Warum greift Trump den Iran an? Diese Theorien stehen im Raum
Donald Trump hat seine zweite Präsidentschaft auch deshalb gewonnen, weil er seinen Anhängerinnen und Anhängern schwor, keinen weiteren Krieg zu beginnen. Diese wissen: Ein Krieg ist teuer, und die Bilanzen aus dem Irak-Krieg und demjenigen in Afghanistan sind im besten Fall ernüchternd. «America First» war Trumps Motto. Und dieses beinhaltete, sich weniger um ausländische Krisen und mehr um die eigenen Leute zu kümmern.
Wieso also startete Donald Trump am Wochenende an der Seite Israels erneut einen Krieg?
Im Iran selbst sind die Hoffnungen einer Mehrheit der Leute, die allesamt das Regime verachten, riesig. Die Erwartungen sind nach dem Tod des Regimeführers Ajatollah Ali Chamenei wohl so gross wie seit der islamischen Revolution 1979 nicht mehr.
Doch ähnlich umfangreich wie die Hoffnung im Iran fällt die nationale und internationale Kritik am US-israelischen Angriff aus: Trump holte weder die Genehmigung des Kongresses noch diejenige eines internationalen Gremiums wie der UNO – er versuchte es nicht einmal. Fachleute sind sich weitgehend einig, dass es sich um einen illegalen und völkerrechtswidrigen Angriff handelt.
Der Krieg wird den amerikanischen Steuerzahler gemäss zahlreichen Schätzungen mehrere Milliarden US-Dollar kosten. Das Land gab bereits 600 Millionen Dollar aus, bevor der erste Schlag überhaupt erfolgte. Die Kosten für die Weltwirtschaft stehen ebenfalls in den Sternen.
Nachdem sich abgezeichnet hat, dass dem geschwächten iranischen Regime jedes Mittel recht ist, um sein Überleben zu sichern, sieht es zunehmend nach einem eskalierenden Flächenbrand im Nahen Osten aus, bei dem sowohl von iranischer als auch von US- und israelischer Seite weitere Ziele in den Golfstaaten angegriffen werden. Für einen solchen länderübergreifenden Krieg scheinen der US-Präsident und sein Kabinett keinen wirklichen Plan zu haben.
Dabei hilft es überhaupt nicht, dass in den Tagen nach dem ersten Angriff am Samstag sogar innerhalb der Trump-Administration sich widersprechende Gründe für den Krieg genannt wurden.
Die offizielle Version: Die nukleare Bedrohung
Auch wenn sich die offiziellen Begründungen von Donald Trump, von Aussenminister Marco Rubio und von Vizepräsident J.D. Vance phasenweise voneinander unterschieden, so drehten sie sich alle um die angebliche nukleare Bedrohung, die von dem iranischen Regime ausgegangen sein soll.
Rubio zum Beispiel sagte, man habe proaktiv gehandelt: Im Wissen um einen Angriff Israels sei man von einem Gegenangriff des Iran auf US-Ziele ausgegangen. Laut Vizepräsident Vance sei das vorrangige Ziel, dass der Iran niemals in den Besitz einer Atomwaffe gelange. Gemäss Mike Johnson, dem republikanischen Sprecher des US-Repräsentantenhauses, stehe die Zerstörung des Raketenprogramms sowie der Marine des Irans im Fokus.
Die New York Times – und sie ist damit nicht alleine – bilanzierte zu den ersten offiziellen Begründungen Folgendes:
Auch die US-Geheimdienste haben die genannten Gründe nie bestätigt. Ironischerweise behauptete Trump im letzten Jahr selbst, die USA habe bereits sämtliche Atomanlagen zerstört. Wie unzählige Faktenchecker und Medien also bereits dargelegt haben: Wenn es eine Erklärung für Trumps Angriff auf den Iran gibt, dann ist es wohl keine der offiziellen, von Angehörigen der Trump-Administration behaupteten. Mit anderen Worten: Der Krieg im Iran ist eine bewusste Entscheidung für den Krieg, keine Notwendigkeit.
Aber was sind die Gründe? Darüber kann nur spekuliert werden – und das wird rege getan. Grosse US-Medien sowie Vertreter aus der Wissenschaft versuchen in diesen ersten Tagen nach Beginn des Krieges, die Logik der Trump-Administration zu ergründen. Einige Theorien widersprechen sich. Andere ergänzen sich, setzen aber eigene Schwerpunkte.
