Die Schweiz kann im März 45'000 Arbeitsplätze schaffen und eine Ungleichheit beseitigen
Ob sich ein Paar für oder gegen eine Heirat entscheidet, ist eine persönliche Entscheidung. Der Staat muss das Privatleben respektieren und daher vermeiden, Haushalte steuerlich dafür zu bestrafen, dass sie sich für oder gegen eine Ehe entschieden haben. Das heutige Steuersystem macht es jedoch unmöglich, die Diskriminierung zwischen verheirateten Paaren und Konkubinatspaaren aufzuheben.
Die Individualbesteuerung ist der einzige Mechanismus, der die Beseitigung jener Diskriminierungen gewährleisten kann – ohne neue zu schaffen. Denn bei der Individualbesteuerung stellt sich nur die in unserer Verfassung verankerte Frage: Wie hoch ist die Steuerkraft des Steuerpflichtigen? Mit anderen Worten: Jede und jeder wird nach seinen finanziellen Mitteln besteuert. Ganz unabhängig davon, ob die Person verheiratet ist oder nicht.
Vorurteile ablegen und verstehen
Wie ist es möglich, dass die Individualbesteuerung dieses Problem löst? Dazu muss zuerst verstanden werden, wie die Steuerprogression funktioniert. Und es muss mit einem alten, völlig falschen Glauben über die Steuerberechnung aufgeräumt werden.
Röstibrücke
Jeden Sonntagmorgen lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.
Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP) und die QoQa-Otte.
Viele Menschen glauben, dass man mit steigendem Einkommen Gefahr läuft, in eine höhere Steuerstufe zu rutschen, sodass die Steuern so stark ansteigen und es sich dementsprechend nicht mehr lohnt, mehr zu verdienen.
Das ist unmöglich, denn selbst Personen mit den höchsten Einkommen profitieren immer noch von den niedrigen Steuersätzen der untersten Einkommensstufen.
Das System funktioniert wie folgt: Wir zahlen Steuern nicht mit einem pauschalen Steuersatz, der auf das gesamte Einkommen angewendet wird. In Wirklichkeit wird jeder verdiente Franken unterschiedlich besteuert. Der erste verdiente Franken wird mit 0 % besteuert. Danach gilt: Je mehr Geld wir im selben Jahr verdienen, desto höher wird der Steuersatz auf jeden zusätzlich verdienten Franken.
Bei einem hohen Einkommen wird beispielsweise jeder zusätzlich verdiente Franken mit 30 % oder sogar mehr besteuert. Allerdings erreicht dieser Steuersatz niemals 100 % (und auch nicht 50 %). Das bedeutet also zweierlei:
- Selbst wenn Sie in einem Jahr eine Million Franken verdienen, werden die ersten paar Tausend Franken Ihres Einkommens mit 0 % besteuert.
- Selbst wenn Sie eine Million Franken verdienen – und noch einen Franken mehr, fliesst der grösste Teil dieses Geldes in Ihre eigene Tasche, auch wenn der Steuersatz für diesen zusätzlichen Franken hoch ist.
Das aktuelle Problem der Ehe
Wenn man heiratet, werden nach dem derzeitigen System die zwei Einkommen zusammengefasst. Auf die addierten Einkommen wird nur ein Steuertarif angewendet. Dieser Steuertarif ist immer günstiger als der individuelle Steuertarif, da er für zwei Personen gilt.
Wenn derselbe Betrag zum Leben verfügbar ist, aber mehr als eine Person im Haushalt lebt, ist die Beitragsfähigkeit geringer und das berücksichtigt der Steuertarif. Allerdings profitiert das Paar rein rechnerisch nur einmal vom niedrigeren Einkommensanteil, der gar nicht oder nur gering besteuert wird.
So zahlt also eine verheiratete Person mit hohem Einkommen – beispielsweise 150’000 Franken – weniger als 16 % Steuern gemessen am Bruttoeinkommen (23’500 Franken). Der Grenzsteuersatz, also der Steuersatz auf das zusätzlich erzielte Einkommen, beträgt in dieser Höhe jedoch 30 %. Also muss die zweite Person des Paares, wenn sie auch erwerbstätig ist, 30 % Steuern auf ihr Einkommen zahlen, auch wenn dieses extrem niedrig ist.
Was die Individualbesteuerung ermöglicht
Paare mit zwei Einkommen verlieren heute durch die Heirat steuerlich: Das zweite Einkommen wird mit einem extrem hohen Steuersatz besteuert, während das erste Einkommen von einem sehr günstigen Steuertarif profitiert. Die Individualbesteuerung schafft finanzielle Anreize für das Modell, bei dem nur eine Person berufstätig ist – auch wenn dieses Modell bei verheirateten Paaren heute nur etwa 2 % der Haushalte betrifft.
Mit der Individualbesteuerung gilt: Selbst wenn eine Person im Paar 150’000 Franken verdient, beträgt der Steuersatz auf die ersten Franken des zweiten Einkommens 0 % – so, als wären die beiden nicht verheiratet. Zusätzliche 50’000 Franken Einkommen sind also nicht mit einer sehr hohen Steuerbelastung verbunden, und der Anreiz, auch in Teilzeit zu arbeiten, ist derselbe wie bei unverheirateten Paaren.
Keine Diskriminierung und mehr Arbeitsplätze
Darüber hinaus benachteiligt das System der Individualbesteuerung auch Paare im Konkubinat nicht: Ein Paar, das nicht heiraten möchte, aber zusammenlebt, wird genauso behandelt wie ein verheiratetes Paar. Die Individualbesteuerung ist die einzige Lösung, mit der Diskriminierung in beide Richtungen verhindert werden kann.
Wenn beide Personen eines Paares für die ersten Einkommensstufen von einem niedrigen Steuersatz profitieren, würden laut Angaben des Bundes rund 45’000 Vollzeitstellen entstehen, während wir heute wissen, dass wir auf qualifizierte lokale Arbeitskräfte verzichten.
Diese zusätzlichen Arbeitsplätze würden die für die am 8. März zur Abstimmung kommende Reform erwarteten Steuerausfälle kompensieren (diese Steuerausfälle erklären, warum nur 16 % der Bevölkerung schlechter gestellt wären, während die Mehrheit im neuen System profitieren würde).
Natürlich muss Gleichstellung auch durch andere Massnahmen erreicht werden, etwa durch ausreichend verfügbare und bezahlbare Kita-Plätze. Aber die individuelle Besteuerung ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung: mehr Freiheit im Privat- und Berufsleben, mehr Gleichstellung und ein Anreiz, unabhängig vom Familienstand eine Karriere zu verfolgen – wenn man dies möchte.
- (Fast) alle gegen die SVP: 2026 wird ein heisses Schweizer Politikjahr
- Zurück zur Normalität? Schon die nächste Abstimmung wird kompliziert
- Befürworter der SRG-Initiative fordern finanzielle Entlastung
- «Es geht darum, die SRG zu demontieren»: So warnt Wille vor der Halbierungsinitiative
- Nationalrat empfiehlt Heiratsstrafen-Initiative zur Ablehnung
- Allianz reicht Referendum gegen Individualbesteuerung ein
- Diese 7 Bücher, Podcasts und Dokus wollen dich reich machen
