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Erst mal essen: Meine Reise mit den zwei Lastwagen-Chauffeuren Lei Feng (links) und Li dauerte ... sehr lange. Und ich kam nicht wirklich weit.
Erst mal essen: Meine Reise mit den zwei Lastwagen-Chauffeuren Lei Feng (links) und Li dauerte ... sehr lange. Und ich kam nicht wirklich weit.Bild: Thomas Schlittler
Per Autostopp um die Welt

Erdnussmilch und Betonklötze: Warum ich für 200 Kilometer geschlagene 45 Stunden brauchte 

11.06.2016, 09:5011.06.2016, 11:17
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
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In der Schweiz arbeiten viele schlaue Köpfe, die dafür sorgen, dass Schweizer Unternehmen der internationalen Konkurrenz eine Nasenlänge voraus sind. Aber wie ist es mit den so genannt einfachen Jobs? Sind in der Schweiz auch Putzfrauen, Verkäuferinnen, Kellner und Lastwagenfahrer produktiver?

Putzen ist Putzen und Lastwagenfahrer transportieren überall auf der Welt einfach ihre Ware von A nach B – könnte man meinen. Dass dem nicht so ist, wurde mir diese Woche in China eindrücklich vor Augen geführt.

Das kann nicht nur Pech sein: Drei  Mal geraten wir mit unserem Lkw in eine Sackgasse und müssen umdrehen.
Das kann nicht nur Pech sein: Drei  Mal geraten wir mit unserem Lkw in eine Sackgasse und müssen umdrehen.Bild: Thomas Schlittler

Der erste Unterschied ist, dass in China – wie auch in vielen anderen Ländern – meist zwei Chauffeure in einem Lastwagen sitzen. In der Schweiz wäre das aus Kostengründen undenkbar.

Doch dass Li und Lei Feng zu zweit unterwegs sind, verhindert nicht, dass sich die Fahrt in ihrem Lkw zu einer wahren Odyssee entwickelt. Die beiden wollen Tausende Liter Erdnuss-Milch ausliefern. Die Strasse, die sie zu ihrem Kunden führen soll, ist jedoch für Lkws gesperrt.

Auch hier – wer hätte es gedacht! – kommen wir nicht weiter.
Auch hier – wer hätte es gedacht! – kommen wir nicht weiter.Bild: Thomas Schlittler

Wir machen deshalb einen 15 Kilometer langen Umweg – nur um dann vor zwei Steinklötzen zu stehen, welche die Durchfahrt unseres Lkws verhindern.

Zuerst halte ich es für Pech. Im Verlaufe der nächsten Stunden merke ich aber, dass es mehr mit Planlosigkeit zu tun hat: Kurz nachdem wir die Milch abgeliefert haben, fahren wir erneut in eine Lkw-Sackgasse. Ein halbe Stunde später dürfen wir nur passieren, weil wir den Checkpoint-Verantwortlichen mit zwei Päckchen Zigaretten schmieren. Und einmal kommen wir lediglich weiter, weil es Lei Feng gelingt, unseren Lkw in Milimeterarbeit zwischen zwei Steinklötzen hindurch zu zirkeln.

Die Erdnussmilch ...
Die Erdnussmilch ...Bild: Thomas Schlittler

Wieso sich die beiden mit ihrem Lkw immer die kleinsten Strassen aussuchen, bleibt mir ein Rätsel. Vielleicht halten sie die Schleichwege für Abkürzungen. Vielleicht wollen sie aber auch die Hauptachsen vermeiden, weil dort Mautgebühren anfallen.

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Trotz der Irrfahrt entscheide ich mich, die Nacht bei den beiden in der Fahrerkabine zu verbringen. Denn sie haben mir angeboten, dass ich am nächsten Tag mit ihnen 750 Kilometer Richtung Nordosten fahren kann.

Das Abladen dauert fast drei Stunden.
Das Abladen dauert fast drei Stunden.Bild: Thomas Schlittler

Die ersten 200 Kilometer, bis zu dem Ort, wo wir die neue Lieferung aufladen sollen, machen wir noch am selben Abend. Dann übernachten wir irgendwo am Strassenrand. Am nächsten Morgen steht aus irgendeinem Grund jedoch keine Fracht für uns bereit. Wir sitzen deshalb den ganzen Morgen im stehenden Lkw.

