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flughafen security schlange

Bild: shutterstock

Yonnihof

Ferienanfang am Flughafen



Yonnihof Yonni Meyer

Zürich-Flughafen, gestern, 17.00 Uhr. Die Frisur hält. 

Das ist dann aber auch schon ziemlich alles, denn ansonsten ist sprichwörtlich kein Halten mehr. 

Der Ferienanfang in vielen Kantonen war mehr als merklich zu spüren. Schon im Parkhaus waren die grünen Liechtli über den freien Parkplätzen sehr rar gesät (übrigens herzlichen Glückwunsch an den Flughafen Zürich für dieses System, absolut phänomenal) und bereits vor den Liften bildeten sich Schlangen von Menschen, die in die erhoffte Kühle des Check-in und Shoppingbereichs zu flüchten versuchten. Doch weit gefehlt. Glaskuppeln und gefühlten 100'000 Menschen sei Dank, war auch im öffentlichen Bereich des Flughafens keine Alternative zum Schwitzen zu finden. 

Die Menschen schoben ächzend ihre Koffer vor sich her, blieben direkt vor der Rolltreppe stehen, weil dort grade ein Lüftchen ging, und wurden alsbald fast von den hinter ihnen Gehenden überwalzt. 

Am Check-in dann die Erleichterung: Die Schlange vor dem SWISS-Schalter ist übersichtlich. Beziehungsweise die Schlange vor dem Drop-off-Schalter, denn einen Check-in suchte man vergebens. Dazu ist nun eine Reihe von Self-Check-in-Maschinen gleich vor dem Drop-off da, wo die Leute sich selber einchecken müssen, die noch keine Bordkarte haben. 

Da steht dann Walti, mit Silvia und den vier Kindern im Schlepptau, und schreit Zetermordio. «Das gaht doch eifach nöd! Jetz chönds eim nöd mal meh iichecke, isch däne eigentlich sogar s’Papier scho z’tüür?? Sonen verdammte Saftlade.» 

Ich muss ein wenig schmunzeln und möchte fragen, ob er denn das Papier aus der Maschine für magisches Gratispapier halte, behalte das aber brav für mich, mit Walti ist offensichtlich gerade nicht so gut Kirschen essen. 

Silvia nickt ihm sehr fest zu, beschwichtigt gleichzeitig mit Handgesten die anderen Fluggäste, die sich verwundert umdrehen, und versucht verzweifelt, der kleinen Madeleine eines der bereits ausgedruckten Tickets aus dem mit zermantschtem Zwieback verklebten Mäulchen zu reissen. 

Walti landet denn ein paar Meter hinter mir in der Schlange, noch immer zeternd. Er spricht den Herrn vor sich an: «Sie, händ Sie au a die Maschine müese? Das isch doch e Frächheit!» Der Herr, offensichtlich des Deutschen nicht mächtig, macht grosse Augen und zuckt mit den Schultern. «Jaja, scho guet», sagt da Walti und wendet sich Wichtigerem zu. Nämlich der Frage, warum es nicht schneller vorwärts geht. Ich persönlich warte nur auf das erste «You are a dreamer, you» in Richtung Bodenpersonal.
Es sollte nie kommen. 

Bei der Security herrschte das vermutete Chaos. Irgendwann ist dann da die kritische Marke erreicht. Kennen Sie das? Wenn die Leute für ihr eigenes Dafürhalten einen Tick zu lange anstehen müssen und deshalb stimmungsmässig dermassen angeknackst sind, dass sie das Gefühl bekommen, sie könnten jedem alles sagen? 

Vor mir tat das ein sehr ferienbereit aussehender Mann (zu erkennen an Strohhut und Badelatschen) um die 40. Der ältere Herr vor ihm begab sich ans Band für die Handtaschen, Laptops usw. und legte all seine Besitztümer darauf. Die Security-Angestellte fragte ihn alsbald, ob er kein Laptop dabeihabe. «Oh, doch, habe ich», antwortete der Mann und zog seine Tasche laaaaangsaaaaam wieder vom Band, um den kleinen Computer laaangsaaaaam daraus zu befreien. Dann bewegte er sich laaaaangsaaaaam zum Detektor, als die Dame ihn abermals zurückzitierte und sagte, er habe seinen Gürtel nicht ausgezogen. Nochmals «Oh ja, stimmt, vergessen» und machte sich daran, das lange Lederstück laaaaaangsaaaaam aus den Laschen zu ziehen. 