Hier sind sechs zentrale Argumentationen:
«Regime Change» nach Vorbild Venezuela
Dieses Ziel wurde von Donald Trump selbst wiederholt angedeutet. In einem Telefoninterview mit der «New York Times» am Sonntag nach den Angriffen sagte der US-Präsident:
Das Interview habe gezeigt, so die NYT, wie unsicher die Trump-Administration über die Zukunft des eigenen Einsatzes scheine. Der Präsident habe sich selbst mehrmals widersprochen, doch es sei klar geworden, dass er sich einen schnellen Wechsel hin zu einem freundlicheren, den USA zugeneigten, Regime wünsche – und dass er von einem einfachen Erfolg während der nächsten fünf Wochen ausgehe. («Es wird nicht schwierig», so Trump.)
Er sei zwar von seinen Beratern darauf hingewiesen worden, dass man Iran in keinster Weise mit Venezuela vergleichen könnte, trotzdem sei er «begeistert davon» gewesen, im Iran ein Modell nach venezolanischem Vorbild anzuwenden.
In Venezuela wurde nach der Entführung des Präsidenten Nicolas Maduro durch US-Streitkräfte die Vizepräsidentin zum neuen Oberhaupt ernannt. Abgesehen davon hat es keine grösseren Wechsel im Regime gegeben.
Auch der bekannte Politikwissenschaftler John Mearsheimer glaubt, dass es den Amerikanern in erster Linie um einen Wechsel an der Spitze Irans geht. Er fügt aber hinzu, dass dieses Ziel nicht erreicht werden könne: «Wir haben keine Strategie, den Krieg zu günstigen Bedingungen zu beenden.» Mearsheimer glaubt, die Ziele seien: das Nuklearprogramm des Iran zu beenden, die Waffenarsenale zu zerstören und vor allem den Iran davon abzuhalten, Verbündete wie die Huthis, die Hisbollah oder die Hamas zu unterstützen. «Für diese drei Hauptziele braucht es einen Regime-Change, aber ich weiss nicht, wie das funktionieren sollte», so der Professor an der Universität Chicago.
Hybris und falsche Einschätzungen
Die Analogie zu Venezuela, die Trump selbst gegenüber der NYT ansprach, deutet auf eine weitere mögliche (Teil-)Erklärung hin. In einem durchaus günstigen Zeitpunkt – ein Umstand, der von den meisten Expertinnen und Analysten angesprochen wird –, in dem das iranische Regime bereits durch innenpolitische Proteste und den letztjährigen 12-Tage-Krieg mit den USA und Israel geschwächt wirkt, hat sich Trump im Glauben, einen schnellen Regimewechsel erreichen zu können, überschätzt.
Das glaubt unter anderem der chinesisch-kanadische Professor Jiang Xueqin. Er ist kein «Nobody»: Der Geschichts- und Wirtschaftsprofessor erregte grosse Aufmerksamkeit, nachdem er 2024 vorhersagte, dass Trump die Präsidentschaft gewinnen und danach einen Krieg mit dem Iran starten würde. Heute sagt er: «Einer der Gründe ist Hybris [also: Überheblichkeit]. Schaut man in die Geschichte, dann verhalten sich Imperien nun einmal so. Die Entführung Maduros war also recht erfolgreich und für Trump ein Adrenalinstoss. Das machte ihn übermässig zuversichtlich, was die Leistungsfähigkeit des Militärs anging.»
Jiangs dritte Vorhersage war übrigens, dass die USA den Krieg verlieren würden. (Hier erklärt er die Gründe.) Er fügt an: «Warum hat Hitler Stalin angegriffen? Weil er Europa sehr leicht erobert hatte und sich für unbesiegbar hielt.»
David Frume, Journalist beim angesehenen Magazin The Atlantic, erklärt sich Trumps Aktionen ähnlich, formuliert es jedoch etwas zugespitzter: «Wenn man gut darin ist, Risiken einzuschätzen, geht man nicht so oft bankrott wie Trump. Trump erzählt lächerliche Fantasiegeschichten, vermutlich weil er selbst an diese lächerlichen Fantasiegeschichten glaubt. In seiner zweiten Amtszeit hat er sich mit Speichelleckern umgeben, die seine lächerlichen Fantasiegeschichten bestätigen.»
