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Per Autostopp um die Welt

Innsbruck-Bratislava: Er ist wohl einer dieser «bösen» Arbeitsmigranten und sein BMW braucht alle zehn Minuten eine Pause

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Per Autostopp um die Welt – Etappe 2
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Per Autostopp um die Welt

Innsbruck-Bratislava: Er ist wohl einer dieser «bösen» Arbeitsmigranten und sein BMW braucht alle zehn Minuten eine Pause

Es geht weiter: In der zweiten Woche meiner Autostopp-Welttournee reise ich von Innsbruck nach Bratislava und lerne Benes kennen. 
13.06.2015, 10:5216.07.2015, 17:22
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
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«Ich muss schon wieder anhalten», entschuldigt sich Benes in gebrochenem Deutsch. Wir befinden uns im Südwesten Tschechiens, wenige Kilometer vor Český Krumlov, dessen Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. 

Die zweite Etappe: Innsbruck - Bratislava

Alles zur ersten Etappe

Es ist bereits der dritte Halt, seit mich der 22-Jährige mitgenommen hat in seinem BMW 316i, der über 256‘000 Kilometer unter den Reifen hat und nur mithilfe eines Schraubenziehers startet. Der überhitzte Motor bringt das Kühlwasser zum Kochen, nach zehn Minuten Fahrt müssen wir deshalb jeweils eine gleich lange Pause einlegen.

«Ich habe immer Probleme mit Autos», sagt der junge Tscheche und zieht an seiner Zigarette. Den BMW hat er vor einem halben Jahr für 700 Euro gekauft, seither sind über 2000 Euro für Reparaturen hinzugekommen. 

Bis vor zwei Wochen hätte Benes auch das neuste Wehwehchen reparieren lassen können: Er arbeitete als Gabelstaplerfahrer in einer Logistikfirma im oberbayrischen Freilassing, nur zweieinhalb Autostunden von hier entfernt, und hatte mit 16 Euro pro Stunde einen anständigen Lohn. 

Arbeitsbeginn 7 Uhr, Feierabend zwischen 22 und 24 Uhr. Stundenlohn: 2 Euro. Inklusive Trinkgeld verdient er so 700 bis 800 Euro monatlich.

Doch dann wurde seine Firma verkauft und er verlor seinen Job. Weil er in Deutschland und Österreich nichts Neues fand, ging er nach Tschechien zurück. Jetzt arbeitet Benes hier in einem grossen Hotel als Kellner. 

Arbeitsbeginn 7 Uhr, Feierabend zwischen 22 und 24 Uhr. Stundenlohn: 2 Euro. Inklusive Trinkgeld verdient er so 700 bis 800 Euro monatlich. In Bayern kam er auf 2200 Euro pro Monat – obwohl er täglich nur halb so lange arbeiten musste. Mit 200 Euro ist die Miete in Tschechien zwar günstiger als in Deutschland, dennoch ist für Benes klar: «Zwei Euro – das geht nicht.» Benes sagt das ganz nüchtern, jammern ist ihm fremd. 

In seinen ehrlichen dunklen Augen ist jedoch Trotz zu erkennen. Er will alles dafür tun, dass sich seine Situation verbessert. Das heisst, er will möglichst schnell wieder einen Job in Westeuropa finden. 

Benes ist es gewohnt, auf sich alleine gestellt zu kämpfen: Mit drei Jahren kommt er ins Heim, seine Eltern lernt er nie kennen. Seine einzige Bezugsperson ist seine ältere Schwester. Viele wären unter solchen Umständen wohl längst zu abgestumpften Egoisten verkommen. Nicht so Benes. Statt nur die 8 Kilometer bis zu seinem Wohnort fährt er mich 36 Kilometer bis Český Krumlov – und das, ohne etwas dafür zu wollen. 

Benes hätte mehr Bewunderung verdient als so mancher, der mit einem fabrikneuen BMW durch die Strassen kurvt, mit dem man nicht alle zehn Minuten eine Pause einlegen muss.

Das Träumen hat Benes ebenfalls nicht verlernt: Er will Pilot werden. Bis in zwei Jahren werde er die 4000 Euro, die es in Tschechien für die Ausbildung brauche, zusammen haben, ist er überzeugt. Auch Englisch – Voraussetzung als Pilot – will er bis dahin sprechen. Er versucht deshalb, einen Job in England oder den USA zu finden. 

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Ich werde traurig, wenn ich an die abschätzigen Blicke denke, die Benes dort erwarten. Er wird einer dieser bösen Arbeitsmigranten sein – gerade so geduldet, selten geschätzt, nie bewundert. Dabei hätte Benes mehr Bewunderung verdient als so mancher, der mit einem fabrikneuen BMW durch die Strassen kurvt, mit dem man nicht alle zehn Minuten eine Pause einlegen muss.

Den ersten Teil verpasst? Hier lesen!

Per Autostopp um die Welt: Die erste Etappe von Winterthur nach Innsbruck in Bildern

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Würde sich uns der wahre Gott offenbaren, könnte viel Elend vermieden werden
Obwohl es keinen Gottesbeweis gibt, glauben alle Religionen, Glaubensgemeinschaften und Sekten, den wahren Gott und seine Heilsideen gefunden zu haben.

Der religiöse Kosmos ist ein riesiger Flickenteppich. Hunderte von Religionen, Tausende von Glaubensgemeinschaften und Zehntausende von Sekten sind auf der Jagd nach den wahren spirituellen oder religiösen Lehren oder Konzepten. Oder nach dem einzig wahren Gott, den wahren Göttern. Das Resultat ist eine übersinnliche Kakofonie der besonderen Art.

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