Erst nach dem Mittagessen geht es endlich weiter – nach nur zehn Kilometern fährt Lei Feng in einer Kleinstadt aber bereits wieder rechts ran. Kurz darauf verschwindet er in einem Game-Shop, Li und ich warten in der Fahrerkabine auf einen neuen Auftrag. Eine Stunde, zwei Stunden – den ganzen Nachmittag.

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Mitternachts-Snack an einer Tankstelle.
Bild: Thomas Schlittler

Beim Abendessen frage ich Li mithilfe der Übersetzungs-App, ob es häufig vorkomme, dass sie einen ganzen Tag wartend am Strassenrand verbringen. «Ja», antwortet er. Es scheint, als könne er daran nichts Ungewöhnliches erkennen. Nachdem wir gegessen haben, holen wir noch etwas zum Mitnehmen für Lei Feng. Er ist nach wie vor im Game-Shop, wo er die letzten zehn Stunden verbracht hat – und noch bis tief in die Nacht hinein bleiben wird.

Vor dem Einschlafen will ich von Li wissen: «Aber morgen gehen wir doch weiter Richtung Nordosten?» Er nickt. «Kannst du es garantieren?», hake ich nach. Er nickt wieder. «Hundertprozentig?», frage ich ein drittes Mal.

Erneute Zustimmung. Ich bin beruhigt, sage ihm aber noch: «Wenn du nicht sicher bist, musst du es mir sagen. Dann muss ich morgen eine andere Mitfahrgelegenheit finden.» Denn ich kann momentan keine Zeit verschwenden, in ein paar Tagen muss ich die Fähre nach Südkorea erwischen.

Meine Fahrer schlafen ...
Meine Fahrer schlafen ...Bild: Thomas Schlittler

Um acht Uhr wache ich auf in der Überzeugung, dass wir gleich losfahren. Doch Lei Feng ist bereits wieder im Game-Shop und Li zieht sich auf seinem Smartphone den x-ten Film rein. Aufbruchstimmung sieht anders aus.

Hast du eine Etappe verpasst? Hier findest du sie alle:

Ich hole deshalb meinen Rucksack von der Ladefläche und will ohne die beiden weiter. Als Li das sieht, tippt er ins Smartphone: «Am Mittag fahren wir ab.» Ich bin hin- und hergerissen, nachdem mir aber Lei Feng im Game-Shop dasselbe sagt, vertraue ich schliesslich auf ihr Versprechen.

... oder gamen.
... oder gamen.Bild: Thomas Schlittler

Um zwölf Uhr kommt Lei Feng dann tatsächlich aus seiner Spielhöhle. Wir gehen Mittagessen und dann geht's ab in den Lkw – für ein Mittagsschläfchen. Eine Stunde gestehe ich den beiden noch zu, dann wecke ich sie auf und frage ungeduldig: «Jungs, ihr habt gesagt, wir fahren am Mittag los.» Doch die beiden machen keine Anstalten, ihren Schlaf zu beenden.

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Also hole ich erneut meinen Rucksack von der Ladefläche und verabschiede mich. 45 Stunden habe ich mich von den beiden hinhalten lassen, dabei sind wir nur 200 Kilometer weit gekommen. So viel unproduktive Zeit, das ist mir selbst zu blöd, wenn ich auf Reisen bin. Sie dagegen können nicht nachvollziehen, wieso ich es so eilig habe. Ihr Verhältnis zur Zeit ist völlig anders. Als ich ziemlich genervt wegtrotte, halte ich in meinem Kopf deshalb eine Lobesrede auf die Arbeitsmoral in der Schweiz – in allen Berufsgruppen!

Hier standen wir ziemlich genau 24 Stunden am Strassenrand.&nbsp;
Hier standen wir ziemlich genau 24 Stunden am Strassenrand. Bild: Thomas Schlittler

Weil es letzte Woche keine Bilder gab, hier eine Nachlieferung:

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8 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Toerpe Zwerg
11.06.2016 11:11registriert Februar 2014
Immer wieder schön zu lesen Deine Berichte.
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8
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