Innenpolitik vs. Aussenpolitik
Journalist Frume fügt in seinem Beitrag hinzu, dass Trump aussenpolitisch eine freiere Hand hat, während ihm innenpolitisch immer wieder Grenzen aufgezeigt wurden: durch die Gerichte (wie im Fall der Zölle) oder durch die öffentliche Meinung (wie im Fall der brutalen Einsätze der Polizei- und Zollbehörde ICE). Der Journalist sagt:
Den innenpolitischen Druck spricht auch der politische Analyst und Aussenpolitik-Experte Christopher Chivvis in einem Meinungsbeitrag im britischen Guardian an. Er erklärt die Strategie Trumps so: Bei Trumps Aussenpolitik gehe es «vielmehr um die Demonstration von Dominanz, die Inszenierung von Spektakeln und die Beherrschung des Nachrichtenzyklus». Militärische Gewalt sei in diesem Rahmen kein der Strategie untergeordnetes Instrument. Sondern: «Sie ist die Strategie.»
Trump sei aufgrund der Epstein-Affäre, der Einsätze von ICE und seiner Zollpolitik unter Druck. Vor diesem Hintergrund fungieren die Angriffe, so Chivvis, «als klassischer ‹Ablenkungskrieg› – als Versuch, die globale Berichterstattung zu kapern und den innenpolitischen Skandal mit dem Donnern von Marschflugkörpern zu übertönen.»
Israel als Drahtzieher: Trump wurde von Netanjahu gedrängt
In einem ausführlichen Beitrag zeichnet die «New York Times» mithilfe von Insiderinformationen die letzten Monate, Wochen und Tage vor dem Angriffskrieg nach. Dabei sticht vor allem heraus, wie gross der Druck von Israels Premierminister, Benjamin Netanjahu, gewesen sein dürfte.
Demnach habe Netanjahu Trump bei Treffen und mittels Telefonaten wochenlang gedrängt, die Dynamik in Richtung eines Krieges mit dem Iran aufrechtzuerhalten und bei einem Militärschlag Unterstützung zu leisten. Dies, obwohl die USA diplomatische Gespräche über das iranische Atomprogramm begannen.
«Bei einem Treffen auf Trumps Anwesen Mar-a-Lago im Dezember hatte Netanjahu den Präsidenten um seine Zustimmung gebeten, dass Israel in den kommenden Monaten iranische Raketenstellungen angreifen dürfe», schreibt die NYT. «Zwei Monate später bekam er etwas noch Besseres: einen vollwertigen Partner in einem Krieg, um die iranische Führung zu stürzen.»
Netanjahu habe sich auch mit Vance, Rubio und Steve Witkoff, dem führenden Unterhändler des Weissen Hauses für den Iran, unterhalten. Hochrangige israelische Militär- und Geheimdienstvertreter flogen nach Washington und umgekehrt, berichtet die NYT.
Den Eindruck, dem Druck Netanjahus nachgegeben zu haben, wollte Trump allerdings in den vergangenen Tagen vehement loswerden: Als er am Dienstag gefragt wurde, ob Israel ihn zu einem Angriff auf den Iran gezwungen habe, antwortete Trump: «Nein, vielleicht habe ich Israel dazu gezwungen.» Und später sagte er: «Wenn überhaupt, dann habe ich Israel dazu gezwungen.»
Cui bono? Möglicherweise die Golfstaaten
Dass nicht nur Israel, sondern auch die Golfstaaten Druck auf Donald Trump ausgeübt haben, berichtet die Washington Post. Sie stützt sich auf vier anonyme Quellen. Demnach habe der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman im vergangenen Monat «mehrfach privat mit Trump telefoniert und sich für einen Angriff durch die USA ausgesprochen.» Dies, obwohl er öffentlich eine diplomatische Lösung befürwortet hatte.
Die US-Journalistin Rachel Maddow glaubt ebenfalls, dass die Verbindungen Trumps und seines Umfelds mit den Golfstaaten ein Grund für den Angriffskrieg sein könnten. Sie stellt sich die Frage: Cui bono? Also: Wer profitiert? Maddow sagt: «Wer möchte, dass der Iran von der Landkarte gebombt wird? Wer sind ihre Rivalen und Feinde? Seit jeher sind es die arabischen Golfstaaten, Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar.»
