagen, Väter mit klebrigem Weiss in den Mundwinkeln plärren den nächsten Halt in die zusammengepferchte Mitfahrmenge, die irgendwo ihre schnudernasigen Kinder enthält, draussen aus den Boxen ballern die aktuellen Hütten-Hits, ein Handschuh ist runtergefallen, alles sucht die Sonne, alles ruft von Allmen! Odermatt! Ovosport! Und ich stehe hier, mittendrin wie ein Alien und bete, dass heute niemand umgefahren wird.
Warum wollen wir das?
Die Frage, weshalb Familien für all das freiwillig ihr Portemonnaie auskippen und ihren Mental Load exponentiell vervielfachen, raubt mir den Schlaf. Die Ausrüstung! Die Anreise! Die Wetterabhängigkeit! Das ganze huere Gstellage? Und trotzdem stehe ich jetzt auch hier und neben mir zwei Kinder, die sich auf die Skischule freuen, während ich einfach nur versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie froh ich bin, dass ich nur am Rand stehen (und nicht durchdrehen) muss — in bequemen, warmen Schuhen.
Wenigstens das. Denn in diesen kastigen Skischuhen fühle ich mich ab der ersten Sekunde wie eine zum Menschen mutierte schiefe Zahnstellung, die mit aller Kraft korrigiert werden soll. Ich kann weder in Skischuhen gehen, geschweige denn Bretter daran befestigen und damit irgendwohin fahren. Ich kann eigentlich noch nicht mal schlitteln. Alles hier macht mir Angst und Beklemmung: der Übermut der anderen, die Höhe des Sessellifts, das Stehenbleiben der Gondel über den Baumwipfeln, der stinkende Chäsbrätel.
Ich muss hier nichts ausser begleiten, aber trotzdem immer schauen, dass ich nicht gleich anfange zu weinen.
Ich gebe jetzt den Kindern einen halbmunteren Kuss und sie in die Hände einer übermotivierten Skilehrperson mit zwei Prozent Körperfettanteil und setze mich mit meinen gefühlt anderen 98 Prozent wartend an den Pistenrand. Mein Selbstwert ist im Tal.
Leben: ganz bitzli Ponyhof
Dabei ist es ja eigentlich so: Man wird geboren, es ist schön, dann irgendwann passiert bitz öppis, man entwickelt nebst Stärken und Vorlieben auch Ängste und Abneigungen, überwindet mit ein bisschen Glück viele davon und steht dann irgendwann so halb erwachsen mit einem Dosengetränk in der eigenen Wohnung und merkt: Cool, eigentlich kann ich in diesem Leben recht viel selber bestimmen. Wenn ich mir um Mitternacht selbst ein kleines Tattoo stechen und nochmals von vorne mit «Breaking Bad» anfangen will, dann kann ich das tun.
Und Vieles von dem, was ich nicht kann und mag, kann ich auslassen: Ich muss keinen Halbmarathon rennen und meine Ablageschublade mit Ablageschublade beschriften. Und wenn ich möchte, kann ich sogar ein Leben ohne Valentinstagsgeschenk und Glettibrett leben, ohne dass da irgendjemand etwas gross dagegen hat.
Nur etwas verzeiht dir in diesem Land niemand: die Wintersportverweigerung. Wer bei Fondue, Skiplausch und Bergsonne vor Freude nicht anfängt zu hyperventilieren und sofort sein Halbtax poliert, ist suspekt und/oder hat Migrationshintergrund (geht gut auch Hand in Hand).
Und trotzdem machte ich mutig, was man eben machen kann, wenn man endlich gross ist: Ich ertrug die fragenden Blicke und die entrüsteten Gesichter und ging einfach nicht mehr mit, sobald ich selbst entscheiden durfte: in kein Skilager, zu keinem Teamausflug in die Berge, in kein süsses Cottage mit Freundinnen für ein Schneewochenende, nichts.
So verpasste ich wohl den ein oder anderen schönen Moment und sicher auch die Möglichkeit, in eine sportliche Schweizer Familie einzuheiraten, aber das nehme ich gern in Kauf.
Über den Sonnenbrillenrand beobachte ich kurz meine Kinder. Die ganze Zeit fürchte ich, dass sie gleich merken, was ich ihnen hier antue. Aber sie lachen noch immer.
Woher der Winterferienhass?
Meine Beziehung zum Skifahren gehört in dieselbe Schublade wie die von Gil und Ariel (fing ungut an und wird auch so bleiben). Bevor meine Eltern sich trennten, durften mein Bruder und ich drum immer entscheiden, ob wir in den Sportferien das Lehrermami ins Skilager begleiten oder lieber daheim bleiben mit dem Vater und seinem ganzen Zimmer voller VHS-Kassetten (guess what, wir schauten lieber neun Mal «Ein Prinz aus Zamunda» als nach Andermatt zu fahren, um dort von einem im Bügellift verhedderten Skistock eine Piste hochgeschleift zu werden).
