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Depressionen können jeden treffen.
Bild: shutterstock

Yonnihof

Depressionen: «Schaut aufeinander, wenn’s dunkel wird.»

Die Tage werden kürzer, dunkler und kälter: Da gibt es auch mehr Depressionen. Falsch. Jedoch ein Grund mehr, dass wir das ganze Jahr hindurch aufeinander achten.



Yonnihof Yonni Meyer

Dass viele Leute denken, dass Depressionen mit der Jahreszeit Herbst zusammenhängen, hat einen simplen Grund: Die Menschen sind tatsächlich melancholischer gestimmt. «Dies gehört jedoch zum Leben dazu und hat nichts mit einer Depression im medizinischen Sinne zu tun», sagt Professor Ulrich Hegerl, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Deutschen Depressionshilfe. Saisonal abhängige Depressionen gibt es zwar, sie sind jedoch selten.  

«Für uns wird’s eben nicht nur im Herbst dunkel», sagt mir Anna (Name geändert). Die 34-jährige Biologin sitzt mir im Café gegenüber, lächelt ein resigniertes Lächeln und zuckt mit den Schultern. Wir kennen uns schon länger, jedoch nicht gut, fanden aber an einer der vielen gemeinsamen Einladungen heraus, dass wir beide schon depressive Episoden hatten.  

«Ich wollte schon oft sterben, ja.»

Nun möchte ich von Anna wissen, wie ihr Leben mit ihrer Krankheit aussieht. Im Gegensatz zu mir war sie schon mehrfach stationär in Kliniken, weil ihr völlig der Boden unter den Füssen abhanden gekommen war. Einmal war ein solcher Aufenthalt Resultat eines Suizidversuchs.  

«Ich wollte schon oft sterben, ja», sagt sie mir ehrlich. Es ist ein kleiner Satz, aber er ist nicht dahergesagt. Er ist echt. Und er zeigt genau das brutale Wesen dieser Krankheit, die Anna immer wieder erfasst: Da sitzt eine wunderschöne, erfolgreiche, be- und geliebte Frau, die sich über mehrere Lebensabschnitte hinweg selber für komplett wertlos hielt und ihr Leben als so belastend empfand, dass sie es nicht mehr leben wollte. Oder fast nicht mehr.  

Sie sei damals über Monate nicht mehr in Gang gekommen, habe nicht schlafen und nicht essen können. Auch die Medikamente hätten nicht wirklich geholfen, man habe immer wieder andere ausprobiert, und jedes habe wieder seine Nebenwirkungen gehabt. «Es gab Zeiten, da halfen mir Antidepressiva problemlos, aus einem Tief wieder ins Leben zurückzufinden. Dieses Mal nicht.»

Ihr langjähriger Therapeut sei damals in Rente gegangen. «Die Leute denken dann, man könne sich ja einfach einen neuen suchen, aber so einfach ist das nicht. Für mich brach eine Welt zusammen. Dieser Mann war eine extrem wichtige Konstante für mich. Und wer schon einmal depressiv war, weiss, wie wichtig Konstanten da sind.»

«Am Ende wog ich noch 47 Kilo. »

Die Suche nach einem neuen Therapeuten verlief schwierig, weil es für Anna eine kaum zu bewältigende Aufgabe war, ein Telefongespräch zu führen, und weil auch keiner so war wie ihr vorheriger. Man unterschätze oft, wie zentral solche Dinge sind, sagt Anna, es müsse passen, sonst könne einen das wirklich aus der Bahn werfen.  

Einmal mehr spricht sie einen Kernpunkt ihrer Krankheit an: Depressiven erscheinen Dinge, die für andere völlig alltäglich, wenn nicht sogar nebensächlich sind, als fast unüberwindbar.  

«Es ging dann immer weiter abwärts», fährt Anna fort. Zur Uni sei sie nicht mehr gegangen, sie habe sich komplett zurückgezogen, habe sich nicht mehr gewaschen, weil sie physisch nicht mehr in der Lage war, in die Dusche zu steigen. «Ausserdem war es mir komplett egal, wie ich aussah», fügt sie an. Den besorgten Eltern log sie vor, es gehe ihr okay, es sei nur mal wieder etwas schwierig. «Dabei war es weit mehr als das. Ich versank in der Finsternis, fühlte mich halt- und wertlos. Am Ende wog ich noch 47 Kilo.»  

Im März 2008 öffnete sie sich zuhause in ihrer Wohnung die Pulsadern.  

