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Apfel und Birne Yonnihof

Bild: shutterstock

Yonnihof

GeriHate – Oder: Äpfel und Birnen

Warum gewisse Schlussfolgerungen einfach keinen Sinn machen...



Menschen haben ja die lustige Angewohnheit, alles kritisch zu hinterfragen. Finde ich gut, mache ich auch oft. Ich finde es wichtig, dass der Mensch in dieser, eher von Spass geprägten, Gesellschaft auch ab und an Moral und Ethik reinem Entertainment vorzieht. 

Manchmal aber schiessen wir meiner Meinung nach übers Ziel hinaus. Das vermaledeite «Gerigate», welches sich leider zu einem «GeriHate» gewandelt hat, ist ein gutes Beispiel dafür. Doch das ist bei weitem nicht das einzige.

Hier also drei Dinge, die in meinen Augen rein gar nichts miteinander zu tun haben: 

1. Bilder von Geri Müllers Penis und seine Fähigkeiten als Politiker

Geri Müller hat einen Fehler gemacht, den er zugegeben und für welchen er echte Reue zeigt. Unnötigerweise, finde ich, denn ich bin eigentlich der Meinung, dass nicht er, sondern die Berichterstatter sich hätten entschuldigen sollen. Aber das darf jeder so sehen, wie er/sie will.

Was aber überhaupt keinen Sinn macht, ist von einer törichten – und ja, sie war töricht, aber mehr nicht – Aktion im Privatleben eines Menschen auf seine beruflichen Kompetenzen zu schliessen. Dasselbe gilt für seine Intelligenz (ganz ehrlich, dumm ist nur dieser unüberlegte Rückschluss). Ich habe schon sehr viele dumme Sachen veranstaltet in meinem Privatleben – das ändert nichts an meinem beruflichen Können und meinem Einsatz bei der Ausübung meines Jobs. 

Des Weiteren vermute ich, dass wenn wir die sexuellen Abgründe aller unserer Politiker kennen würden, die paar Schniedelselfies sehr schnell in den Hintergrund geraten würden. 

Darüber hinaus sehe ich das Land bei weitem lieber von einem Menschen regiert, der Fehler macht und mit diesen so umgeht wie Geri Müller, als von solchen, die offen ganze Bevölkerungsgruppen diskriminieren, sich kein einziges Mal dafür entschuldigen und damit einfach so davonkommen, wie es bei Toni Bortoluzzi der Fall war. Mal im Ernst: Der Mann erlaubt sich, einen Teil des Landes als fehlgeleitet und unnatürlich zu bezeichnen und das hat keine Konsequenzen, während ein anderer unüberlegt ein Pimmelföteli privat (und das kann man nicht zu oft betonen) verschickt und nun um seine Karriere bangen muss? Das sind meines Erachtens menschlich und moralisch zwei völlig unterschiedliche Levels, die in keinster Weise im Verhältnis zueinander stehen und die in ihrer Auswirkung für die Betroffenen genau andersherum hätten enden sollen. 

2. Die ALS-Ice Water-Challenge und der Wassermangel in Afrika 

Ich dachte, ich seh' nicht richtig, als Menschen begannen, Bilder von sich mit Eiswasser übergiessenden Leuten neben verdurstenden Kindern auf Facebook zu verbreiten. Ernsthaft jetzt? Menschen setzen sich für die Awareness bezüglich einer Krankheit ein und sie werden dafür angegriffen, weil Wasser im Spiel ist und dieses in gewissen Teilen Afrikas Mangelware ist? Kennt Ihr Brunnen, die hier in der Schweiz tausendfach vor sich hinplätschern? Ist es uns tatsächlich so unglaublich wichtig geworden, alles und jeden in seinen Motiven zu hinterfragen, dass wir völlig unseren Sinn für Verhältnismässigkeit verloren haben? 

Wenn's, wie bei der letzten Nominierungs-Welle, nur noch um Bier und Cocktails gehen würde, könnt' ich's vielleicht noch nachvollziehen – aber habt Ihr mal einen Menschen mit ALS gesehen? Amyotrophe Lateralsklerose ist eine absolute Horrorkrankheit – sie ist nicht heilbar und ist sie einmal ausgebrochen, führt sie durchschnittlich innert drei bis fünf Jahren zu einem ganz elenden Tod (meist durch Lungenentzündung, weil der Patient nicht mehr schlucken kann und seine Atemmuskulatur durch die Krankheit gelähmt wurde). 

Also ja: Mehr Eiswasser. Mehr Spenden. Je mehr, desto besser. Für ALS und für Kinder in Afrika.

3. Kummer und das Ausmass an Leid in der Welt

Yonnihof

Äussert sich jemand über etwas, was ihn/sie beschäftigt und handelt es sich nicht gerade um ein abgetrenntes Körperteil, tauchen sofort die Drittwelt-Vergleichs-Spezialisten auf. «Gang mal uf Indie, det merksch dänn scho, was würklichi Problem sind». 

Yonni Meyer

Sie gilt als Schweizer Facebook-Phänomen: Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Unbestritten, es gibt viel und unfassbares Leid in der Welt und das ist schlimm. Wirklich. Und manchmal hilft es, die Dinge wieder zurück in die Relationen zu rücken, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie gut man es hat. 

Aber es ist mehr als einfältig, jegliche Art des Ärgers und des Kummers in der westlichen Welt mittels des Welthungers als nichtig und ungerechtfertigt abzustempeln. So funktioniert das doch einfach nicht. Wohin kommen wir, wenn wir uns gegenseitig das Recht versagen, traurig zu sein?

Und ich frage mich dann jeweils auch: Hatten diese Menschen noch nie Liebeskummer? Haben sie noch nie etwas nicht bekommen, was sie sich von Herzen wünschten? Und wenn doch (was ich doch stark annehme), hätten sie dann nicht auch das Verlangen verspürt, jemandem geradeaus eins in die Fresse zu hauen, der mit einem Drittweltvergleich daherkommt? 

Als wäre «Zeit heilt alle Wunden» nicht schon Scheisse genug...

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