Ein fast perfekter Mazda – aber mit einem nervigen Makel
Der lang erwartete Nachfolger des Mazda 6 heisst 6e. Ein einfaches «e» signalisiert die lang erwartete elektrische Wende. Nach den gemischten Erfahrungen mit dem MX-30, dessen begrenzte Reichweite bemängelt wurde, schlägt der japanische Hersteller nun einen neuen Kurs ein.
Der Mazda 6e ist aus dem EZ-6 hervorgegangen, der in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Unternehmen Changan für den lokalen Markt im Reich der Mitte entwickelt wurde, und bleibt sowohl der Kodo-DNA als auch dem Erbe von Hiroshima treu.
Die Silhouette ist schlank, das Heck spitz zulaufend, und die bündigen Griffe und der aktive Spoiler deuten auf eine wirkungsvolle aerodynamische Optimierung hin. Die 4,92 m lange fünftürige Grossraumlimousine ist bis ins kleinste Detail auf Effizienz getrimmt und mit einer Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h darauf ausgelegt, Einbussen bei der Reichweite zu minimieren.
Die dynamische Lichtsignatur, die auch als Ladeanzeige dient, verleiht dem Mazda 6e einen willkommenen technologischen Touch.
Mazda 6e: Luxuriöses, voll digitalisiertes Interieur
An Bord präsentiert sich der Mazda 6e mit einem gepflegten Ambiente. In der Ausstattungslinie Takumi Plus sorgen Sitzbezüge aus Nappaleder und Veloursledernachbildung für eine selbstbewusste Premium-Atmosphäre, die durch ein zweiteiliges Panoramadach noch unterstrichen wird. Das Interieur wird jedoch von den Bildschirmen dominiert: einem grossen zentralen 14,6-Zoll-Bildschirm, ergänzt durch ein 10,2-Zoll-Kombiinstrument und ein Head-up-Display.
Insgesamt präsentiert sich das Interieur modern und gut integriert, jedoch hat sich Mazda für eine vollständig taktile Bedienung entschieden – bzw. diese von Changan übernommen –, entgegen zum Trend einer Rückkehr zu physischen Bedienelementen.
Ein Bedienkonzept mit Schwächen – trotz hochwertiger Verarbeitung und angenehmer Atmosphäre im Innenraum.
Platz und Komfort im Mazda 6e – fast perfekt
Im Innenraum dienen eine Ionisierungsvorrichtung und ein Feinstaubfilter dem Schutz der Fahrzeuginsass*innen. Der Mazda 6e punktet mit zahlreichen, grosszügig bemessenen Ablagen und viel Ladevolumen: 72 Liter im vorderen Kofferraum, 466 Liter hinter der elektrischen Heckklappe, bei umgeklappter Rückbank sogar 1074 Liter.
Das Raumangebot ist ausgezeichnet, mit viel Beinfreiheit im Fond, auch wenn die etwas niedrige und flache Sitzbank auf langen Strecken nur eingeschränkt Halt bietet. Doch angesichts des grosszügigen Raumgefühl fällt dieses kleine Detail nicht allzu sehr ins Gewicht.
Ergonomie – die Achillesferse des Mazda 6e
Ausgerechnet bei der Ergonomie verliert der Mazda 6e Punkte, und das, obwohl man von dem japanischen Hersteller bisher stets eine gut durchdachte Bedienlogik gewohnt war. Klimaanlage, Rückspiegel, Ambientebeleuchtung, Fahreinstellungen: Alles wird über den zentralen Bildschirm gesteuert. Sogar für die Bedienung der Scheibenwischer oder Nebelscheinwerfer muss man durch Menüs navigieren und teilweise automatische Funktionen deaktivieren.
Zwar gibt es die Möglichkeit einer Steuerung über Sprache und Gesten, aber deren Effizienz lässt zu wünschen übrig – ebenso wie einige recht fantasievolle Übersetzungen der Menüs.
Im Gegensatz dazu beeindruckt das Soundsystem von Sony, das sogar in die Kopfstütze der Fahrer*innen integrierte Lautsprecher bietet, so dass diese ein immersives Klangerlebnis geniessen können. Auch beim Telefonieren werden die anderen Fahrzeuginsass*innen so weniger gestört.