«Ich rief danach selber den Notarzt », erklärt sie heute. Die Schnitte aber gingen tief und sie hätten ihren Zweck erfüllt, wenn Anna nicht zum Telefon gegriffen hätte. Irgendwie habe sie dann doch noch am Leben gehangen, es sei ganz seltsam gewesen. Sie habe eine unheimliche Erleichterung erwartet, eine Erlösung, stattdessen setzte Panik ein. Heute sei sie froh darüber.  

«Ich wusste, dass ich meine Eltern durch die Hölle geschickt hatte.»

Sie erinnert sich noch genau daran, dass einer der Sanitäter dasselbe Parfum trug wie ihr Vater. Sie habe sich fast übergeben müssen, als sie es zu jenem Zeitpunkt gerochen habe.  

Belastend sei in der Erholungsphase vor allem die Konfrontation mit den Eltern gewesen. «Sie haben mir keinerlei Vorwürfe gemacht, waren unheimlich glücklich, dass ich noch da war», beschreibt Anna. Trotzdem wisse sie, dass sie sie durch die Hölle geschickt hatte. «Ein Grund mehr, mich selber zu hassen.» Nun beginnt Anna zu weinen, lacht aber immer wieder den Schmerz weg, stets in der selben resignierten Weise. Man merkt ihr an, dass sie sich ihrer Krankheit ausgeliefert fühlt.

Der Klinikaufenthalt nach dem Selbstmordversuch sei denn auch der längste gewesen. Davon wussten nur ihre engsten Freunde. An der Uni dachten alle, sie mache Pause, wenn sich Kommilitoninnen meldeten, log sie sie an. Erst ganz langsam fand sie zurück ins Leben.

«Heute geht es mir gut, ich weiss nur nicht, für wie lange.»

«Etwas, was du über Depressionen gesagt hast, ist mir geblieben», sagt Anna zu mir. «Du sagtest, es sei wohl die Aufgabe eines Depressiven, die melancholische Seite, die er immer haben wird, anzunehmen und mit ihr zu leben, anstatt sich dagegen zu wehren. Das fand ich grossartig und wahr.» Für viele Menschen sei das aber ein Balanceakt auf der Kippe.  

Für etwas, wofür man nichts kann, sollte man sich niemals schämen müssen.

Und genau deshalb sei es so wichtig, dass wir alle aufeinander achten. «Mir ist klar, dass jemand, der nichts mit der Krankheit zu tun hat, auch kein grosses Interesse daran hat, sie zu verstehen. Ich weiss auch nichts über Darmkrebs. Schwierig ist es dann, wenn solche Menschen sich aber trotzdem ein Urteil erlauben. Das tut weh. Jedes Mal, wenn ich einen dieser ‹Reiss dich mal zusammen›-Sprüche höre, möchte ich schreien, weil das so unfair ist. Man sagt einem Patienten mit Darmkrebs ja auch nicht, dass er sich mal zusammenreissen soll», sagt Anna und man merkt ihr ihre Verzweiflung an. Und gerade das sei es ja, was die Depression von einem normalen menschlichen Tief unterscheide: Der Patient hat kaum Einfluss darauf, wie es ihm geht.

Und für etwas, wofür man nichts kann, sollte man sich auch niemals schämen müssen.  

Die Bevölkerung zu informieren, aufzuklären und zu vermitteln sei enorm wichtig, sagt Anna zum Schluss unseres Gesprächs. Da sind wir uns einig.

Depressionen sind noch immer mit den unterschiedlichsten Stigmata behaftet, die sie nicht verdienen. Geschätzt jeder Fünfte erkrankt in seinem Leben mindestens einmal an einer depressiven Episode oder an einer chronischen Depression. Wer einmal erkrankt ist, erkrankt mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit ein zweites Mal, auch wenn die Depression ohne Intervention von selber «abheilt». Wenn man sich also etwas genauer mit dieser Krankheit befasst, auch wenn man nur mal den entsprechenden Wikipedia-Artikel studiert, kann man nur gewinnen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst oder ein Angehöriger oder ein Freund einst davon betroffen sein wird, gegen 100 % tendiert.  

Genauso, wie Frauen ihre Brüste abtasten sollten, sollten wir ab und an unsere eigenen Seelen und die Seelen unserer Liebsten abtasten. Genau hinhören, nachfragen, zuhören und Hilfe anbieten. Das kostet nichts – im Gegenteil, zwischenmenschliche Beziehungen können von mehr Achtsamkeit, sei es nun bezüglich Depression oder generell, nur profitieren.

Hier finden sich einige Adressen mit Infos und Anlaufstellen:
143.ch
depression.ch
wie-gehts-dir.ch​

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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