Queer, jung, Nationalrätin: «Ich bin für viele Männer ein wandelnder Trigger»
In der Weltpolitik regieren Männer wie Donald Trump, Benjamin Netanjahu und Wladimir Putin. Wie fühlt es sich im Jahr 2026 an, als linke, queere Frau zu politisieren?
Anna Rosenwasser: Manchmal fühlt es sich überfordernd an. Aber es hilft mir, zu wissen, dass wir Teil einer grösseren Bewegung sind. Ich habe jeden Tag Kontakt mit Menschen, die mich unterstützen. Dadurch fühle ich mich nie allein.
Tamara Funiciello: Genau, Donald und Co. versuchen uns zu isolieren und uns zu sagen: Ihr könnt sowieso nichts verändern. Rechtsrutsch bedeutet, den Menschen das Gefühl zu geben, dass es keine Alternativen gibt. Wer Hoffnung und Visionen hat, wird in Zeiten wie diesen lächerlich gemacht. Dem stellen wir uns entgegen.
Rosenwasser: Wir wollen zeigen, wie Veränderung möglich ist. Und wir wollen mit dem Bild des typischen Politikers brechen.
Anna Rosenwasser (35) ist seit 2023 im Nationalrat für die SP. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung SP Queer.
Wie sieht dieses Bild genau aus?
Rosenwasser: Seriös, unantastbar, hart. Das ist eine sehr patriarchale Vorstellung. Viele Frauen und queere Menschen fühlen sich dadurch aus der Politik ausgeschlossen. Weil man ihnen sagt: Ihr passt hier nicht rein. Wir wollen zeigen, dass gute Politikerinnen auch empathisch sind.
Funiciello: Und: Man muss nicht alles wissen, um Politik zu machen. Man kann und soll auch zusammen lernen.
Sie politisieren beide für die SP und setzen sich für feministische Anliegen ein. Wo unterscheiden Sie sich?
Funiciello: Anna sagt «Büsis», ich sage «Bitches» (lacht).
Rosenwasser: Ich glaube, wir haben einen unterschiedlichen Vibe. Ich habe sehr gerne Kitsch und Hyperfeminität.
Funiciello: Heute bin ich grau gekleidet, das ist für meine Verhältnisse sehr farbig.
Rosenwasser: Aber im Ernst: Ja, wir unterscheiden uns. Manche Medien wollen uns darum zu Konkurrentinnen machen.
Funiciello: Es gibt den Mythos, dass junge Frauen Konkurrentinnen sein müssen, dass es nur eine geben kann. Gleichzeitig hat es Platz für neun Männer namens Thomas in diesem Rat. Wir zeigen: Junge Frauen können auch Komplizinnen statt Konkurrentinnen sein.
Und inhaltlich?
Rosenwasser: Wir sind in anderen Kommissionen und bearbeiten unterschiedliche Themen.
Funiciello: Es gab Momente, da waren wir uneinig. Und dann reden wir zusammen und lernen voneinander.
Am Freitag erscheint die erste Folge Ihres Podcasts «*innenpolitik». Ihr Parteipräsidium hat mit «Meyer:Wermuth» bereits einen erfolgreichen Podcast. Warum braucht es einen weiteren SP-Podcast?
Funiciello: Unserer ist ein Podcast der SP Frauen und der SP Queer. Wir sind Teil der gleichen Familie, aber definitiv nicht dasselbe.
Wieso nicht?
Rosenwasser: Es geht darum, einen Podcast für die feministische Bewegung zu haben.
Funiciello: Anna und ich haben bereits ein Bühnenformat zusammen: den feministischen Sessionsrückblick. Diese Anlässe sind immer ausverkauft und wir haben eine gute Chemie zusammen. Dabei haben wir gemerkt, dass wir Menschen damit anstecken und sie für Politik begeistern können. Ich denke, die Schnittmenge der Personen, die unseren Podcast und «Meyer:Wermuth» hört, ist relativ klein (lacht).
An wen richtet sich Ihr Podcast?
Rosenwasser: Ich stelle mir eine queere Person oder eine Frau zwischen 20 und 30 vor, die vielleicht schon an einer Demonstration war, aber nicht unbedingt weiss, was eine Fraktion oder eine Session ist.
Funiciello: Die Person, die ich mir vorstelle, ist älter als 30 und will wissen, was hinter den Kulissen passiert. Und sie ist hässig.
Rosenwasser: Ich denke, deine Person ist hässiger als meine (lacht).
Also Menschen, die ohnehin schon Ihrer Meinung sind?
Rosenwasser: Nein. Wir wollen einen Raum bieten für eine Bewegung, die so gross ist, dass sie sich auch uneinig sein darf.
watson hat sich die erste Folge von «*innenpolitik» angehört. Darin geht es oft um Wut. Was macht Sie gerade wütend?
Funiciello: Wie lange haben Sie Zeit? Patriarchat, Kapitalismus, Krieg (lacht).
Gut, sagen wir heute.
