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epa05574178 Nobel Peace Laureate Archbishop Emeritus Desmond Tutu reacts during a church service in celebration of his 85th birthday at St. Georges Cathedral in Cape Town, South Africa, 07 October 2016. One of South Africa's most respected elders and social rights activist was instrumental in the deconstruction of apartheid and the formation of the Truth and Reconciliation commission. Archbishop Tutu celebrated his 85th birthday with a service at the iconic Cape Town Cathedral. The retired Anglican bishop rose to worldwide fame during the 1980s as an opponent of apartheid and was the first black Archbishop of Cape Town.  EPA/NIC BOTHMA

Desmond Tutu bei seinem 85. Geburtstag. Bild: Keystone

Sektenblog

Nobelpreisträger Desmond Tutu gesteht einen Sinneswandel und propagiert Sterbebegleitung



Manche Geistliche neigen dazu, sich in geistige Sphären zu flüchten, statt sich der Alltagsrealität zu stellen. Deshalb suchen sie die heile Welt gern in ihrem Studierzimmer. Verständlich, sind sie doch Experten in Spiritualität und Botschafter Gottes auf Erden.

So erhält man oft den Eindruck, sie seien schon im Diesseits dem Himmel näher als den irdischen Gefilden. Das profane Leben voll Hass, Gier und Leiden hienieden könnte ihnen den Spass an den spirituellen Freuden verderben.

Manchmal waren ihm die Menschen wichtiger als Gott

Wenig Verständnis für das schöngeistige, pfarrherrliche Gebaren hat der südafrikanische Bischof Desmond Tutu. Die Not der Menschen war ihm stets wichtiger. Da musste Gott auch einmal zurückstehen.

Der rebellische anglikanische Bischof, der eben 85 Jahre alt geworden ist, wehrte sich fortwährend gegen die Sektentendenzen in seiner Kirche und legte sich unerschrocken mit den Mächtigen dieser Welt an. Mutig prangerte er alle an, denen es primär um Macht und Reichtum ging.

Desmond Tutu war Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission und erhielt den Friedensnobelpreis.

Die Menschenrechte waren ihm oft wichtiger als die kirchlichen Gebote und Interessen. Seine Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit war so gross, dass er nach dem Zusammenbruch des Apartheidregimes Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde. Schon 1984 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Anglican Archbishop Emeritus Desmond Tutu smiles during a church service at the St. George's Cathedral as he celebrates his 85th birthday in Cape Town, South Africa, Friday, Oct. 7, 2016. (AP Photo/Schalk van Zuydam)

Bild: AP

Auch im hohen Alter ist ihm die Erde immer noch näher als der Himmel. Als die afrikanischen Bischöfe Lesben und Schwule verteufelten, wurde er fuchsteufelswild und sagte, er werde sich weigern, in einen homophoben Himmel einzuziehen. Frei nach dem Motto: Lieber ein Pakt mit dem Teufel als mit den verlogenen Geistlichen im Himmelschor zu singen.

Nun setzte der kranke Desmond Tutu noch einen drauf. In einem Artikel in der «Washington Post» gestand er einen Sinneswandel, der die schöngeistigen Kleriker einmal mehr in Rage bringt.

Bis vor kurzem war er nämlich strikt gegen die Sterbebegleitung. Die Erfahrungen seines eigenen langjährigen Leidens veränderten seine Einstellung. Deshalb schrieb der südafrikanische Bischof im Artikel, er habe sich stets für die Würde der lebenden Menschen eingesetzt. Jetzt, kurz vor dem «Abflugtermin» – so Tutu wörtlich – wolle er sich auch für die Würde der sterbenden Menschen einsetzen. Denn vielen Menschen sei ein würdevoller Tod vergönnt.

Desmond Tutu verkündet nun, er werde mit südafrikanischen und internationalen Organisationen zusammenarbeiten und das Recht auf das eigene Sterben propagieren. Denn für Patienten mit sehr starken Schmerzen sei ein «unterstützender Tod» eine grosse Erleichterung.

Die Geistlichen in ihren Studierstuben ärgern sich wohl grün und blau über ihren aufmüpfigen Kollegen. Doch eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass sie sich mit der Sterbebegleitung anfreunden können.

Wichtiger als das Leid der Menschen ist ihnen der fragwürdige biblische Leitspruch: Gott hat es gegeben, Gott wird es nehmen. Nämlich das Leben. Man könnte den Spruch auch auf das Leiden anwenden: Gott hat es gegeben, Gott wird es nehmen …
Diese Variante kommt aber selten bis nie vor.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.

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