Als ich klein war, verbrachte ich zusammen mit meinen drei Schwestern viele Wochenenden im «Hüttli» – einer kleinen Berghütte in den Glarner Alpen, die meinem Grossvater gehörte. Das eigentliche Highlight jedes «Hüttli»-Wochenendes war die Fahrt dorthin: Auf einer Strasse, die so aussah, als hätte man ein ausgetrocknetes Flussbett umfunktioniert, ruckelten wir in einem roten Jeep langsam den Berg hinauf. Dazu liess Opi auf unseren Wunsch hin gefühlte hundert Mal den Schweizer Klassiker «Losed si, Frau Küenzi» laufen.
Diese Kindheitserinnerungen kommen in mir hoch, als ich im Südwesten Georgiens bei Joseph und Aleko im Auto sitze. Ihr Jeep ist zwar weiss und statt «Losed si, Frau Küenzi» dröhnt georgische Volksmusik aus den Boxen – die Strasse könnte aber direkt aus dem Glarnerland importiert worden sein. Mit dem Unterschied, dass es sich hier um eine offizielle Verkehrsachse handelt, und nicht wie seinerzeit im Glarnerland um einen Waldweg, der in den hintersten Winkel eines kleinen Tals führt. Die Buckelpiste fordert ihren Tribut von Joseph und Alekos Jeep, ein Reifen muss ausgewechselt werden. Die beiden stellen das mit grösster Gelassenheit fest, es fällt kein Fluchwort – sie sind es sich offenbar gewöhnt.
Doch die miserablen Strassenverhältnisse sind nicht der einzige Grund, wieso ich das Ziel meiner ersten Tagesetappe in Georgien nicht annähernd erreiche. Zusätzlich sorgen unzählige Kuhherden dafür, dass ich für 120 Kilometer vier Stunden brauche. Die betont gelassenen Wiederkäuer sind die wahren Könige der georgischen Strassen, ihren Respekt vor hupenden Autos haben sie längst abgelegt.
Am Strassenrand sitzen alte Frauen, die Früchte, Kochtöpfe oder selbst gestrickte Wollmützen verkaufen. Die tiefen Falten in ihren Gesichtern zeichnen das Bild eines bewegten Lebens. In der Schweiz könnten sie längst ihre wohlverdiente Pension geniessen, hier in Georgien müssen sie wahrscheinlich bis zum letzten Atemzug schuften.
Georgien ist arm, mausarm. Gemäss dem Internationalen Währungsfonds liegt das Land beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf weltweit auf Rang 114, unmittelbar hinter Guyana, zwanzig Plätze hinter Namibia. Diese Armut erkennt man nicht nur anhand der Strassen, auch einige Häuser kann man kaum als solche bezeichnen. Und im Bergrestaurant, auf dessen Terrasse ich schlafen darf, hätte ich das Plumpsklo am liebsten nur nachts benutzt. Dann wäre ich davor verschont geblieben, einen ziemlich genauen Überblick zu erhalten, wie viele Leute hier in den letzten Stunden ihre Notdurft verrichtet haben – und um welche Art Geschäft es sich gehandelt hatte.
Kurz: Das Leben in Georgien ist anders, besonders auf dem Land. Die kleine Liana, die mich zusammen mit ihrem Onkel mitnimmt, wächst in dieser ärmlichen Umgebung auf. Sie ist für mich ein Teil dieser anderen, mir fremden Welt. Und deshalb trifft es mich wie ein kleiner Schock, als mich die Teenagerin vor dem Aussteigen fragt: «Bist du auf Facebook?» Da wird mir schlagartig bewusst, dass sie nicht nur das Leben in den georgischen Bergen kennt, sondern dank dem Internet ganz genau weiss, wie wir im Westen leben.
Auf Youtube sieht sie die glamourösen Auftritte westlicher Popstars, in amerikanischen Fernsehserien präsentiert man ihr ein Leben im Luxus. Diese Scheinwelt hat auch mit meinem Leben nichts zu tun. Aber für die kleine Liana ist der Unterschied viel grösser. Denn wenn sie den Blick vom Bildschirm abwendet, sieht sie wieder die brüchige Hauswand, das Plumpsklo, die holprigen Strassen und die dürren Bauern, die ein paar Kühe vor sich hertreiben.
Wie kommt sie mit diesen extremen Gegensätzen klar? Hat sie sich einfach daran gewöhnt? Hat sie gar keine Zeit, um darüber nachzudenken? Oder hat sie etwa bereits in ihrem jungen Alter kapiert, dass materieller Reichtum nicht das Wichtigste ist im Leben? Wegen der Sprachbarriere kann ich sie nicht fragen – aber sie wirkt unbeschwert und glücklich.