Funiciello: Die Diskussion im Nationalrat über das Sparpaket. Wir sparen bei der internationalen Zusammenarbeit, bei der Bildung, beim Klimaschutz, bei der Gleichstellung. Da frage ich mich: Wie kann das sein? Ich denke, der Grund ist, dass Menschen wie wir hier in der Minderheit sind. Unsere Themen sind nicht prioritär, weil viele Politiker im Bundeshaus sie nicht erleben.
Ihnen schlägt auch viel Wut entgegen. Wann halten Sie diese für legitim?
Rosenwasser: Ich schaue, von wem die Kritik kommt. Wenn etwa queere oder migrantische Menschen sie äussern, nehme ich sie sehr ernst.
Funiciello: Wut ist ein Gefühl und Gefühle dürfen immer sein. Die Frage ist aber: Wie wird sie an mich herangetragen? Beleidigungen oder Drohungen sind nie legitim. Ich bin Frau, lesbisch und Migrantin. Manchmal wissen die Leute gar nicht, wie sie mich beleidigen sollen.
Wie viel Kritik muss eine Politikerin oder ein Politiker aushalten?
Funiciello: Es ist unsere Verantwortung, Kritik ernstzunehmen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Kritik, die zum Schweigen bringen will, und solcher, die will, dass man sich weiterentwickelt.
Rosenwasser: Wir erhalten aber auch viel Unterstützung, nur ist die weniger sichtbar. In den letzten Tagen haben mir mehrere Frauen auf der Strasse im Vorbeigehen gesagt: «Danke für deine Arbeit.» Das gibt mir extrem viel.
Funiciello: Ich habe eine solide Basis von Frauen über 50, die mich wortlos auf der Strasse umarmen. So schön.
Die Männer sind Hater, die Frauen Unterstützerinnen? Ist es wirklich so einfach?
Funiciello: Natürlich gibt es auch Männer, die uns unterstützen. Aber es ist schon so: Ich bin für viele Männer ein wandelnder Trigger. Rein durch meine Sexualität und weil ich sage: Mein Schwerpunkt liegt bei Frauen und Flinta-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen). Ich bezweifle, dass Markus Ritter so oft gefragt wird, warum er sich nur um die Bauern kümmert.
Rosenwasser: Wir haben viel mit solidarischen und feministischen Männern zu tun. Aber Hass erhalte ich tatsächlich nur von Männern.
Funiciello: Ein Satz, den ich häufig zu hören bekomme, ist: «Ich könnte das nicht.» Wer auf Social Media Hass gegen mich verbreitet, bringt mich damit zwar nicht zum Schweigen. Aber er kann andere Frauen und queere Personen stumm machen, die sich vielleicht politisch engagieren wollen. Das ist das Problem.
Internationale und nationale Studien zeigen: Junge Männer werden tendenziell rechter, junge Frauen linker. Wie stellt ihr euch einen Feminismus vor, der auch die jungen Männer mitnimmt?
Funiciello: Ich denke, wir leben ihn bereits. Ja, wir sind an einem Punkt, an dem wir Männer outcallen. Es braucht eine Auseinandersetzung, die nicht immer sanft ist. Aber: Wir leben Männern auch vor, was es heisst, mit Geschlechterstereotypen zu brechen. Wir lassen sie ja nicht einfach im Regen stehen.
Rosenwasser: Genau, wir sagen: Hier ist der Schirm, du hast auch Platz darunter. Aber ja, wir verlangen von ihnen, dass sie zuhören und dazu lernen.
Funiciello: Leider sehe ich immer noch zu viele Männer, die schweigen. Und die nicht bereit sind, sich selbst als Teil einer Gesellschaft zu sehen, die Frauen unterdrückt. Es braucht eine Männeremanzipation. Diese können wir ihnen aber nicht abnehmen. Sie müssen sie selbst machen.
In ihrem Podcast geht es auch um Privates. Wo ziehen Sie die Grenze, wie viel Sie von sich preisgeben?
Rosenwasser: Bei mir liegt die Grenze vor allem bei meinen Freundinnen und Familienmitgliedern: Nur, weil ich in der Öffentlichkeit stehe, müssen sie das nicht automatisch auch.
Funiciello: Wir werden sehen (lacht). Ich spreche über meine Identität, weil sie politisch ist. Meine Queerness, mein Frausein, meine Migrationsgeschichte und mein sozioökonomischer Hintergrund sind in der heutigen Gesellschaft leider immer noch mit Diskriminierungen verbunden. Darum hat es auch eine politische Relevanz, über Dating zu sprechen, wenn es um Frauen geht.
Rosenwasser: Wenn ein Politiker mit einer Frau verheiratet und Millionär ist, kennt man seine Sexualität und seinen sozioökonomischen Hintergrund auch. Aber es gilt dann als neutral. Die Abweichung von dieser Norm gilt als zu viel Information. Aber mir wäre es auch lieber, wenn meine Queerness nicht politisch wäre, sondern einfach nur schön.
