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Extremist

Bild: shutterstock

Yonnihof

Wie wird man radikal?

Wenn junge Menschen zu Extremisten werden ...



Seit Juni ist das Kalifat ausgerufen. Der IS wütet. Menschen werden in Massen erschossen, geköpft, massakriert. Man hat das Gefühl, der IS rennt mit einer Machete in der Hand durch die Gesellschaft und zermetzelt Menschen genauso wie Ethik und Moral. Für Allah.

Dass sie nicht die Ersten sind, die das im Rahmen der Religion tun, wissen wir. Die Kreuzzüge waren genauso pervers. Und die Kirche versprach allen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, Ablass ihrer Sünden. Und so zogen Hunterttausende junger Männer in den Krieg.

Nun, ich bin keine Religionsexpertin, aber gerade Jesus stelle ich mir irgendwie nicht als den Typen vor, der Krieg besonders geil gefunden hätte. Und ist nicht «Du sollst nicht töten» ganz oben auf der allesübergreifenden «Not to do»-Liste? Zeigt das nicht, dass die Interpretation religiöser Schriften dann gefährlich wird, wenn sie von Menschen getätigt wird – meist so, wie sie gerade in den weltpolitischen Kram passt? 

Aber anyways, zurück zum IS.

Erschreckend ist in meinen Augen an dieser Geschichte vor allem der Zulauf an jungen Menschen, die sich jubelnd als Kanonenfutter verschreddern lassen. Wie um alles in der Welt kommt es zu sowas?

Frederik Obermaier und Marie Delhaes führten für die «Süddeutsche Zeitung» mehrere Interviews mit Erhan A., 22 Jahre alt. Türke. Moslem. Und bekennender Anhänger des Islamischen Staats. Obermaier sagte im Nachhinein, es sei kaum auszuhalten gewesen, mit welcher Erbarmungslosigkeit dieser junge Mensch seine Ideologie vertritt.

Die Eltern sind Moslems, ja. Aber in keinster Weise so extrem wie Erhan. Am besten zeigt sich dies an Erhans Aussage, dass er bereit wäre, seine eigene Familie zu töten, würde sie sich gegen den IS stellen.

Wie. Kommt. Es. Zu. Sowas? Wann kommt der Punkt, an dem Ideologie und Fanatismus Konzepte wie den Schutz von Menschenleben oder die Familie als Heiligtum ersetzen? 

Ich hatte mir bei meiner Recherche eine Antwort von Frederik Obermaier erhofft, aber auch der sagt: «Es gibt noch nicht die eine Theorie, die erklärt, warum jemand radikal wird». Und auch Erhan A. wurde es ohne ersichtlichen Grund.

Dasselbe Modell sehen wir bei jungen Nazis auch. Und auch sie sind oft radikaler als es noch ihre Lehrer waren. Im Süden der USA gibt es eine ganze Skinhead-Bewegung, deren Mitglieder meist sehr junge Menschen aus kaputten Elternhäusern sind, die in der neugefundenen Ideologie aufgehen, sich überidentifizieren und sich zurück ins Deutschland der 30er und 40er Jahre wünschen, ganz offensichtlich ohne genau zu wissen, was damals abging. Und sie morden in ihrem Rassenkrieg weiter Afroamerikaner und Juden und sind bereit, sich lebenslange Haftstrafen einzuhandeln oder gar drauf zu gehen.

Und es gibt weltweit noch unzählige weitere solcher Gruppen.

Ist es tatsächliche, tiefe Überzeugung, die diese jungen Menschen antreibt? Wenn ja, wo haben sie sie gelernt? Niemand kommt als Extremist zur Welt. Oder ist es eine Suche nach Akzeptanz? Ein Geltungsbedürfnis? «Hier bin ich endlich wer, auch wenn ich dabei drauf gehe»? Modernes Martyrium? Oder vielleicht einfach eine Legitimation für die Freude am Töten?

In meinen Augen wäre jede einzelne dieser Erklärungen erschreckend. Ich wurde aber auch dazu erzogen, mein eigenes Leben als das Wertvollste zu schätzen, was ich habe. Die Tatsache, dass es Menschen gibt, die das nicht tun, ist zwar wohl ein Fakt, macht mich persönlich aber schlicht ratlos, denn er bedeutet, dass diese Menschen auch das Leben anderer als blosses Mittel zu einem höheren Zweck anschauen. 

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen - direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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