Da tätschte es dem Mann hinter ihm, der während er ganzen Szene immer lauter zu schnauben begonnen hatte, den Nuggi raus und er schnauzte seinen Vordermann an: «Es isch ja nöd so, dass Sie jetzt öppe ZWÄNZG Minute Ziit gah hetted, zum das Züüg fürehole und abzieh!» Der Angesprochene gab zurück, er wisse nicht, was ihn das anginge. Der Mann zeigte auf uns hinter ihm Stehenden und sagte: «MIR WARTED ALLI!» 

Ich lächelte und sagte: «Voll easy, mir macht das nüt» – weil es mir einerseits tatsächlich nichts ausmachte, ich schon x-fach selber vergessen hatte, meinen Gürtel auszuziehen und weil ich nicht wollte, dass die beiden aufeinander losgingen und ich mein Flugzeug verpassen würde, weil man vorübergehend aus Sicherheitsgründen die Security komplett zumachen musste. 

Die Flughafenangestellte machte das einzig Richtige: Sie übertönte die beiden mit einem prägnanten «HEY», schickte den jungen Herrn ein paar Schritte zurück und liess den älteren Mann passieren. Jeder in seine Ecke, wie im Chindsgi. Geht doch.  

Durch die Verzögerung war ich etwas später dran, kam aber noch immer pünktlich zum Boarding zum Gate, als es hiess: «Aufgrund der Wetterlage verzögert sich die Ankunft unseres Flugzeugs um unbestimmte Zeit, wir bitten um Ihr Verständnis.» 

Da dauerte es geschätzte sieben Sekunden und die Hälfte der Wartenden hatte das Natel in der Hand und besprach mit John oder George, dass «the flight delayed» sein würde und dass es «very annoying» sei und die Augen wurden allesamt maximal verdreht. 

Sieben Minuten später hiess es, SWISS würde sich also aufs Ausserordentlichste entschuldigen, aber das Boarding würde mit circa 15 Minuten Verspätung anfangen. In keinem anderen Land würde man sowas überhaupt ankündigen, geschweige denn sich dafür entschuldigen. 

Ich fand das amüsant, die erwähnten Geschäftsleute weniger, weil sie nun John und George nochmals anrufen mussten, man könne sie doch zum vereinbarten Zeitpunkt in London City abholen kommen. Und ja, auch das sei wieder «very annoying»

Im Flugzeug dann eine Familie vor mir, deren Teenager-Kinder den Sinn von Kopfhörern noch nicht für sich entdeckt hatten und die auf ihren iPad Minis mit Maximallautstärke irgendwelche Spiele spielten, bei denen sie Schildkröten mit Obst erschlagen mussten. Oder umgekehrt. 

Als die Dame auf der anderen Seite des Gangs die Mutter bat, ihre Kinder aufzufordern, die Lautstärke nach unten zu regulieren, meinte diese, so laut sei’s nun auch wieder nicht und es sei ja nicht so, als ob’s im Flugzeug sonderlich leise sei. Da schaltete ich mich dann doch auch ein und sagte, mich würde der Sound auch stören. «Sie haben wohl keine Kinder», tönte es mir da entnervt entgegen. 

Hoppla. «Nein», antwortete ich, «aber Kopfhörer, falls Ihr Sohn sie gerne ausleihen möchte.» 

Ich weiss nicht genau, was am Reisen die Leute so an den Rand des Wahnsinns treibt. Ich bekomme manchmal das Gefühl, als würden mit dem Aufbruch in die Ferien auch die Zündschnüre der Menschen gekürzt. Vielleicht haben die Leute einfach die Schnauze voll vom Alltag und möchten so schnell wie möglich weg – und da sind ihnen dann all die anderen Menschen, die auch so schnell wie möglich weg wollen, irgendwie im Weg? Oder vielleicht hat der Mensch einen inneren Drang, sich die Reise mit Streit, Drängeln und Anfeinden so mühsam wie möglich zu machen, damit sich die Ferien im Gegensatz dazu so entspannend wie möglich anfühlen?

Was auch immer es ist – für die Leute am Flughafen gestern ist's nun vorbei und sie befinden sich in ihrem wohlverdienten Urlaub.

Na dann, schöne Ferien.

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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