Prediger benutzt die Tragödie im Wallis als Zeichen für die Endzeit
Wir sind schlecht ins Jahr 2026 gestartet. Viele dachten: Schlimmer geht nimmer. Doch das Schicksal setzte noch einen drauf. Genauer: Menschen, die Schicksal spielten.
Wir kennen die Übeltäter. Sie drohen wie einst im Kalten Krieg mit Atomwaffen, erschiessen im Iran friedliche Demonstranten hundertfach, drangsalieren im Gazastreifen ein ganzes Volk oder wollen Grönland kapern. Um die gefährlichen Situationen zu beschreiben, fallen einem reflexartig die Begriffe Endzeit und Apokalypse ein.
Wir Schweizerinnen und Schweizer haben zusätzlichen Grund, seit dem Jahresbeginn endzeitliche Metaphern zu bemühen: Bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana spielten sich wahrlich apokalyptische Szenen ab. Das Leid der Opfer ihrer Angehörigen ist unermesslich.
Die Apokalypse und die Bibel
Kommt der Begriff Apokalypse ins Spiel, werden wir an die Bibel und den christlichen Glauben erinnert. In der Johannes-Offenbarung heisst es, der zürnende Gott lasse Seuchen grassieren – zum Beispiel Corona – und schicke am Ende der Zeit apokalyptische Reiter los, die die Menschen quälen würden.
Ein Reiter habe die Macht, die Erde ins Chaos zu stürzen, damit die Menschen einander umbringen würden. Ein anderer symbolisiere den Tod, der die Hölle hinter sich herziehe. Er besitzt die Macht, ein Viertel der Erde zu zerstören. Die Menschen möchten sterben, doch der Tod fliehe vor ihnen.
Christliche Fundamentalisten und die vielen Freikirchen erklären, wir würden in den letzten Tagen leben. Für viele Gläubige sind die dramatischen «Zeichen an der Wand» klare Hinweise, dass Gott begonnen hat, die Endzeit einzuläuten. Ihre Endzeitsehnsucht scheint sich zu erfüllen.
Der bekannte Schweizer „Endzeit-Prophet“ Roger Liebi befasst sich in seinem Buch "Leben wir wirklich in der Endzeit?» mit 180 biblischen Prophezeiungen, die sich auf die Endzeit beziehen. Wörtlich: «Damit kann der eindeutige Beweis geliefert werden, dass wir tatsächlich in der Endzeit leben!»
Der südafrikanische Pastor Joshua Mhlakela aus Johannesburg geht noch weiter. Er behauptet, er kenne Jesus persönlich. In mehreren Visionen habe er das Datum der Entrückung erfahren. Lichterlöschen sei am 22. und 23. September 2025. Für die Gläubigen, die sich auf die Endzeit vorbereitet hatten, war es eine fatale Fehlprognose.
Eine besonders üble und verantwortungslose Prophezeiung macht die Plattform «Biblische Prophetie», die Endzeitvisionen auf YouTube verbreitet. Sie nennt sich «bibeltreuer, konfessionsloser Endzeit-Kanal mit evangelikaler Ausrichtung».
Im jüngsten Beitrag benutzt ein Prediger die Katastrophe von Crans-Montana, um sie in menschenverachtender Weise als Endzeitphänomen zu interpretieren. Der Sprecher erklärt, das Ereignis habe eine «prophetische Dimension».
Da sei einmal die Zahl 40. Dabei denkt er an die 40 Todesopfer. Diese wichtige Zahl komme auch in der Bibel vor. Die Wüstenwanderung von Mose und den Israeliten habe 40 Jahre gedauert, Jesus habe 40 Tage gefastet, bei der Sintflut – «das erste globale Gericht» – habe es 40 Tage geregnet. Für den Endzeit-Verkünder prophetische Warnung, dass das Gericht über die Schweiz und die Welt komme.
«Verderben der gottlosen Menschen»
Beim 2. Gericht gehe es laut Petrus 3, 3-7 um das Feuer und das «Verderben der gottlosen Menschen». Dieses Gericht stehe kurz bevor. Weiter sagt der Prediger, es sei ein prophetisches Bild, dass viele junge Leute in Crans-Montana die Gefahr nicht erkannt hätten. Beim kommenden Gericht werde es ähnlich sein.
Ein weiteres prophetisches Bild erkennt der Prediger darin, dass sich die Feuerhölle im Keller des Clubs ereignet habe. Auch die eigentliche Hölle befinde sich unten. Wörtlich: «Wenn man einmal in der Hölle ist, kommt man nicht mehr heraus. Das ist eine biblische Wahrheit. Und so haben wir auch gesehen, dass die Menschen dort unten am Ende waren.»
In Lukas 12:5 sage der Sohn Gottes: «Ich Jesus will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt. Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen.» Es sei nicht der Satan, der die Menschen in die Hölle werfe, sondern Gott. Dieser sei gerecht und wolle die Menschen warnen, erklärt der Prediger.
Das kommende Gericht
Weiter behauptet er, das kommende Gericht sei viel schlimmer als das Ereignis in Crans-Montana. Ausserdem erzählt er, ein Mann mit einem Kreuz in der Hand habe das Inferno überlebt. Sein Glaube habe ihn gerettet, die Flammen hätten ihm nichts anhaben können. Dies sei ebenfalls ein prophetisches Bild. «Es war Jesus selbst, der diesen Mann gerettet hat.»
Eine Zwischenfrage: Es gab unter den Opfern sicher weitere gläubige Christen. Warum hat Jesus diese nicht auch gerettet?
In diesem Stil geht es 30 Minuten lang weiter. Es ist eine Tortur, diese apokalyptische Interpretation der Tragödie anzuhören. Für die Opfer und ihre Angehörigen muss es eine Qual sein. Ein Beispiel mehr, was für irre Ideen eine religiöse Verblendung auslösen kann.
Wer glaubt, die Predigt würde wohl kaum eine grosse Resonanz erhalten, irrt sich. In fünf Tagen wurde sie 78'000 mal angeklickt und 4'700 mal mit Likes geadelt. Wenn man die vielen Kommentare liest, die den Prediger loben, wird man doppelt sprachlos.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
Du kannst Hugo Stamm auf Facebook folgen und seinen Podcast findest du auf YouTube.
