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Gans. Trocken. Wie jedes Jahr.<br data-editable="remove">
Gans. Trocken. Wie jedes Jahr.
Bild: shutterstock
Yonnihof

O du fröhliche. Oder so.

15.12.2015, 16:0415.12.2015, 17:26

Noch eine gute Woche, dann steht das Christfest vor der Tür. O du fröhliche.  

Obwohl uns diese Zeit in Kindertagen als Fest der Nächstenliebe und der Harmonie verkauft wurde, ist es in Tat und Wahrheit eher ein Moloch des Familienstreits – Nächstenliebe my Ass!  

Ein Freudenfest ist Weihnachten denn auch oft nur für all die Paartherapeuten, die nach Neujahr die Scherben so mancher angeschlagenen Dyade zusammenkehren dürfen. Ka-Ching!  

Gerade Weihnachtsfeiern in Grossfamilien bieten so manches Konfliktpotential.  

Nur schon, wenn der Kater der Ü20er, den sie sich am Abend zuvor mit ihren Freunden eingefangen haben, auf das Blockflötenspiel der U8er trifft. «Was soll das bedeuten», das wohl nervigste Blockflötenlied, das jemals erfunden wurde und das auch mich heute noch in meinen Träumen heimsucht, bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Da liegen sie dann zusammengesackt auf Omas Sofa, die 20er bis 30er und verziehen ihr Gesicht in Schmerz, während Klein-Emma zum siebten Mal «Ou, falsche Ton, ich fang namal a, hihi» quakt und von ihren Eltern enthusiastisch mit übertriebenem Lächeln und Klatschen angefeuert wird. Deshalb wird an Weihnachten auch regelmässig Grosis Medi-Schrank geplündert und der Schmerz so lange mit Aspirin gedämpft, bis der Alkoholpegel wieder hoch genug und einem das Unwohlsein egal ist.  

Ein gewisses Ausmass an Gleichgültigkeit ist in solchen Situationen auch durchaus nützlich, vor allem, wenn der Banker-Cousin seine neue Freundin (geschätzte Nummer 397) mitgebracht hat, und diese mit piepsiger Stimme von den Ferien auf Bali erzählt, wo die Leute ja «Uu nichts haben, aber doch uu glücklich sind, weisch.» Auf den Po ebendieser Freundin starrt Onkel Hans dann leider einen Tick zu lange, worauf er von Tante Susi einen Anschiss kassiert. Nicht nur erkennt man ihre Brunsli-Engeli, die ihrer Meinung nach jedes Jahr der Renner an der Familienfeier sind, nicht als solche – sie sehen eher aus wie kleine Kackhäufchen, aber niemand traut sich, das zu sagen – nein, jetzt muss auch noch ihr Mann dieses Beeri anglotzen.  

Kontrast dazu bietet der neue Freund von Cousine Mirjam. Der hat dunkel geschminkte Augen, blaugrüne Haare und sagt den ganzen Abend kein Wort. Tante Ursula ist ihr Unwohlsein bezüglich ihres potentiellen Schwiegersprosses mehr als anzusehen und sie eilt den ganzen Abend von Familienmitglied zu Familienmitglied und betont entschuldigend: «Er isch ebe Künschtler.»  

Onkel und Tanten gelangen irgendwann, wenn genug Sprit intus ist, zu denselben Diskussionen, die sie jedes Jahr führen, nämlich ob der Nachbarsbub damals Walti oder Werni hiess und ob die Beatles oder die Stones mehr «rockten» – ihre Kinder verdrehen indes ob der Wortwahl der Eltern ihre Augen so fest gen Himmel, dass man denkt, sie kämen nie wieder runter und stossen hie und da ein angenervtes «OU-ÄM-TSCHIII, MUÄTÄR» aus. Danach widmen sie sich wieder ihren Smartphones und Tablets und schlachten darauf irgendwelches Gemüse mit Macheten ab.  

Nachdem man sich pro forma lächelnd für die kratzigen Wollsocken, die CD von Miley Cyrus («Das losed Ihr Junge doch hüt so gern, gäll? Ich han ebe en Tipp übercho vo de Brigitt, wo im Ex Libris schafft!») und die megahässliche Tasse mit dem eigenen Initial drauf bedankt hat (Gottlob kennt man viele Menschen, deren Namen auch mit Y anfangen), wird das Festmahl aufgefahren.  

Die Gans ist zu trocken, wie jedes Jahr, und Grossmutter verbringt – wie jedes Jahr – den gesamten Abend damit, sich dafür zu entschuldigen, dass die Gans zu trocken ist. «Das ist mir also noch nie passiert», sagt sie. Wie jedes Jahr.  

Grosstante Irma ist ausser sich, dass Stocki aufgefahren wird und kein selbstgemachter Kartoffelstock. Soweit sei’s nun also, Stocki, heinamal, murmelt sie, während sie sich Berge der ungeliebten Flockenbeilage in den Mund schiebt. So schlimm kann’s also nicht sein.  

Irgendwann im Laufe des Abends fängt zwangsweise irgendwas Feuer. Der Baum, das Brotchörbli, die Katze ... irgendwas brennt immer – und Onkel Kaspar ist jedes Mal aufs Neue stolz, einen Eimer Wasser bereit gestellt zu haben. Sicherheit kommt zuerst, nämli.  

Sind alle Geschenke ausgetauscht, die Gans verspeist, der Grappa ausgetrunken und die Katz gelöscht, sammelt jeder seine schlafenden Kinder auf dem Sofa zusammen und trägt sie zum völlig zugefrorenen Auto. Auf der Heimfahrt wird noch jedes einzelne Familienmitglied durchdiskutiert, bevor man erschöpft ins Bett fällt.  

Na dann: Frohe Weihnachten!

Yonni Meyer
Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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