Zwei Batterien, zwei ... paradoxe Philosophien
Unser Testwagen war ein sogenannter Mazda 6e «258», dessen Batterie mit 68,8 kWh Bruttoleistung eine WLTP-Reichweite von 479 km ermöglicht und einen Heckmotor mit 258 PS antreibt. An einer Schnellladestation nimmt er bis zu 165 kW Leistung auf und benötigt etwa 24 Minuten zum Laden von 10 auf 80 %. Sehr überzeugend.
Mazda bietet auch eine «245 Long Range»-Version des 6e an. Hier arbeitet ein 245 PS starker Motor mit einer Batterie von 80 kWh Bruttoleistung zusammen, die 552 km Reichweite nach WLTP zur Verfügung stellt. Dafür ist die Schnellladefunktion auf 90 kW begrenzt (47 Minuten von 10 auf 80 %).
Es hat sich jedoch herausgestellt, dass bei längeren Fahrten die Variante mit der geringeren Reichweite oft effizienter ist. Dieses Paradoxon ist durch die Wahl der Batterietechnologien (LFP für die kleine und NMC für die grössere Batterie, um insbesondere Gewicht zu sparen) bedingt, wirft in der Praxis jedoch trotzdem Fragen auf ... Denn eine kurze Berechnung zeigt, dass der Reichweitenvorteil der «Long Range»-Version auf Fahrten von mehr als 350 km verloren geht ...
Der Mazda 6e – das Fahrgefühl einer echten Limousine
Auf der Strasse überzeugt der Mazda 6e. Gut gefedert, ausgewogen und mit angenehmer Lenkung, bietet der Antrieb ein sanftes Fahrgefühl. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 7,8 Sekunden ist mehr als ausreichend, und das Fahrwerk toleriert sogar leichte Drifts, die von einem gut kalibrierten ESP schnell korrigiert werden. Trotz dieser positiven Bilanz hätten wir uns gewünscht, dass das gewisse Etwas der Mazda-Verbrennungsmotoren, vor allem die Spritzigkeit der Vorderachse, erhalten geblieben wäre. Ja, das Gewicht ... immer wieder das Gewicht ...
Der tatsächliche Verbrauch, der bei unserer Testfahrt bei etwa 17 kWh/100 km lag, ist für eine zwei Tonnen schwere Limousine absolut angemessen. Das Fehlen von Schaltwippen zur Steuerung der Rekuperation und die Notwendigkeit, diese – wieder einmal – über das Display einzustellen sorgen im Alltag jedoch für Frustration.
Ein grosser Schritt ... mit Fussfessel
Der 6e ist ein echter Fortschritt für Mazda in der Welt der Elektromobilität: komfortabel, geräumig, elegant und effizient, erfüllt er zahlreiche Anforderungen. Aber seine ergonomischen «Spielereien» stören das Fahrerlebnis unnötig. Hätte man auf die exzessive Nutzung von berührungsempfindlichen Bedienelementen verzichtet oder die Einrichtung von Bildschirm-Shortcuts durch Updates erleichtert, hätte Mazda eine elektrische Limousine entwickelt, an der kein Weg vorbeiführt.
Vor allem beim Preis ist der Mazda 6e ein echter Knaller: CHF 43 600 für den «258» und CHF 45 350 für den «245 Long Range» in der Basisausstattung Takumi und CHF 45 450 bzw. CHF 47 200 in der Ausstattungsvariante Takumi Plus. Die einzigen Optionen sind Metallic- und Mica-Lackierungen sowie Servicepakete über vier und sechs Jahre. In seiner jetzigen Form ist der 6e ein attraktives und ansprechendes Angebot, vorausgesetzt, man gewöhnt sich an seine Benutzeroberfläche und behält die Augen – und die Aufmerksamkeit – auf der Strasse.
Schliesslich sei noch erwähnt, dass Mazda auf dem letzten Autosalon in Brüssel das SUV-Pendant (nur mit Hinterradantrieb) zum 6e vorgestellt hat, den CX-6e. Seine 78-kWh-Batterie treibt einen 258 PS starken Motor an, der je nach Ausstattung eine Reichweite von 468 bis 484 km ermöglicht. Preis: ab CHF 49 000.