Für Schweizer Verhältnisse begann ich also spät mit der Skischule. Ich war zwölf und mein Körper aber vom Volumen her schon ungefähr das, was er jetzt ist, und all dies steckte in einem lachsfarbenen Overall mit zu eng geschnittenen Hosenbeinen und Wolfsmotiv am Oberkörper.
In diesem Aufzug stakste ich also in die Anfängergruppe; dem hiesigen Standard entsprechend mit alles nur knapp 3-jährigen Schweizer Buben und Mädchen, weil für sie «isch das ja scho z’Aalter wasch z’Schgiifaaru ändlich richtig därfend leeru». Natürlich waren alle mutiger, weniger verklemmt und entsprechend besser als ich, der pubertäre Lachsbömbel mit Panik in den Augen.
Besser hätte ich, zumindest von der Grösse und den sexuellen Interessen her, zum Skilehrer gepasst. Dieser wollte aber auch keinen Flirt mit einer ungefügen Brünetten, die bei jedem Stemmbogen in der Kurve kippte und kardashianesk zu weinen anfing, weil alles einfach so unmöglich und peinlich war. Eine Woche lang musste mich dieser permanent Trockenfleisch essende Walliser Jüngling von vermutlich knapp 51 Kilo immer und immer wieder aus dem Schnee hieven, während die Kleinen unten auf uns warteten. Die ersten zwei Tage tat er dies noch lachend und mir schelmisch zuzwinkernd, gegen Ende der Woche stillschweigend, noch nicht mal mehr das Aufstossen vom auf dem Sessellift gesnackten Beef Jerky verbergend.
Nie schaffte ich den Absprung von diesem demütigenden Gefühl, und mit jedem Meter über Meer, dem ich einem Bergdorf näherkomme, kommt es wieder. Sofort hasse ich wieder alles. Das Anstehen. Die Kälte. Die vermaledeiten Drehkreuze. Die Scanner, die jedes, aber nicht mein Billett in der Brusttasche erkennen. Die Ungeduld hinter mir. Und die Vorfreude der anderen, die es kaum abwarten können, gleich in der Kälte auf zwei Brettern an den Füssen einen Hang hinunterzufahren, den man gar nicht hinunterfahren bräuchte, wenn man nicht extra hochführe. Das gleicht alles einem höhnischen Lachen des Universums.
Plötzlich Ponyhofpause
Aber eben, wie anfangs gesagt. Man freundet sich an mit den Tücken des Lebens, lernt ihnen auszuweichen oder sie zu bezwingen und dann ist eine Weile lang alles gut (vergleichbar mit: du kannst gehen). Aber dann, irgendwann und vielleicht, gründet man eine Familie und plötzlich ist alles wieder anders (vergleichbar mit: Man stellt dich oben an eine schwarze Piste und schubst dich).
Nix Dosengetränk, Tattoo und «Breaking Bad» und einfach nicht mehr in den Schnee, nur weil er dir nicht gefällt. Du für dich kannst schon entscheiden, dass du dem verweigerst. Aber deinen Kindern das Skifahren nicht zeigen, HIER, IN DER SCHWEIZ!? Das darfst du nicht, Habibi. Und natürlich willst du auch gar nicht, dass sie mit 12 auch im Schnee liegen und darauf warten müssen, dass Beef Jerky sie rettet.
Ihnen das Skifahren vorzuenthalten wäre also genauso unnötig tollkühn wie ein Gespräch beim Warten am Skilift zu unterbrechen und zu fragen, wer eigentlich dieser Markus Odermatt sei. Kann man machen, ist aber nicht empfehlenswert, weil: guck mich an.
Jetzt liegt auf der Piste eins der Kinder umgekippt und ein Ski rutscht talswärts davon, in Richtung meines Selbstwerts. Ich möchte hinrennen und es retten. Aber das soll man ja nicht. Vielleicht wurden genau für solche Momente grosse Sonnenbrillen und Kafi Baileys erfunden. Und so drehe ich mein Gesicht Richtung (irgendein) anderer Berg und weine vielleicht ein paar Tränen in meine Brille. Dass alles mal endet, im guten wie im schlechten Sinne, das wissen wir ja spätestens seit «Fleabag». Und daran halte ich mich.
Dir nun noch ganz viel Spass im oder ohne Schnee und einen schönen Valentinstag, mit oder ohne Geschenk,
Oli
PS: Kommentare sehe ich wegen Tränen nur die netten, please forgive me.
