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Yonnihof

Zur DSI: «Ich will nie eine jener sein, die schwiegen.»

Bild: shutterstock

Meine Gefühlslage zur Durchsetzungs-Initiative.



Yonnihof Yonni Meyer

Zur DSI wurde meines Erachtens schon alles gesagt, was es an Argumenten im gesamten Universum überhaupt gibt. Auch von mir. Selbstverständlich steht in meinen Augen völlig offensichtlich fest, wie man abstimmen muss. Nur tut es das in den Augen der anderen Seite eben auch.  

Ich habe mich in den letzten zwei Wochen so oft mit fremden Menschen auseinandergesetzt wie schon lange nicht mehr – und das war gut so. Gut vor allem, weil der Diskurs stattfindet, viel mehr als bei anderen Abstimmungen. Die Leute streiten sich zwar, aber das Thema kommt auf den Tisch.

Und: Ich beobachtete viel öfter als angenommen faire Auseinandersetzungen. Bei mir auf der Page und auch hier auf watson. Hier wieder einmal ein grosses Kompliment an die Community: Es ist immer wieder eine Freude, die Auseinandersetzungen in den Kommentarspalten hier zu lesen, die – angesichts der Brisanz des Themas – erstaunlich selten unter die Gürtellinie gehen. Grossartig!  

Nun aber zurück zum Thema. Wie gesagt, die Argumente sind da, gemäss Hochrechnungen hat sich das Ja in den letzten Wochen in ein Nein verwandelt, was mich persönlich als Gegnerin natürlich freut. Trotzdem sollte man sich nicht in trügerischer Sicherheit wiegen und das Stimmcouvert am 29. Februar ins Altpapier werfen.  

Nebst der Faktenlage, die offensichtlich noch genug Interpretationsspielraum lässt, dass zwei komplett konträre Gesichtspunkte möglich sind und vehement vertreten werden, bleibt noch die Gefühlslage.  

Dies hier ist meine persönliche Gefühlslage.  

Erst einmal: Ich sage nicht, dass wir uns in einem neuen Faschismus befinden, auch wenn das viele behaupten. Soweit würde ich niemals gehen. Nur schon die Voraussetzungen sind heute komplett anders als damals. Ich habe aber das Gefühl, dass wir uns an einem Punkt befinden, an dem Weichen gestellt werden, die uns auf einen möglicherweise sehr unguten Kurs bringen könnten. Diese Weichen wirken losgelöst vom Kontext mehr oder weniger harmlos, aber jede einzelne bringt uns weiter ab von den Werten, die ich an der Schweiz schätze: Solidarität, Neutralität, Verhältnismässigkeit.  

Nochmal, ich bezeichne die Schweiz nicht als «Viertes Reich». Ich sage nicht, dass alle SVPler Nazis sind. Ich weiss nicht, wohin genau der politische Trend der letzten Jahre unser Land führen wird, sollte er nicht aufgehalten werden. Mein Gefühl aber sagt mir, dass es kein besonders guter Ort ist. Und ich will nie eine von jenen sein, die schwiegen.

Ich kann mich an unzählige Unterhaltungen nach Geschichtsunterrichtsstunden erinnern, wo ich mit meinen Gspähnli zusammensass und wir uns alle fragten: «Wie um alles in der Welt konnte das nur passieren? Warum hat nie jemand etwas gemacht?»

Vielleicht, weil da eben auch eine Weiche nach der anderen gestellt wurde. Weichen, die einzeln und so wie sie verpackt waren und verkauft wurden, wirkten, als seien sie gut fürs Land und vor allem fürs Volk. Retrospektiv sieht es völlig offensichtlich aus, dass man auf die Barrikaden hätte gehen müssen, doch im Moment und inmitten der Situation ist das oft nicht ganz so offensichtlich.  

Wichtig: Ich vergleiche hier nicht die Ziele, sondern die Wege an einen unguten Ort – den einen kennt man, der andere ist noch offen.  

Ich kann die Ängste vieler Landsleute nachvollziehen. Ich bin selbst oft auch überfordert. Ängste sind menschlich und natürlich. Aber ich halte es für den falschen Weg, auf Angst (die sich wunderbar manipulieren lässt) basierend Entscheidungen zu fällen, die unser Land nachhaltig prägen, und die innerhalb unserer abgeschotteten Insel noch mehr Inseln für die auch so schon Privilegierten schaffen. Die Tatsache, dass der Teil der Bevölkerung, um dessen Zukunft es geht, in dieser Sache kein Mitspracherecht hat, ist charakteristisch für den unguten Trend, der mir Bauchweh macht.

Mein Gefühl ist kein gutes. Vielleicht täuscht es mich ja.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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