Es seien «jene Länder, die in den letzten Jahren und insbesondere in den letzten Monaten mit erstaunlichen Geldsummen fleissig Mitglieder der Trump-Familie und der Trump-Regierung gekauft haben», argumentiert Maddow, die auf das 400-Millionen-Dollar-Geschenk in Form eines Flugzeugs von Katar an Donald Trump verweist, oder auf die Arabischen Emirate, mit deren Hilfe zwei Milliarden Dollar in die Krypto-Finanzfirma der Familie Trump flossen.
Abschreckung: China als ultimativer Feind
Interessanterweise sind es vor allem wirtschaftsnahe Kreise, welche diesen Punkt besonders hervorheben. Sowohl der «Economist» als auch ein Journalist im «Wall Street Journal» betonen die Wichtigkeit Chinas für diesen Angriffskrieg.
Und der deutsche neoliberale Ökonom Lars Feld sagte am Mittwoch im deutschen Fernsehen: «It's all about China.» Er glaubt, dass es um ein Zeichen an die Grossmacht ging, die vor einem Angriff auf Taiwan steht. Feld denkt zudem nicht, dass es Trump um Öl geht – oder nur indirekt. Vielmehr könnten die USA verhindern wollen, dass Venezuela und der Iran weiterhin billiges Öl und Gas an China verfrachten.
Der Economist warnt zwar vor den Konsequenzen für die internationale Ordnung und Sicherheit, betont aber auch:
Diese Botschaft würde China nicht entgehen, so die Zeitung, «das bislang tatenlos zugesehen hat, wie Amerika und Israel den Nahen Osten neu gestaltet haben.»
Ähnlich sieht es das konservative Wall Street Journal in einem Meinungsartikel mit dem Titel «Trumps komischer Iran-Krieg»: «Trump sieht sich selbst als den grössten Akteur auf der Bühne, untrennbar verbunden mit den USA als dem stärksten Land. Die Gegenparteien, die ihm wichtig sind, sind Wladimir Putin und Xi Jinping.» Der Journalist vermutet: «Er will eine ganz bestimmte Botschaft senden, selbst auf die Gefahr hin, die aktuellen Bestände des US-Militärs zu erschöpfen. Er zeigt seine Bereitschaft, persönlich gegen Staatschefs vorzugehen, die seine verbleibende Amtszeit bedrohen.»
Auch der US-Ökonom und bekannte Trump-Kritiker Jeffrey D. Sachs betont die gewünschte Vormachtstellung der USA. In einem Interview sagte er: «Israel will die Hegemonie [heisst: Vormachtstellung] im Nahen Osten. Und die USA wollen die Hegemonie in der Welt. Nur darum geht es bei dieser Partnerschaft.»
Aufmerksamkeit und die Möglichkeit, in die Geschichte einzugehen
Der Iran ist bereits das siebte Land, das Donald Trump seit dem Antritt seiner zweiten Amtszeit bombardieren lässt. US-Journalistin Rachel Maddow kommt damit in ihrem Meinungsbeitrag auf die Frage zurück: Cui bono? Wer profitiert? Und ihre zweite Antwort ist: «Es gibt nur ihn und das, was wir über ihn wissen.»
Wie andere zuvor argumentiert Maddow, dass Donald Trump ein Krieg grosse Aufmerksamkeit beschert.
Im Kriegsfall kann Trump selbstständig agieren, glaubt Maddow. Und: «Es ist spannend, es ist umstritten, es dreht sich alles um ihn, und – nicht umsonst – ist es der grösste Themenwechsel der Welt.»
Dass es ihm beim Angriffskrieg um seine Person geht, glaubt auch der Economist. Dabei gehe es auch um die Bedeutung des Iran als Staat, an dem sich vorherige Präsidenten die Zähne ausgebissen hatten. In überraschend deutlichen Worten schreibt der «Economist»: Ein Grund für den Krieg könnte es sein, «diese lange Liste von Präsidenten zu übertrumpfen, indem er derjenige ist, der mit dem Iran abrechnet.»
Auch der Meinungsbeitrag eines Journalisten im «Wall Street Journal» geht in diese Richtung. Trump lebe zum Teil in der Vergangenheit und wolle «die Probleme überwinden, die seine Vorgänger lächerlich gemacht haben». Dazu gehöre auch der Iran.
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