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Yonnihof

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Schweizer – Ein (un)einig Volk von Experten

 In allem. Immer. Aber meist erst im Nachhinein. 



Zur Zeit bewegen ja einige kontroverse Geschichten die Medienlandschaft der Schweiz

Da ist das unglaublich tragische Geschehnis von Flaach, wo eine Mutter am Neujahrstag ihre beiden Kinder getötet haben soll, weil sie sie (auf Anordnung der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde KESB) nicht mehr zurück ins Heim geben wollte. Eine absolute Tragödie, das ist eine unangefochtene Tatsache. 

Und schon weiss jeder noch so polit- und systemuninteressierte Bürger genau, woran’s gelegen hat. Die KESB war’s! Wären die Kinder der Mutter doch nie weggenommen worden. Hätte man doch ... Und täte man nur ... Shoulda, woulda, coulda. 

Die KESB hätte nie eingreifen dürfen, ist vielerorts der Tenor. Man hätte die Kinder einfach bei der Mutter lassen sollen. Aber, mal ganz ernsthaft: Es handelt sich um eine Mutter, die (ganz grundsätzlich) in der Lage ist, ihre eigenen Kinder zu töten. Wenn man bei einer solchen Erziehungsperson nicht eingreifen soll, wann dann? Wollen wir wirklich, dass die Behörden Kinder bei einer Mutter lassen, die potentiell dazu fähig ist (natürlich in einer Extremsituation, aber trotzdem fähig), ihre eigenen Kinder umzubringen?

Dazu kommt, dass die Chance, dass eine Mutter, die zum Infantizid fähig ist, in der Lage sein soll, ihre Kinder allein problemlos aufzuziehen, in meinen Augen eher auf der geringeren Seite liegt. Das ist aber nur eine These.

Und: Hätte man die Kinder nicht von ihrer Mutter weggeholt und sie hätte sie (aus einem anderen Grund) umgebracht – auf wen wäre man dann los? Richtig! Auf die KESB! «Jessesgott, wie habt Ihr das nur verpassen können? Warum wurden die Kinder da nicht weggeholt?», hätte es dann aus genau denselben Mündern geheissen, die der KESB nun ein zu arges Eingreifen unterstellen. 

Mit einem Infantizid konnte nicht gerechnet werden! Sollen Behördenentscheide von nun an immer aufgrund der Frage geklärt werden, ob eine winzige Chance besteht, dass jemand jemand anderen umbringen könnte, anstatt aufgrund vorliegender Information? 

Und ganz grundsätzlich: Die Mutter hat sich (mutmasslich) dazu entschieden, ihre Kinder zu töten. Nicht die KESB. Man kann doch nicht allen Ernstes das Gefühl haben, der Ausgang dieser Geschichte sei in irgendeiner Form die Absicht der KESB gewesen. Solche Vorwürfe sind völlig grotesk. 

Man verlangt von solchen Behörden, dass sie zurückhaltend, aber doch effektiv, sicher, aber doch nachsichtig sind. Ahja, jeden Fall natürlich individuell und ausgiebig bearbeiten sollen sie auch, obwohl sie mit Arbeit nur so überschwemmt werden – und das am liebsten gratis. 

Jede/r ist immer sofort Experte, wenn es um solche Geschichten geht.

Dasselbe mit dem mutmasslichen Schändungs-Fall in Zug. Nichts ist beweisen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Aber auch hier weiss der/die KommentatorIn natürlich bereits exakt, was wie wann vorgefallen ist. 

Da liest man in den Kommentaren zur Berichterstattung die schauerlichsten Behauptungen von Missbrauch über Rufmord bis Verrat und Verderben. Nochmal: Obwohl noch immer die Unschuldsvermutung gilt. Und doch werden sowohl die Frau als auch der Mann (beide können Opfer oder Täter sein) bereits tief in irgendwelche Schubladen gesteckt, wo sie wohl nie wieder rauskommen werden. Wie diese Geschichte (in dieser unausgegorenen Form) an die Medien geraten konnte, ist mir ein Rätsel. Alle Beteiligten können/werden nur verlieren – und dazu zählen auch, bzw. vor allem, die Familien der beiden Betroffenen, die nun wirklich nichts für diese elende Geschichte können. 

Und das gesamtschweizerische Expertentum beschränkt sich auch nicht auf Politik und Wirtschaft. Wie oft liest man unter Tennis-Berichterstattungen: «Also der Roger, hä, der hätte also schon lang mal aufhören sollen. Nüt für unguet, Rotschi, gäll, aber gang jetz langsam hei.» 

Und wenn er dann wieder Nummer eins wird, heisst's: «Dasch ebe oise Rotschi! Serve-and-Volley, Serve-and-Volley. Sägi doch, muesch di ebe nur mal chli zämeriisse. Ach Roger. En richtige Schwiizer Bueb!» 

Schweizer – Ein Volk von (un)einig Experten. 

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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