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Dass sie damit auch telefonieren kann, wird ihr wahrscheinlich längere Zeit nicht auffallen.
Dass sie damit auch telefonieren kann, wird ihr wahrscheinlich längere Zeit nicht auffallen.bild: shutterstock
Wir Eltern

Meine Tochter will ein Smartphone. Muss das sein? Kann sie nicht ein Buch zur Hand nehmen? Nein, kann sie nicht, denn sie braucht WhatsApp

07.07.2015, 19:1917.09.2015, 11:18
nils pickert / wir eltern
Ein Artikel von
Branding Box

Was den Medienkonsum meiner Kinder angeht, bin ich ja so ein richtig spiessiger Lowtech-Vater. Das ist auf der einen Seite insofern konsequent, als dass ich, bevor ich selbst Vater geworden bin, einige Male mitverfolgen konnte, wie sehr sich die Entscheidung, Kindern elektronische Unterhaltung an die Hand zu geben, bevor sie fliessend lesen können, gerächt hat. 

Denn in allen Medien geht es immer darum, eine Geschichte zu erzählen, und Videospiele sind ungleich verführerischer in ihrer Erzählstruktur. Sie belohnen konsequent das eigene Fortkommen in der Geschichte und servieren sie viel schneller – ohne die eeeeewig langen Landschaftsbeschreibungen in «Herr der Ringe» (farnartige Gräser lehnten sich südostwärts in die flächige Ödnis) oder die tanzende Kuh bei Mary Poppins (etliche Seiten über diese verdammte Kuh ohne jeden Zusammenhang zum Plot, die Kinder haben beim Vorlesen vor lauter Gähnen beinahe ihre Köpfe verschluckt). 

Schmökern stirbt aus

Das hat jedoch beinahe zwangsläufig zur Folge, dass klassische, buchgebundene Erzählweisen dagegen nur verlieren können, weil sie so unendlich viel mehr Mühe kosten und eine längere Lektüre als lästig empfunden wird. Lesen mag ja noch angehen, wenn man denn muss. Aber Schmökern stirbt aus. 

Jetzt auf

Zocken ist das neue Schmökern. Es ist so viel interaktiver. In der analogen Welt gibt es ja noch nicht mal Gestensteuerung.

Hochgradig verlogen

Deshalb gibt es bei uns eine strikte Reihenfolge und Gewichtung: Buch – Hörbuch – Film – Videospiel. Das mag albern wirken, führt aber unter anderem dazu, dass sich meine Zehnjährige immer viereckig freut, wenn sie sonntags «Die Sendung mit der Maus» gucken kann (nimm das, grausame Welt!). 

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Auf der anderen Seite ist das auch hochgradig verlogen. Ohne mein Smartphone hätte ich die ersten fünf Monate mit Baby Theo gar nicht arbeiten können. So war es immerhin noch möglich, einhändig den Aberwitz einzutippen, in dem ich mit der anderen Hand Herr zu werden versuchte. Mein Hauptarbeitsgerät ist ein Laptop. Die Internet-Flatrate ist immer dabei. 

Mein Leben ist so von Bildschirmen geprägt, dass sie für das Baby zu den ultimativen Objekten seiner Begierde geworden sind. Ständig haben Leute solche in der Hand und starren drauf, aber man selbst darf nicht, obwohl man die so gern einspeicheln würde. Fies! Diese Dinger benutzt das grosse Volk dann, um Fotos und Filme zu machen und sie per WhatsApp den Grosseltern zu schicken. 

Ohne WhatsApp keine Freunde

Und genau da liegt das Problem: WhatsApp. Früher musste man im Freibad, auf dem Bolzplatz oder an der Bushaltestelle herumhängen, um dazuzugehören. Heute müssen angehende Teenager in WhatsApp-Gruppen sein, damit die anderen in ihrer Klasse ihre Existenz überhaupt zur Kenntnis nehmen. 

Das geht nur über tiefschürfende WhatsApp-Unterhaltungen: Herr Schmidt, ne... ja, krass...hihi...haha...lol (wenn ihr euch ganz viel Mühe gebt, schafft ihr es vielleicht, euch einzureden, ich hätte mir diesen «Dialog» nur ausgedacht). Wer nicht «mitlolt» (ohne natürlich zu wissen, was lol überhaupt bedeutet), der ist raus. 

Der ist auch bei den physischen Verabredungen nicht dabei, die inmitten der Emoji-Explosionen tatsächlich auch irgendwann getroffen werden. Wenn du kein iPhone hast, hast du kein iPhone war gestern. Heute gilt: Wenn du kein WhatsApp hast, gibt es dich nicht. Und komm uns nicht mit diesen peinlichen (Nicht-Facebook-Datenkrake) Alternativen, die hat eh niemand ausser dir. 

Mit dem Smartphone kommt auch das Internet

Meine Tochter «willbraucht» ein Smartphone. Also eher ein WhatsApp-Endgerät. Dass man damit auch telefonieren kann, wird ihr wahrscheinlich längere Zeit gar nicht auffallen. 

Aber mit dem Smartphone kommt auch das Internet. Jenes Netzwerk also, von dem zurecht mal gesagt wurde, dass – für den Fall, alle Pornos würden verboten werden – es nur noch eine Webseite gäbe, nämlich «gebtunsunserepornoswieder». 

Zusammen mit anderen problematischen Inhalten bildet das einen Themenkomplex, den man eigentlich hätte besprechen müssen, lange bevor auf dem ersten Smartphone gesurft wird. Aber da war doch Bücherzeit. Mit der Maus und dem Elefanten. Es wird wohl doch alles irgendwie gleichzeitig und in alle Richtungen gehen müssen.  

Medienkompetenz fängt nicht bei Smartphones an und hört nicht bei Büchern auf. Wahrscheinlich weiss meine Grosse in ein paar Wochen sowieso mehr drüber als ich. Dann schreibt sie nicht mehr lol, sondern mahsün – mein alter Herr schnallt überhaupt nichts. 

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